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Südossetien: Worum kämpfen Georgier und Russen?

Seit Jahren droht in Südossetien im südlichen Kaukasus Krieg. Nun ist der Konflikt eskaliert, Russen und Georgier stehen sich direkt gegenüber. Aber was für ein Volk sind die Osseten? Und weshalb wollen sie unbedingt zu Russland gehören? Hier lesen Sie die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Von Tiemo Rink

Zwischen Russland und Georgien droht ein Krieg um Südossetien. Georgische Truppen haben eine Offensive zur Rückeroberung der abtrünnigen Region begonnen. Russland reagierte sofort auf den Vorstoß und setzte nach Angaben aus Militärkreisen Panzer in Marsch und verstärkte seine Friedenstruppen im Nachbarland.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew und Ministerpräsident Wladimir Putin drohen nun mit Vergeltung für den Tod russischer Friedenssoldaten.

Doch warum ist dieser Konflikt im Kaukasus eskaliert? Hier erklären wir Ihnen die wesenlichen Zusammenhänge.

Wie kam es zum Konflikt?

Südossetien ist eine kleine Bergregion im südlichen Kaukasus. Im Norden grenzt sie an Russland, im Süden an Georgien. Völkerrechtlich ist Südossetien ein Teil Georgiens, allerdings hat sich die Region im Jahre 1990 zur "Demokratischen Sowjetrepublik" erklärt und von Georgien abgewandt. Als Reaktion darauf marschierten georgische Soldaten in die Provinz ein. Zeitgleich schickte auch Russland Truppen, die meist auf Seiten der Südosseten eingriffen. Rund 2000 Menschen fielen den Kämpfen zum Opfer, rund 100.000 Südosseten flohen aus dem Kriegsgebiet.

Zwar stimmten Russland und Georgien bereits 1992 einem Waffenstillstand zu, wirklich friedlicher ist das Leben in Südossetien aber auch danach nicht geworden. Dem Vorbild des Kosovo folgend strebt Südossetien seit Jahren die Unabhängigkeit an und sucht eine stärkere Anbindung an Russland. In einem umstrittenen Referendum im November 2006 sprachen sich 99 Prozent der beteiligten Südosseten für die Unabhängigkeit der Provinz aus. Eine Wiedereingliederung nach Georgien lehnt eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung Südossetiens ab.

Derzeit versucht Georgien, die abtrünnige Provinz mit Waffengewalt zurückzuerobern.

Wieviele Menschen leben in Südossetien?

Wegen der Kriege in den vergangenen Jahren ist ein Großteil der ehemaligen Bevölkerung Südossetiens geflohen. 1989 lebten rund 164.000 Menschen in der Region, aktuell sollen es nur noch rund 75.000 sein. Die Bevölkerungsmehrheit besteht aus Osseten, Georgier machen weniger als ein Drittel der Bevölkerung aus.

Die Region unterhielt schon immer gute Beziehungen zu Russland, rund 75 Prozent der Südosseten haben mittlerweile die russische Staatsangehörigkeit angenommen. Die Stärke des russischen Einflusses ist im Alltag überall erkennbar: Offizielle Währung ist der russische Rubel, russisch ist die zweite offizielle Amtssprache.

In der Hauptstadt Zchinwali leben knapp 35.000 Menschen. Ein Teil der Bevölkerung ist beschäftigt in der Holz- und Lebensmittelindustrie. Bedingt durch den andauernden Konflikt hat jedoch auch die Wirtschaft schweren Schaden genommen. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote bei 40 Prozent, inoffiziell sollen sogar bis zu 60 Prozent der Menschen ohne feste Beschäftigung sein. Schmuggel, Drogen- und Waffenhandel sind so zu einem festen Bestandteil der südossetischen Schattenwirtschaft geworden.

Wer kämpft gegen wen?

Auf der einen Seite steht Georgien. Seit dem Zerfall der Sowjetunion ist die innere Einheit des Landes immer wieder durch separatistische Bestrebungen einzelner Republiken bedroht worden. Auch Georgien war einst sowjetische Teilrepublik, erklärte jedoch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion seine Unabhängigkeit. Das Verhältnis zum russischen Nachbarn an der nördlichen Grenze ist deshalb in den vergangenen Jahren immer sehr angespannt gewesen. Zusätzlich verstärkt wurden diese Spannungen durch die Pläne Georgiens, der Europäischen Union (EU) und der Nato beizutreten. Der Präsident Georgiens ist Michail Saakaschwili, gegen den in der Vergangenheit immer wieder Korruptionsvorwürfe laut wurden. In der Nacht auf Freitag haben georgische Soldaten mit einer Militäroffensive gegen die abtrünnige Provinz Südossetien begonnen und sind gegen die Hauptstadt Zchinwali vorgerückt. Saakaschwili will Südossetien wieder unter georgische Kontrolle bringen - auch gegen den Willen der Mehrheit der Südosseten.

Auf der anderen Seite im Konflikt stehen Südossetien und Russland. Russland ist mächtiger Verbündeter Südossetiens, als dessen offizielle Schutzmacht es sich versteht. Seit 1992 sind russische Soldaten zur Überwachung des brüchigen Friedens in der Region stationiert. Einige von ihnen sollen bei den Gefechten durch georgische Angriffe getötet worden sein.

Wie gefährlich ist der Konflikt?

Die Sprengkraft des Konfliktes um Südossetien ist enorm. Vor allem, da durch den Tod russischer Soldaten nun ein direkter Konflikt zwischen Russland und Georgien entstanden ist. Die Chancen der georgischen Streitkräfte, gegen die russische Armee bestehen zu können, wären allerdings sehr gering. Internationale Friedensbemühungen waren bereits vor der Eskalation des Konflikts gescheitert. Eine von Russland initiierte Krisensitzung des Uno-Sicherheitsrates endete am Freitag ergebnislos.

Noch ist zudem unklar, wie sich Abchasien, eine weitere abtrünnige Provinz Georgiens, verhalten wird. Deren Außenminister drohte der georgischen Regierung bereits mit der Eröffnung einer zweiten Front. Die Abchasier fürchten, dass Georgien auch ihre Region gewaltsam zurückerobern will.

Wie reagiert die internationale Gemeinschaft?

Die Eröffnung der olympischen Sommerspiele droht durch den Konflikt in Südossetien überschattet zu werden. Die Europäische Union forderte die Konfliktparteien auf, sofort die Kampfhandlungen einzustellen. Über die "dramatische Entwicklung" der Lage sei man "sehr beunruhigt", so ein EU-Diplomat in Brüssel. Über Konsultationen mit der französischen EU-Ratspräsidentschaft sowie der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) versuche man, den Konflikt zu entschärfen.

Auch die USA verlangten einen sofortigen Stopp der Feindseligkeiten. Ebenso wie Vertreter der NATO forderten sie, dass die Krise auf dem Verhandlungsweg friedlich gelöst werden müsse.