Sturm auf die Rote Moschee Furcht vor einem riesigen Blutbad


Elf Stunden nach Beginn der Erstürmung der besetzten Roten Moschee in Islamabad kommen die Soldaten nur langsam voran. Zu groß ist die Gegenwehr der Islamisten. Die meisten Bewohner der Hauptstadt verfolgen die Schlacht mit einer Mischung aus Genugtung und Sorge.
Von Steffen Gassel, Islamabad

Der Sturm auf die Rote Moschee im Zentrum von Islamabad kommt nur langsam voran. Mehr als elf Stunden nach Beginn der "Operation Silence" liefern sich Eliteeinheiten der pakistanischen Armee und Islamisten noch immer erbitterte Gefechte. Der Gebetsruf der umliegenden Moscheen am Mittag wurde von Maschinengewehrsalven untermalt, immer wieder erschüttern schwere Explosionen das Zentrum der Hauptstadt.

"Unsere Einheiten kämpfen sich Zimmer für Zimmer, Treppe für Treppe, Stockwerk für Stockwerk vor. Die Gefechte sind heftig", sagt Militärsprecher General Wahid Arschad. "Die Militanten haben Raketenwerfer, Granaten und Maschinengewehre - und sie sind im Umgang damit gut trainiert." Der radikale Prediger Abdul Raschid Ghazi und seine Kämpfer haben sich nach Angaben des Generals zusammen mit vielen Koranschülern, darunter Frauen und Kinder, in einem Keller im Südflügel des Gotteshauses verschanzt. Andere Islamisten feuern von den Minaretten der Moschee auf die Soldaten. Das Gebäude, das aus mehr als 75 Räumen besteht, soll außerdem mit Sprengfallen vermint sein, die die Armee am raschen Vordringen hindern.

Wie viele Tote und Verletzte die Kommando-Aktion bisher gefordert hat, ist unklar. Kurz nach Beginn des Angriffs im Morgengrauen konnten 20 Kinder fliehen, außerdem soll eine Gruppe von 50 Militanten getötet worden sein. Sonst ist noch niemand aus der Roten Moschee entkommen. Dort hatten nach Schätzung der Behörden zuletzt etwa 700 Menschen ausgeharrt. Acht Soldaten und Dutzende Kämpfer sollen ums Leben gekommen sein.

Furcht vor einem riesigen Blutbad

Je länger die Kämpfe anhalten, umso größer wird die Befürchtung vieler Pakistaner, dass ihre Armee beim Sturm auf das Gotteshaus ein riesiges Blutbad anrichtet. Rund um das abgeriegelte Viertel, in dem die Moschee liegt, warten verängstigte Angehörige der Koranschüler auf ein Lebenszeichen aus dem Gotteshaus. Viele sind wütend auf die Armee und den obersten Befehlshaber, Präsident Pervez Muscharraf.

"Muscharraf geht es doch nur darum, den Amerikaner zu gefallen und mit ihrer Hilfe an der Macht zu bleiben", sagt ein 25-Jähriger, der selbst seit fünf Jahren bei den radikalen Klerikern der Roten Moschee studiert. Als deren Moral-Brigaden vor zehn Tagen während einer Straßenschlacht mit der Polizei das Umweltministerium in Brand steckten, sei er dabei gewesen, erzählt er stolz - will seinen Namen aber lieber nicht nennen. Nur durch einen Zufall war er nicht auf dem Grundstück, als die Armee die Moschee umstellte. "Mein Cousin ist noch da drin", sagt der junge Mann aus der Provinz Kaschmir. "Ich wünschte, ich wäre bei ihm. Abdul Raschid Ghazi kämpft für eine gerechte Sache. Dafür hätte es sich gelohnt zu sterben."

Ein paar Straßen weiter steht Abdul Rahman am Stacheldraht, mit dem die Sicherheitskräfte das umkämpfte Viertel abgesperrt hat, und hält Ausschau nach seinem Sohn Anwar. Der ist 16 und studiert seit sechs Jahren an der Roten Moschee. "Wir haben ihn hierher geschickt, weil wir uns eine andere Ausbildung für ich nicht leisten konnten", sagt der Lastwagenfahrer aus der North-West-Frontier-Provinz an der Grenze zu Afghanistan. "Am vergangenen Freitag habe ich Anwar zum letzten Mal auf dem Handy erreicht. Ich hab ihm gesagt, dass er sich ergeben soll." Doch davon wollte der Sohn nichts wissen. "Vater", sagte er, "du hast jahrelang für mich gesorgt, und dafür bin ich dankbar. Aber jetzt gehöre ich zu Abdul Raschid Ghazi. Bereite Dich darauf vor, mich als Märtyrer heim ins Dorf zu tragen." Mit jeder neuen Explosion wächst Abdul Rahmans Angst, die düstere Ankündigung seines Sohnes könnte Wahrheit werden.

Mischung aus Genugtuung und Sorge

Die meisten Bewohner Islamabads verfolgen die Schlacht um die Rote Moschee mit einer Mischung aus Genugtuung und Sorge. Vielen war das Treiben der Radikalen schon lang ein Dorn im Auge. Seit Monaten haben sie Präsident und Regierung gedrängt, endlich gegen die Fanatiker vorzugehen. Doch nun, da der Kampf um die Zentrale der Extremisten voll entbrannt ist, wird vielen bang vor den Folgen. Die Angst vor Rache-Anschlägen geht um. Straßen und Einkaufszentren sind leer, die Menschen verstecken sich in ihren Häusern. Schon im März hatte ein Selbstmordattentäter versucht, sich am internationalen Flughafen von Islamabad in die Luft zu sprengen. Polizisten konnten ihn gerade noch rechtzeitig erschießen. Nun fürchten die Bewohner der Hauptstadt, dass der Terror Islamabad erneut heimsuchen könnte. Entflohene Koranschüler drohen schon: "Wenn Abdul Raschid Ghazi etwas zustößt, dann wird Islamabad das neue Bagdad."


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