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Abgeordnete fordern Untersuchung Verdacht: Wurde der Sturm aufs Kapitol durch Führungen am Tag zuvor vorbereitet?

Sehen Sie im Video: FBI sucht nach den Kapitol-Angreifern.




Washington, 11.01.21: Nach dem Sturm auf das US- Kapitol am Mittwoch, sucht nun das FBI mit Fahndungsbildern nach Teilnehmern. Für Hinweise auf diejenigen, die an dem Tag zwei Rohrbomben in der Innenstadt von Washington platzierten, wurde eine Belohnung von 50.000 Dollar ausgeschrieben.
Auf Twitter veröffentlichte das FBI ein Foto von einem maskierten Verdächtigen. Einer der gefährlichen Sprengsätze war am Hauptquartier der Republikanischen Partei positioniert worden. Die Sprengsätze hätten großen Schaden anrichten können.
Anhänger des scheidenden US-Präsidenten Donald Trump, die das Kapitol gestürmt hatten, veröffentlichten selbst viele Fotos und Videos von der Aktion. Zudem waren viele Fotografen und Kamerateams vor Ort. Das FBI richtete außerdem eine Webseite ein, auf der Aufnahmen von dem Tag hochgeladen werden können.
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Wurde der Sturm auf das US-Kapitol gezielt vorbereitet? Eine Gruppe Kongressabgeordneter hat die Behörden informiert, dass am Tag zuvor "verdächtige Besuchergruppen" durchs Gebäude geführt wurden. Dabei sind Führungen im Kapitol wegen der Corona-Pandemie seit März untersagt.

Die Sache ist so heikel, dass bisher keine Namen genannt werden. Niemand wird direkt beschuldigt. Doch der Verdacht ist ungeheuerlich. Der Sturm aufs Kapitol am 6. Januar könnte vorbereitet worden sein, indem einige der Randalierer oder ihre Komplizen in Besuchergruppen am Tag zuvor durch das Gebäude geführt wurden – und zwar von republikanischen Abgeordneten.

Diesen Verdacht hat eine Gruppe von 30 demokratischen Kongressabgeordneten nun den Behörden mitgeteilt. In einem ausführlichen Schreiben legen sie ihre Beobachtungen der Vorgänge im Parlamentsgebäude dar. Darin heißt es, dass am 5. Januar eine "extrem hohe Anzahl externer Gruppen im Komplex gesehen" worden seien. Das Bezeichnende dabei: Wegen der Corona-Pandemie sind schon seit März Gruppenführungen im Kapitol komplett verboten.

Abgeordnete fordern sofortige Untersuchungen

"Wir haben bei bestimmten Behörden eine sofortige Untersuchung der Vorfälle gefordert", sagte die Wortführerin der Gruppe, die demokratische Abgeordnete Mikie Sherrill aus New Jersey, dem US-Magazin "Politico". Ihren Brief richteten die Abgeordneten an die Sicherheitschefs der beiden Kongresskammern (Senat und Repräsentantenhaus) sowie an den amtierenden Chef der Kapitolpolizei, deren Rolle bei den gewalttätigen Attacken auf das Kapitol allerdings ebenfalls Gegenstand von Untersuchungen ist. Ihr früherer Leiter Steven Sund legte in Folge der Ereignisse vom 6. Januar sein Amt nieder, eine Reihe von Kapitolpolizisten wurde wegen ihres Verhaltens während der Attacke vom Dienst suspendiert.

Geklärt werden muss aufgrund der Initiative der Gruppe um Sherrill nichts weniger als die Frage, ob gewählte Volksvertreter tatsächlich aktiv daran mitgearbeitet haben, Randalierern das Eindringen ins Parlamentsgebäude sowie in die Sitzungssäle und Abgeordnetenbüros zu ermöglichen oder zu erleichtern. Würde sich das bestätigen, wäre die Erschütterung des politischen Systems der USA noch schwerer, als sie es ohnehin schon ist.

Mikie Sherrill: So können wir keine Demokratie haben

"Wir können keine Demokratie haben, wenn Mitglieder des Kongresses dem Präsidenten aktiv dabei helfen, Wahlergebnisse zu kippen", konstatiert Mikie Sherrill in einer Videobotschaft auf ihrer Facebook-Seite. Darin fordert die Demokratin zudem nicht nur eine Amtsenthebung von Präsident Donald Trump, sondern auch, dass – sollte sich der Verdacht gegen einzelne Abgeordnete bestätigen – diese zur Rechenschaft gezogen und vom Kongress ausgeschlossen werden.

Die Mitglieder der Gruppe um Sherrill stützen ihren Verdacht in erster Linie auf eigene Beobachtungen. Am Tag vor der Attacke aufständischer Trump-Anhänger habe so außergewöhnlich viel Betrieb im gesamten Gebäudekomplex geherrscht, dass die Abgeordneten, die beim Militär darauf trainiert worden seien, "verdächtige Aktivitäten zu erkennen", aufmerksam wurden, heißt es in ihrem Schreiben. Wegen des Verbots von Besucherführungen hätten eigentlich nicht so viele Personen im Gebäude unterwegs dürfen. Möglicherweise erscheinen angesichts dessen auch Hinweise von Sarah Groh, der Stabschefin der demokratischen Abgeordneten Ayanna Pressley aus Massachusetts, in einem neuen Licht. Groh hatte der Zeitung "Boston Globe" berichtet, dass sie während der Attacke am 6. Januar im Büro der Abgeordneten den Alarmknopf ("Panic Button") betätigen wollte. Sie habe jedoch feststellen müssen, dass der Button nicht mehr vorhanden gewesen sei. Grohs Chefin Ayanna Pressley ist übrigens nicht unter den 30 Unterzeichnern des Demokraten-Briefs.

"Ungewöhnlich detaillierte Kenntnisse" übers Kapitol

"Die Besucher, denen einige Kongressmitglieder in diesem Brief begegneten, schienen mit der Kundgebung am Weißen Haus am folgenden Tag verbunden zu sein", heißt es in dem Schreiben der Gruppe weiter. Gemeint ist damit die Versammlung, auf der Präsident Trump in einer Rede seine Anhänger aufforderte, zum Kapitol zu ziehen. Außerdem untermauern die Demokraten ihren Verdacht damit, dass die Randalierer am 6. Januar "ungewöhnlich detaillierte Kenntnisse über den Aufbau des Kapitolkomplexes" gehabt hätten.

Die demokratischen Abgeordneten fordern nun Einsicht in die Logbücher des Kapitols, um herauszufinden, ob dort für den fraglichen Tag die Namen von Besuchern und ihrer Gastgeber verzeichnet sind. Sie verlangen von den Sicherheitsbeamten des Kapitols zudem Aufklärung darüber, wo in dem Parlamentsgebäude der Zugang für Besuchergruppen üblicherweise beschränkt ist. Auch fragen sie, ob die Strafverfolgungsbehörden bereits über ähnliche Informationen verfügen. Die Ermittlungen zur Kapitol-Erstürmung laufen auf Hochtouren. In den vergangenen Tagen wurden bereits zahlreiche Randalierer im Kapitol identifiziert, beschuldigt und zum Teil auch festgenommen. 

"Man schaut auf einige Dinge mit anderen Augen"

Tim Ryan, demokratischer Abgeordneter aus Ohio, unterstützt die Aktion seiner Kolleginnen und Kollegen, wenngleich er den Brief nicht unterzeichnet hat. Er kenne "ein paar Namen" von Kongressmitgliedern, die als Führer für potenzielle Aufständische infrage kämen. Namen nennen wolle er aber nicht. "Ich warte damit, um sicherzustellen, dass wir eine Bestätigung bekommen", sagte Ryan vor Journalisten in Washington. Eines müsse er aber feststellen: "Man schaut auf einige Dinge jetzt mit anderen Augen zurück."

Quellen: Brief der 30 Abgeordneten; Facebook/Mikie Sherrill; Twitter/Mikie Sherrill;  "Politico""Washington Post""northjersey.com"; "Boston Globe"


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