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Serie Teil 4: Tschechien und Slowakei: Die neuen Golf-Staaten

Warum hat sich die Tschechoslowakei eigentlich geteilt? 1993 wurden per Parlamentsentscheid aus einem europäischen Mittelstaat zwei Kleinstaaten mit geringem politischen Gewicht. Jetzt hoffen Tschechen und Slowaken auf die EU.

Jetzt sind sie doch wieder da, die Deutschen. Getarnt hinter der postmodernen Glasfassade und dem Logo des Skoda-Werks in Mladá Boleslav, steigern sie entscheidend das Bruttosozialprodukt der Republik Tschechien. Denn Skoda, das Aushängeschild der tschechischen Industrie schlechthin, gehört seit 1991 zu 100 Prozent dem Volkswagen-Konzern, ist größter privater Arbeitgeber im Lande und erwirtschaftet allein über zehn Prozent der Exporterlöse.

Da hatte man nach Kriegsende 1945 über zwei Millionen Sudetendeutsche enteignet und vertrieben, weil man sie, die vorher jahrhundertelang Mitbürger gewesen waren, pauschal als Handlanger Hitlers einstufte. Da glaubte man, sie endlich los zu sein. Stattdessen geben die Deutschen aus ihren Managersesseln in der Chefetage bei Skoda den Ton an und die Sprache vor: Obwohl nur Tschechen am Fließband stehen, sind die Informationsschilder für die 21 000-Personen-Belegschaft in den klinisch sauberen Montagehallen zweisprachig, Tschechisch und Deutsch. Im Vorstand ist Deutsch sowieso Geschäftssprache.

Ironie der Geschichte

Schmerzt solche Ironie der Geschichte das tschechische Herz? "Vielleicht bei ein paar älteren Leuten", sagt Igor Duda, "aber für meine Generation ist das kein Problem mehr." Der 28-jährige Ingenieur spricht makelloses Deutsch. Er hat in München studiert, wollte bei Siemens einsteigen, doch als ihm die Firma keinen Job in der bayerischen Landeshauptstadt, sondern nur im biederen Erlangen anbot, ließ er sich lieber in der tschechischen Heimat als Produktionsleiter anheuern.

Mladá Boleslav liegt vor den Toren von Prag, und Duda hat jetzt das ersehnte Großstadtflair immerhin in Reichweite. "Nach der Wende hatte ja auch Peugeot an Skoda heftiges Interesse", sagt Duda, "doch wir Tschechen haben uns für Volkswagen entschieden. Für Disziplin, Gründlichkeit und" - kurzes Auflachen - "deutsche Wertarbeit."

Ob sie "Nemecko" nun mögen oder nicht - die Tschechen wissen, dass auch in den Zeiten der EU kein Weg am großen Nachbarn vorbeigeht. Deutsche Sprache und Kultur prägten Böhmen jahrhundertelang und es war Teil des deutschen Kaiserreichs. Die früheste deutsche Univer- sität wurde 1348 in Prag gegründet. Erst 1918 entstand mit Hilfe der Siegermächte des Ersten Weltkriegs die Tschechoslowakei, zusammengefügt aus Böhmen, Mähren und der Slowakei, die zuvor fast 400 Jahre lang Österreich-Ungarn angehört hatten.

Die lange Nacht des real existierenden Sozialismus

Mit dem Münchner Abkommen von 1938 vereinnahmte Hitler die deutschsprachigen Gebiete. 1939 degradierte er den Rest Tschechiens zum Vasallenstaat "Protektorat Böhmen und Mähren", die Slowakei erhielt die Unabhängigkeit. 1945 wurde die Tschechoslowakei fast vollständig in ihren alten Grenzen wiederhergestellt, die Deutschen mussten das Land verlassen. Drei Jahre später begann die lange Nacht des real existierenden Sozialismus.

Als ab 1989 das Sowjetimperium zerbröckelte, wandten sich die Tschechen dem bis dahin verteufelten Kapitalismus zu. Auch die Deutschen kamen wieder. Kauften sich Skoda oder eines der Mädchen, die gleich an der Grenze zwecks Aufbesserung der knappen Haushaltskasse in Schaufenstern kleiner Holzhütten auf Kunden warteten.

Vor allem aber sitzen die Ausländer seither bei einem Pilsner Urquell oder einem Budweiser - nicht nur von den Einheimischen als die zwei besten Biere der Welt angesehen -, die pro halbem Liter noch immer unter einem Euro kosten. Und wundern sich, wie unversehrt sich die meisten tschechischen Städte erhalten haben, umgeben von einem Sperrgürtel sozialistischer Plattenbauten und moderner Verbrauchermärkte.

Allen voran Prag, die Stadt der hundert Türme. Über die Karlsbrücke schieben sich die Menschen im Prozessionsstil an geschwärzten Barockfiguren vorbei. Kaum einer versäumt es, den heiligen Nepomuk zu reiben, der auf einer bronzenen Gedenktafel in der Brückenmitte von Schurken gerade kopfüber in die Moldau zu Tode gestürzt wird. Weil die Berührung Glück bringen soll, glänzt der Nepomuk wie Gold.

Der Prager Fenstersturz 1618

Von dort führt der Weg weiter zum Hradschin, der ehemaligen Hofburg. 1618 warfen protestantische Adelige den Statthalter der katholischen Habsburger samt seinen Beratern aus den Fenstern der Burg und lösten damit den Dreißigjährigen Krieg aus. Heute ist der Hradschin mit dem Veitsdom in seiner Mitte Tschechiens Sehenswürdigkeit Nummer eins. Abends, wenn er angestrahlt wird, scheint er über Prag zu schweben wie eine Gralsburg, fast nicht von dieser Welt.

"Wir haben auch noch die schönsten Jugendstil-Ensembles und das wunderbare barocke Strahovsky-Kloster. Und unser Nationaltheater und das gotische Rathaus, den Wenzelsplatz und den Altstädter Ring, die Hussitenkirche, das Rudolfinum, die Synagogen, das Belvedere. Und das..." Stopp, Gabina, wir glauben dir ja schon, dass Prag "scheenste Stadt der Welt" ist. Die junge Kulturwissenschaftlerin Gabina Mrazova sprudelt vor Begeisterung. Obwohl sie nicht aus Prag kommt, sondern aus Krumlov in Südböhmen. (Das übrigens auch ein mittelalterliches Kleinod und Unesco-Weltkulturerbe ist.)

Das Gute am Sozialismus sei gewesen, sagt Gabina, als sie wieder bei Atem ist, dass er aus Geldmangel seine fortschrittlichen Plattenbauten auf die grüne Wiese gesetzt und anders als die Modernisierer im Westen die Altstädte nicht angetastet habe. Dadurch sei in der trüben Zeit des Warschauer Pakts historische Substanz zwar verrußt und verkommen, aber nicht verloren gegangen.

Heute hat Tschechien neben Italien wohl die höchste Dichte an geschlossenen historischen Stadtbildern in Europa. Krumlov eben oder Prachatice mit seinen Sgraffiti-Fronten. TelS in Mähren, das einen makellosen Renaissance-Platz aufweist, der weltweit seinesgleichen sucht (ebenfalls Unesco-Weltkulturerbe).

Deutsche Rentner im "Egerländer Hof"

Und natürlich Karlsbad, die Bäderstadt der k. u. k. Monarchie schlechthin. Heute defilieren zwischen den Hotelpalästen aus der Gründerzeit zwar nicht mehr Herren mit Franz-Joseph-Bart und Damen in Reifrock und Korsett, sondern deutsche Rentner, die den "Egerländer Hof" - Motto an der Wand auf Deutsch: "Gott mit dir, ma Egerland" - zum Kaffeetrinken besuchen und in den preiswerten Pensionen abseits der Flanierstraßen wohnen. In den richtig teuren Schuppen wie dem schlossähnlichen Grandhotel Pupp logieren Herrschaften aus Moskau und St. Petersburg. Sie zahlen mit Geldbündeln, die sie aus der Hosentasche ziehen, und sind inzwischen ein so bedeutender Wirtschaftsfaktor, dass in den meisten Restaurants von Karlsbad die Speisekarten auch in kyrillischer Schrift ausgedruckt sind.

Vielen jungen Tschechen geht es inzwischen auf die Nerven, dass ihr Land im Westen den Ruf eines riesigen Freiluftmuseums mit billigem Bier hat. In einem der schönsten Jugendstil-Cafés von Prag treffen wir David Cerny. Der Künstler hat im Patio des Cafés den heiligen Wenzel, den sagenhaften Gründervater des Böhmischen Reichs, aufs hohe Roß gesetzt. Allerdings reitet er hier nicht auf dem Pferderücken, wie er es auf dem Original-Monument draußen vor dem Nationalmuseum tut. Sondern er sitzt auf dem Bauch des rücklings hängenden Tieres, was den wackeren Ritter zur leicht lächerlichen Figur macht. Der 36-jährige Cerny hat auch schon Babypuppen auf einen Amboss gelegt, über dem ein Hammer schwang, und einen bronzelackierten Trabi auf vier goldfarbene Riesenbeine gestellt. Alles Zeitkritik, sagt er und schleudert seine Haarmähne nach hinten.

Mitte der 90er Jahre war Cerny in New York. "Zu kalt, zu oberflächlich." Reumütig kehrte er in die Stadt von Schwejk und Kafka zurück. In Tschechien sind selbst Provokateure heimattreu. Auch wenn die Durchschnittseinkommen, an der Kaufkraft gemessen, nur etwa ein Drittel bis halb so hoch sind wie in der Europäischen Union, bleiben die Menschen lieber im Lande, sagt Cerny. "Oder habt ihr schon von tschechischen Baubrigaden oder Putzfrauen bei euch da drüben gehört?"

Trotz aller Heimatverbundenheit ist Schwejk, diese biegsame, listige Figur mit dem gemütlichen Herzen, die für viele Ausländer als die Inkarnation tschechischen Wesens gilt, für tschechische Jugendliche keine Leitfigur mehr. Sie wollen sein wie die jungen Menschen überall auf der Welt: dynamisch, international, mit E-Mail-Adresse und vor allem darauf bedacht, Spaß zu haben. Deutsch ist immer noch eine Sprache, die viele lernen, doch Englisch ist deutlich beliebter. Junge Tschechen hören keine böhmische Blasmusik und drehen sich nicht im Polkaschritt. Sie stehen auf HipHop und tanzen in Discotheken.

Sozialismus als kuriose Erinnerung

Der Sozialismus ist für sie nur noch eine eher kuriose Erinnerung. Die Alten, ja, die hätten noch diese Schwejkschen Züge, dieses Unterlaufen von Macht und Mangel, über Jahrzehnte eingeübt und kämen mit den neuen Zeiten nur schwer mit. Sie aber, die Jungen, wollen sich stellen, der EU, der Globalisierung. "Für junge Leute sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt gar nicht schlecht", sagt Ewald Trojansky von der deutschsprachigen Prager Zeitung, "aber ältere Menschen stellt hier überhaupt keiner ein. Die haben unter dem Sozialismus nie gelernt, was Markt heißt oder Marketing, und glauben noch immer, ein gutes Produkt würde sich von allein verkaufen." Doch auch die Generation unter 40 muss strampeln. Zu ihrem Arbeitsplatz bei Skoda pendeln über zehn Prozent der Beschäftigten täglich mehr als 200 Kilometer. Ingenieur Igor Duda fährt nur am Wochenende nach Hause. 400 Kilometer nach Ostrava.

Ostrava, mit mehr als 300 000 Einwohnern immerhin die drittgrößte Stadt der Republik, steht für das andere Tschechien. Das Tschechien, das den Anschluss verpasst hat.

Einst war die Region im äußersten Nordosten das tschechische Ruhrgebiet: Kohle, Stahl, Chemie. Während der Zeit des Warschauer Pakts versorgte sie die sozialistischen Bruderländer. Seitdem finden diese Industrieprodukte auf dem Weltmarkt keine Kunden mehr. Bei "Vitkovice Stahl" arbeiten noch 6500 Menschen, vor der Wende waren es über 40 000. Und so rauchen viele Schornsteine nicht mehr, sind die Montagehallen leer und die Fassaden der Arbeiterwohnungen noch grauer und schmutziger als früher. "Wer draußen ist, ist für immer draußen", sagt ein entlassener Stahlkocher resigniert. "Jetzt haben sie die stillgelegten Anlagen zu Industriedenkmälern erklärt. Wunderbar, mich können sie gleich als Arbeiterdenkmal dazustellen."

Vom grauen Ostrava sind es nur 30 Kilometer bis zur slowakischen Grenze. Eine echte Grenze mit Passkontrollen, Lkws in langen Warteschlangen und streng blickenden Zöllnern. Es ist eine sehr neue Grenze, erst elf Jahre alt, und niemand weiß heute so recht, weshalb es sie überhaupt gibt. Jahrhundertelang - unterbrochen nur von den sechs Jahren zur Hitlerzeit - lebten Tschechen und Slowaken in einem Staat.

Zwar fühlten sich dort die 5,4 Millionen Slowaken von den doppelt so zahlreichen Tschechen stets so herablassend behandelt wie rückständige Verwandte vom Land, doch ganz los von Prag wollten die Slowaken eigentlich nie. Es waren die ausgeprägten Persönlichkeiten der Ministerpräsidenten Václav Klaus in Prag und Wladimir Meciar in Bratislava, der slowakischen Hauptstadt, die den Riss zwischen den beiden eng verwandten Nationen zielstrebig so vertieften, dass es am 1. Januar 1993 zur Teilung kam. Mit einfacher parlamentarischer Mehrheit - eine Volksabstimmung über diese Grundsatzfrage hielten die Ministerpräsidenten nicht für notwendig.

Aus einem Mittelstaat wurden zwei Kleinstaaten

"Die beiden haben aus einem europäischen Mittelstaat zwei Kleinstaaten mit geringem politischen Gewicht gemacht", sagt Radovan Pokojny, 24, Hotelmanager in Bratislava. Irgendwie habe man sich mit dem Status quo arrangiert, jetzt hoffe man auf die EU. Ein durchaus ernstes Problem des jungen Staates Slowakei sei die Gefahr der Verwechslung mit Slowenien, einem anderen Neuling auf der Landkarte. "Ihr wart doch früher ein Teil von Jugoslawien, nicht wahr?", ist laut Pokojny im Ausland die häufigste Frage an ihn.

Diese Ignoranz ist unfair. Die Slowakei war bis 1990 immerhin eine der großen Rüstungsschmieden für den Warschauer Pakt. Die tschechischen Brüder siedelten hier die Art von Industrie an, die sie im eigenen Landesteil nicht haben wollten. Mit dem Ende des Sozialismus ging es für die Waffenproduktion steil bergab. Doch auch da waren die Deutschen in der Gestalt des Volkswagen-Konzerns flugs zur Stelle. Schon 1991 errichtete VW auf der grünen Wiese bei Bratislava ein Werk für jetzt 9000 Beschäftigte und ist auch in der Slowakei größter privater Arbeitgeber und Exporteur.

Die Arbeitnehmer sind so, wie sie sich ein Großkonzern wünscht: jung, flexibel und gewerkschaftlicher Quertreiberei abgeneigt. "Wir geben allen Arbeitern, die Deutsch lernen, eine monatliche Prämie", sagt Manfred Bauder, VW-Finanzchef in Bratislava, "damit sie besser mit dem Mutterhaus in Wolfsburg kommunizieren können." Jobs bei VW sind begehrt. In der Region von Bratislava sind die Durchschnittslöhne etwa doppelt so hoch wie im Rest der Slowakei.

Dort, wo die einzige durchgehende Autobahn des Landes nordöstlich der Hauptstadt jäh endet, werden die Berge höher und die Löhne niedriger. Hier beginnt Europas kleinstes Hochgebirge. Die Slowaken sind stolz auf die Felsklötze der Tatra, die ohne störende Vorhügel unvermittelt aus der Ebene emporragen. Eine Panoramastraße windet sich auf halber Höhe an der Bergkette entlang. Sie wird gesäumt von günstigen Hotels aller Kategorien. Die Gäste sind meist Ausländer - Tschechen, die schon immer hierher zum Skifahren oder Wandern kamen. Man bemüht sich um Internationalität: Ein Restaurant bietet "Tintenfässer in Tomatensosse" an. Es handelt sich um Calamari-Ringe mit kleinem Übersetzungsfehler.

Stolz auf die Eishockey-Nationalmannschaft

Noch größer als die Tatra ist in der Slowakei nur noch der Stolz auf die Eishockey-Nationalmannschaft. Die brachte 2002 das Kunststück fertig, Weltmeister zu werden und dafür unter anderem die Tschechen zu schlagen. Der Titelgewinn löste nationale Begeisterungsstürme aus. Tausende von Wodkaflaschen - bevorzugt der Marke "Stalins Tränen" - wurden geleert. Stürmerstar Petr Bondra, der in der nordamerikanischen Profiliga spielt, stieg endgültig zum größten Nationalhelden auf.

"Wir haben überhaupt keine Nachwuchssorgen, im Gegenteil", sagt Jozef Skokan, der Jugendtrainer der "Poprader Gemsen", die in der obersten slowakischen Liga spielen. Poprad ist eine Mittelstadt im östlichen, strukturschwachen Teil des Landes, und Eishockey ist hier das Größte. Die Eishalle ist jeden Tag von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends belegt, von Spielern ab neun Jahren. Schlittschuhlaufen können auch die Jüngsten schon perfekt. Bevor jemand hier mitspielen darf, ist er durch einen strengen Ausleseprozess gegangen.

Die Ausbilder sind keine Freizeittrainer, sondern ehemalige Spitzenprofis. Poprad steht in heftiger Konkurrenz zu anderen Zentren für Jungtalente im Land, und die Vorgaben des Slowakischen Eishockeyverbandes sind gnadenloser Sozialdarwinismus. "Wer länger als ein Jahr keinen neuen Nationalspieler herausbringt, dem werden die Subventionen bis zu 50 Prozent gekürzt", ruft Jugendtrainer Skokan über die Schulter und schnalzt mit der Zunge, während er zum Pulk seiner Schützlinge zurückkehrt: "Wären wir doch noch mit den Tschechen zusammen! Tschechische Technik und slowakischer Kampfgeist - das wäre eine unschlagbare Mischung!"

Ähnlich einfach wie die Sportförderung hat die junge Republik zum EU-Eintritt auch ihr Steuersystem gestaltet. Einheitlich 19 Prozent Gewinnsteuer muss jede Firma und jede Person unabhängig von Einkommen oder Familienstand seit dem 1. Januar 2004 bezahlen. Subventionen wird es nach den Plänen der wirtschaftsliberalen Regierung von Ministerpräsident Dzurinda nicht mehr geben. Diese Einheitssteuer klingt so frappierend simpel, dass man sich fragt, weshalb andere europäische Nationen bisher nicht darauf gekommen sind.

Zweifel an der Radikalkur

Doch Internationaler Währungsfonds und Weltbank, beide nicht eben Kapitalismusgegner, zweifeln, ob die Slowakei mit dieser Radikalkur zum Weltmeister der Steuerreform wird. In der Bevölkerung fürchten viele, dass die Einheitssteuer bald erhöht wird. "Die 19 Prozent sind nur der Einstieg. Mit dieser Quote lässt sich der Staatshaushalt nicht finanzieren", so Hotelmanager Pokojny. "Also wird man die Flatrate sehr schnell auf weit über 20 Prozent erhöhen müssen." Finanzminister Ivan Miklos gibt sich optimistisch: "Auf jeden Fall locken wir damit Investoren ins Land."

Am dringendsten könnte man ausländische Geldgeber im äußersten Osten der Slowakei gebrauchen. Im Grenzgebiet zu Polen und der Ukraine ist die Arbeitslosigkeit viermal so groß wie in der Region Bratislava, und die Abwanderung nimmt von Jahr zu Jahr zu. Die Verkehrsanbindung ist so schlecht, dass nur wenige Touristen den Weg zu den malerischen Burgen und Holzkirchen finden, die der Prospekt des slowakischen Touristikverbandes zu Recht als "wie aus dem Bilderbuch" preist.

Die Ausländer hier sind oft polnische Schnapsschmuggler. Sie kleben sich mit Isolierband die günstigen Flachmänner an Waden und Unterarme, ziehen weite Hosen und Jacken darüber und werden offensichtlich selten ertappt. "Nix Problem", sagt einer von ihnen, bevor sein Schrott- auto mit aufröhrendem Motor vom Parkplatz vor dem Schnapsladen Richtung polnischer Schlagbaum entschwindet.

Kurz vor der ukrainischen Grenze sind die Ortsschilder lateinisch und kyrillisch beschriftet. Immer mehr Kirchtürme tragen Zwiebeldächer, die Frauen zunehmend Kopftücher. Wir sind im ruthenischen Teil der Slowakei, wo die Menschen einen russischen Dialekt sprechen und nicht katholisch, sondern orthodox sind. Von der Fassade der Kirche in Medzilaborce schauen die Figuren der Slawenmissionare Kyrillos und Methodios hernieder.

Andy Warhol unter aufgespanntem Regenschirm

Hundert Meter weiter steht unter aufgespanntem Regenschirm die Skulptur eines Menschen, den man hier am wenigsten erwarten würde: Andy Warhol. Seine Eltern hießen noch Warhola und stammten aus einem Dorf fünf Kilometer außerhalb der Stadt. Zu Lebzeiten hat Warhol, der erst nach der Auswanderung seiner Familie im amerikanischen Pittsburgh geboren wurde, den Weg in die alte Heimat nie gefunden.

Doch 1991, vier Jahre nach seinem Tod, stiftete sein Bruder John Bilder und persönliche Gegenstände Andys - vom extravaganten Sakko über ein Tonbandgerät bis zum Taufhemd - als Grundstock für ein Warhol-Museum in Medzilaborce. Vor dem kahlen, fahlen Gebäude stand bald darauf der New Yorker Künstler in Bronze.

Im Inneren des Museums zupft Direktor Michal Bycko schwermütige Weisen auf der Gitarre. Rund 8000 Besucher zählte er im vergangenen Jahr. Sie kamen von überall her, nur nicht aus Medzilaborce. "Die Menschen von hier gehen lieber dort drüben rein", seufzt Bycko und nickt in Richtung der Kirchenfassade, von der herunter Kyrillos und Methodios starr und gütig am bronzenen Warhola vorbeischauen.

Teja Fiedler / print