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Simbabwe: Ein Land kapituliert vor der Cholera

Die Cholera hat das krisengeschüttelte Land Simbabwe fest im Griff. Nach jüngsten Angaben haben sich rund 13.000 Menschen mit der Seuche infiziert, mehr als 560 sind daran gestorben. Die Regierung hat inzwischen den Notstand ausgerufen, Hilfsorganisationen warnen davor, dass die Krankheit noch Tausende dahinraffen könnte.

Die Cholera-Epidemie in Simbabwe bedroht nach Angaben der Hilfsorganisation Oxfam hunderttausende Menschen. Mehr als 300.000 Menschen seien aus Mangel an Nahrungsmitteln bereits so geschwächt, dass die Seuche für sie zur "ernsten Gefahr" geworden sei, erklärte Oxfam-Direktor Peter Mutoredzanwa an ihrem Sitz in London.

Nach jüngsten Angaben der Vereinten Nationen wurden seit Ende August in dem verarmten Land im Süden Afrikas 12.546 Cholera-Fälle registriert, mindestens 565 Menschen starben an der Krankheit. Durch den Nahrungsmangel sei fast die Hälfte der Bevölkerung stark geschwächt, wodurch die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Verlaufs der Krankheit steige. Bis Januar werden nach seiner Einschätzung fünf Millionen Simbabwer Nahrungsmittelhilfen benötigen.

Die Seuche breitet sich den Angaben zufolge inzwischen in neun von zehn Provinzen des Landes aus. Die Hälfte der Fälle betrifft die Region Harare. Im Lauf der vergangenen Woche sei die Zahl der Ansteckungen um 30 Prozent gestiegen, die Zahl der Todesfälle gar um 176 Prozent, warnte das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA).

Grund für die Verschärfung der Situation sei vor allem der mangelnde Zugang zu sauberem Trinkwasser, teilte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) mit. "Kranke und Gesunde leben dicht gedrängt zusammen, sie teilen sich das Essen und benutzen die selben Brunnen und Toiletten. Familien zapfen aus leckenden Leitungen Wasser ab - da aber die Trinkwasserversorgung zusammengebrochen ist, dürfte es sich dabei eher um Abwasser als um Trinkwasser handeln", sagte die SOS-Kinderdorfmitarbeiterin Justine Lungu.

Weil ihnen eine Chemikalie zur Wasseraufbereitung ausgegangen war, hatten die Behörden in der Hauptstadt Harare am Sonntag die Wasserversorgung gekappt. Seitdem sind laut Berichten von Reportern vor Ort Menschen in ganz Harare auf der verzweifelten Suche nach Wasser mit Kanistern und anderen Behältern unterwegs. Andere begannen, auf eigene Faust Brunnen auszuheben. Erst seit Dienstag tröpfelten in einigen Vierteln der Staat wieder ein paar dünne Rinnsale aus den Wasserhähnen.

Die Behörden der Hauptstadt Harare stellen inzwischen kostenlose Särge und Gräber für die Opfer der Epidemie zur Verfügung, um die Seuche einzudämmen. In Simbabwe kostet ein Grab den Angaben zufolge 25 bis 30 Dollar (20 bis 24 Euro). Dies können sich jedoch nur wenige Menschen leisten.

"Wir sehen uns einer enormen humanitären Herausforderung gegenüber", sagte der fürs südliche Afrika zuständige Sprecher der Internationalen Rotkreuz-Föderation, Matthew Cochrane. Wegen der nahenden Regenzeit sei bei der Bekämpfung der Epidemie höchste Eile geboten. Die Überschwemmungszeit sei schon unter normalen Bedingungen die Periode, in der wegen des brackigen Wassers eine Häufung von Cholera-Fällen auftrete. Diesmal treffe sie aber auf eine Bevölkerung, deren Abwehrkräfte akut geschwächt sei.

Opferzahlen sind nur Spitze des Eisbergs

Das genaue Ausmaß der erforderlichen Hilfe sei bisher noch gar nicht abzuschätzen. Cochrane: "Wir wissen aber, dass wir es bei der Zahl der Opfer nur mit der Spitze des Eisbergs zu tun haben und das Sterben noch lange nicht vorbei ist. Viele Opfer sterben in entfernten Regionen und gelangen so erst gar nicht in die Statistik."

Die ärztliche Versorgung in dem afrikanischen Land ist beinahe komplett zusammengebrochen. Gesundheitsminister David Parirenyatwa räumte in der staatlichen Zeitung "Herald" ein, dass das Gesundheitssystem mit der Behandlung der Cholera-Patienten überfordert sei. Die öffentlichen Krankhäuser funktionierten "ganz einfach nicht", weil die Angestellten demotiviert seien und es an Medikamenten, Lebensmitteln und Ausrüstung fehle. Er rief die die Bevölkerung auf, künftig auf das Händeschütteln zu verzichten, um Infektionen zu vermeiden.

Die Seuche greift inzwischen auch auf Nachbarländer wie Südafrika über, wo bislang sechs Cholera-Tote gezählt wurden. Nachdem die südafrikanischen Behörden Cholera-Bakterien im Grenzfluss Limpopo nachgewiesen haben, wurde die Bevölkerung aufgerufen, das Wasser vor dem Trinken abzukochen.

Hilfslieferungen laufen schleppend an

Inzwischen sind die ersten Hilfslieferungen für Simbabwe angelaufen. Nach Angaben des IKRK trafen 13 Tonnen medizinische Hilfsgüter in der Hauptstadt Harare ein. Sie sollen in den kommenden Tagen in verschiedene Gesundheitszentren des Landes gebracht werden, teilte das IKRK in Genf mit. Großbritannien sagte dem Land inzwischen Hilfen in Höhe von umgerechnet 11,5 Millionen Euro zu. Die USA stockten ein Hilfsprogramm von vier Millionen Dollar (3,1 Millionen Euro) um weitere 600.000 Dollar auf. Auch die EU und der Nachbarstaat Botusana haben einen Millionenbetrag für humanitäre Maßnahmen zugesagt.

Simbabwe galt einst als Musterland im Süden Afrikas und als Kornkammer der Region. Heute fehlen dem Land Devisen, es gibt kaum Treibstoff und ein Großteil der Menschen lebt unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosenrate liegt bei über 80 Prozent, im Juli hatte die Inflationsrate des Landes 213 Millionen Prozent betragen. Als Reaktion auf die Geldentwertung hat die Zentralbank des Landes gerade einen 100-Millionen-Dollar-Geldschein in Umlauf gebracht.

Nach den von Gewalt überschatteten Wahlen vom März gibt es noch immer keine neue Regierung. Der seit 28 Jahren regierende Präsident Robert Mugabe hat trotz des Verlusts der Parlamentsmehrheit seine Macht vorläufig gesichert. Mit seinem Widersacher Morgan Tsvangirai einigte sich Mugabe auf eine Machtteilung und die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit. Doch seitdem streiten sich die Parteien der beiden Politiker um die Aufteilung der Kabinettsposten, so dass im Land ein politisches Vakuum herrscht.

DPA/AP/AFP/Reuters/kng / AP / DPA / Reuters