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Simon Kremer – Lost in Nahost: Wie Halloween mitten in Tunesien ein Gefühl von Heimat stiftet

Oktoberfest im Orient, Weißwurst in der Wüste. Wo die Expats aus aller Welt im Ausland aufeinandertreffen, mischen sich die Kulturen. Und Halloween wird zum tiefen Ausdruck von Heimweh.

Halloween in Tunis

Halloween – mitten auf einem Moschee-Parkplatz in Tunis

Die Kreuzritter sind wieder da. Das kleine, traurige Plastikschwert würde zwar keinen einzigen Hieb überleben, aber da steht er: Langer schwarzer Mantel, blitzende Augen unter dem Helm, das Schwert zum Himmel erhoben vor dem alten Stadttor von Damaskus. Die imposante Statue von Saladin, dem mächtigen arabischen Eroberer von Jerusalem, thront zwar noch mächtig auf seinem Pferd und blickt stolz über den Kreuzfahrer hinweg. Aber diese Nacht gehört dem mutigen Kreuzfahrer. Mit seinem Gefolge von vier Ghostbustern steigt er in ein Taxi und braust davon. Die Passanten, die gerade von der Arbeit oder vom Einkaufen kommen, gucken irritiert. Halloween war auch vor zehn Jahren nicht wirklich ein großes Ding in Damaskus. 

Für die Expat-Community der Austauschstudenten, Diplomaten und ausländischen Arbeiter schon. Klar, natürlich war es auch ein Grund zum Feiern und Trinken und solche Gründe lassen sich ja immer finden. Aber es war mehr als das. Halloween war für einige gleich Heimat.

Halloween auf dem Moschee-Parkplatz

Zehn Jahre später sind die Geister, Drachen und Mumien wieder da und sitzen hinten in den Autos der ausgemusterten Ghostbuster auf dem Weg zum "Trick or Treat". Auf einem Parkplatz in Tunis treiben sie an diesem späten Nachmittag ihr Unwesen. Und schlimmer als ein Slimer ist nur ein quengelnder Zweijähriger, der zahnt. Sieht auch nach dem Genuss von Schokolade in etwa gleich aus. 

Und da stehen sie also: Etwa 30 Autos in zwei Reihen, die Kofferräume aufgerissen wie monströse Schlünde. Gezackte Zahngirlanden umringen die blechernen Mäuler, in denen die Süßigkeiten auf die kleinen Monster warten. Und nein, in diesem Fall ist das nicht nur ein sprachliches Bild, sondern vollkommener Ernst. 

Ein paar Tunesier bleiben irritiert stehen. "Diese Ausländer", denken sie vielleicht kopfschüttelnd über diesen Auflauf, wie manch Tourist über die grillenden Großfamilien im Berliner Tiergarten. Aber wo die Reihenhaussiedlung im Mittleren Westen der USA weit entfernt ist, muss halt ein Parkplatz vor einer einsamen Moschee herhalten. Versprüht ja ungefähr beides einen ähnlichen Charme. 

Es geht um Heimat

Aber wenn Deutsche auf einmal bei 20 Grad zum ersten Advent den Glühweintopf unter Palmen rausholen und mit Martinsliedern vom iPad durch den Garten ziehen, wenn auf einer Dachterrasse in Damaskus plötzlich das Oktoberfest ausbricht und Lieder vom "Roten Pferd" und "Marterpfahl" gegen den Bienenstock der Muezzine ansummen, dann hat das nicht nur was mit Kulturgut und Party zu tun. Dann geht es um Heimat. Und um das Gefühl, das man hatte, als man selbst noch ein kleiner Drache war und die ausgehöhlte Kohlrabi den Nachbarn vor die Haustür stellte und klingelte (Kürbisse hatten wir früher auf dem tiefen Land ja nicht, aber Runkelrüben, in die man auch fiese Grimassen schneiden kann). Das wurde mir klar, als mein amerikanischer Mitbewohner in Damaskus sich einmal eines Abends "outete", nachdem wir schon mehr als ein halbes Jahr zusammenwohnten. Er baute sieben Leuchter aus leeren Bierdosen und zündete sie an.

Collage: Ashley Graham und Bill Kaulitz in Halloween-Kostümen

"Ich muss es euch sagen", sagte er. "Ich bin Jude. Und ich will mit Euch Chanukka feiern." Und da saßen wir dann also in Syrien, einem Land das auch damals noch immer offiziell im Krieg war mit Israel und feierten Chanukka – weil ein 20-jähriger Student Heimweh hatte.

Man kann es also befremdlich finden, wenn da Eltern mit ihren kleinen Kindern in Klorollen und Binden gewickelt über den palmengesäumten Parkplatz ziehen. Und man kann sich natürlich ärgern. Einmal nicht hingeguckt, den Kofferraum unbeaufsichtigt gelassen und die ganze Schokolade ist weg. Komplett geklaut im Sechserpack mit Tüte und allem drum und dran. Diese kleinen Monster!

wue