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Streit um Grenzmauer: "Kaufe ich mir Medikamente oder Essen?" Regierungsschließung hat dramatische Folgen

Während US-Präsident Donald Trump und die Demokraten über den Bau einer Mauer zu Mexiko streiten, müssen Hunderttausende "Shutdown"-Opfer seit fast drei Wochen ohne Gehalt auskommen. Für sie wird die Lage immer dramatischer.

Protestaktion gegen den "Shutdown" von Behördenmitarbeitern in Philadelphia, im US-Bundesstaat Pennsylvania

"Muss arbeiten": Protestaktion gegen den "Shutdown" von zwangsbeurlaubten Behördenmitarbeitern in Philadelphia, im US-Bundesstaat Pennsylvania

AFP

Seit mittlerweile fast drei Wochen ächzen Hunderttausende US-Bürger unter dem "Shutdown" - und ihre Lage wird immer dramatischer. Mitarbeiter von neun Ministerien und zahlreichen Behörden bekommen kein Gehalt, Unternehmer keine Regierungsaufträge und zahlreiche Hilfsbedürftige keine staatliche Unterstützung mehr. Für viele Betroffene ist die Situation inzwischen sogar existenzbedrohend.

"Ich habe einfach Angst, dass das für lange Zeit so bleiben wird, und ich bin eine alleinstehende Frau", erzählt Belkys Colon der "New York Times". "Was wird mit mir passieren? Wer könnte mir helfen?" Die 51-Jährige verdient ihr Geld bei der Behörde für Wohnungswesen und Stadtentwicklung in New York, wie die Zeitung schreibt. Normalerweise würde Ende dieser Woche ihr Gehalt auf ihrem Konto eingehen und sie fürchte sich davor, was ohne das Geld passieren wird. Colons größte Sorge sei, die Miete für ihre Wohnung in der Bronx nicht mehr bezahlen zu können und auf die Straße gesetzt zu werden.

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Zurzeit versuche sie, so wenig Geld wie möglich auszugeben, berichtet Colon dem Blatt. Sie kaufe keine Lebensmittel außer Milch und räume ihre Speisekammer leer. Hauptsächlich lebe sie von Getreide, Brot, Crackern und anderen verpackten Nahrungsmitteln. "Im Moment muss ich sehr vorsichtig sein mit dem, was ich noch übrig habe."

"Kaufe ich mir Medikamente oder Essen?"

Angela Tucker geht es ähnlich. Die Strafvollzugsbeamtin in einer Haftanstalt nahe Seattle ist eine der vielen Regierungsangestellten, deren Tätigkeit als unverzichtbar gilt, und die deshalb verpflichtet sind, ohne Bezahlung weiter Dienst zu tun. Sie müsse wegen einer früheren Brustkrebserkrankung viele Medikamente einnehmen, schildert Tucker der "New York Times" ihre Notlage. "Also muss ich die Entscheidung treffen - füll' ich alle meine Medikamente nach, noch bevor ich sie brauche, weil ich vielleicht später kein Geld habe? Oder bezahle ich die Kinderbetreuung? Oder kaufe ich Essen?"

Für sie komme es jetzt darauf an, Prioritäten zu setzen und sich durchzuwurschteln, sagt die 44-jährige. "Worauf kann ich verzichten, was kann ich strecken, was brauche ich am dringendsten?" Ihr Auto tanke sie jetzt nur noch halb voll und all die anderen Rechnungen müssten einfach warten. "Ich kann nur hoffen und beten, dass das funktioniert."

Was die Dinge noch schwieriger mache sei, dass das Gefängnis unterbesetzt sei, klagt Tucker. Die Mitarbeiter müssten also nicht nur eine Schicht ohne Bezahlung arbeiten, sondern oft auch zwei hintereinander und damit 16 Stunden am Stück. "Wenn wir endlich bezahlt werden, werden wir versuchen, aus einem tiefen Loch zu klettern."

Mike Yohannes verkauft seit 20 Jahren Hotdogs, Schokoriegel und andere essbare Kleinigkeiten an seinem Stand in der Washingtoner Innenstadt. Aber der Regierungsstillstand könnte seinem Geschäft den Todesstoß versetzen, wie er der "USA Today" erzählt. Der "Shutdown" betreffe auch in der Nähe liegende Bundesämter, Museen und andere Anlaufstellen für Touristen, deshalb gebe es an seiner Verkaufsstelle derzeit deutlich weniger Laufkundschaft, sagt Yohannes. Seine Verkäufe seien daher um etwa 60 Prozent zurückgegangen.

"Die Geschäfte laufen sehr, sehr schlecht", berichtet Yohannes. Und alle drei Monate müsse er umgerechnet rund 455 Euro an Lizenz- und anderen Gebühren bezahlen, neben den Lebensmittelkosten. "Wenn es noch zwei, drei Monate so weitergeht, suche ich mir einen anderen Job."

Wegen "Shutdown" den Job verloren

Das steht womöglich auch Joseph Gudge bevor. "Ich muss ein Kind ernähren und Miete zahlen, und ich habe meinem Vermieter gesagt, nur eine Erhöhung und ich muss umziehen", zitiert die "New York Times" den Elektroniker, der für die Bundesregierung die Sicherheitssysteme der Flugsicherung am Seattle-Tacoma International Airport wartet. Maximal zwei Monate könne er durchhalten, sagt der 41-Jährige. Aber wenn er wegen des "Shutdowns" zu lange ohne Bezahlung weiterarbeiten müsse, habe er keine andere Wahl, als seinen Job zu kündigen.

Sunny Blaylock hat ihren Job schon verloren. "Habe gerade eine Nachricht erhalten, dass ich jetzt von meiner kleinen Firma, die Auftragnehmer der Regierung ist, entlassen werde, keine Lohnnachzahlung", twitterte sie jüngst unter dem Hashtag #ShutdownStories. "Ich entwerfe E-Learning und Apps für Diplomaten. Ich habe meinen Job geliebt. Mein Diplomaten-Ehemann gilt als unentbehrlich und arbeitet ohne Gehalt, wir haben eine Hypothek und ein Kind mit Zahnspangen. Bitte beendet das."

In einem Gastbeitrag für die "USA Today" berichtet Blayblock drei Tage nach ihrem Tweet, dass es einigen ihrer Kollegen noch schlechter ergeht: "Viele, die mit mir gearbeitet haben, leiden ebenfalls", schreibt die Mutter eines elf Jahre alten Mädchens und eines neunjährigen Jungen.

"Viele von denen, die mich und andere an meinem Arbeitsplatz unterstützt haben, einschließlich Cafeteria-Mitarbeiter und Hausmeister, sind auch Auftragnehmer und arbeitslos. Die Frau, die voller Stolz unsere Arbeitsplätze mit ihren selbstgemachten organischen Reinigungsmitteln sauber hielt, ist seit drei Wochen arbeitslos. Sie hat keine Ersparnisse, und sie ist nicht allein damit. Die meisten Menschen - ob im privaten oder staatlichen Sektor oder als Auftragnehmer - haben weniger als 1000 Dollar an Ersparnissen und leben von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck."

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Richtig teuer wird der "Shutdown" für einen Ureinwohnerstamm im US-Bundesstaat Michigan: 100.000 Dollar (rund 87.000 Euro) zahle der Staat den Angehörigen der Chippewa normalerweise jeden Tag, um ihre Krankenhäuser und Wohlfahrtsküchen zu unterstützen, berichtet die "New York Times". Bislang verwende der Stamm seine Rücklagen, um die fehlende Summe auszugleichen. Doch wenn der Regierungsstillstand weitergehe, sei das Geld noch in diesem Monat aufgebraucht. Dann müssten wohl Arbeitnehmer beurlaubt und die Gesundheitsdienste eingeschränkt werden.

Entrüstung über Ratschläge der Küstenwache

Einen Lösungsvorschlag für die finanziellen Probleme der "Shutdown"-Opfer hat die US-Küstenwache: In einem auf ihrer Webseite veröffentlichten Ratgeber riet sie ihren betroffenen Mitarbeitern, doch einfach Garagenflohmärkte zu veranstalten, als Babysitter zu jobben, mit Hunden Gassi zu gehen oder Nachhilfeunterricht zu geben. "Seien Sie kreativ", forderte der einzige vom Stillstand in Washington betroffene Teil der US-Armee die unbezahlten Küstenwächter auf. "Werden Sie Testkäufer. Einzelhändler möchten dringend den Service in ihren Geschäften prüfen und werden sie anstellen, um einzukaufen und ihren Service zu bewerten."

Nachdem die "Washington Post" über den Ratgeber der Küstenwache berichtet und damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hatte, war dieser ganz schnell wieder von der Webseite verschwunden.