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Teil 3: 1865 - 1920: Als der amerikanische Traum wahr wurde

Nur 35 Jahre dauert es, bis der Wilde Westen gezähmt ist. Die USA erleben die größte Völkerwanderung in der Geschichte und werden zum "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Und ihre Präsidenten mischen in der Weltpolitik mit.

Es ist ein warmer Frühlingstag im Mai 1903, als das Einwandererschiff "Batavia" in den Hafen New Yorks einläuft. Die sechsjährige Julia Grünberg wird vom Geschrei der anderen Passagiere geweckt. Sie rennt an Deck. "Das Erste, was ich sah, war eine riesige grüne Statue, die einen Arm in den Himmel streckt. ,Kolumbus", murmelte ein alter Mann neben mir", erinnert sie sich noch Jahrzehnte später.

Julias Mutter weint. Drei Wochen ist sie jetzt mit Pferdekutschen und Schiffen unterwegs gewesen, um ihrem Mann zu folgen, Julias Vater, der vor sechs Jahren von Russland nach Amerika ausgewandert ist. Ein Boot bringt die Grünbergs nach Ellis Island, wo man alle Einwanderer untersucht, befragt und registriert, bevor ihnen die Einreise erlaubt wird - oder auch nicht.

"Wir wurden in einen großen Saal gebracht. Dort warteten Tausende von Menschen. Sie hatten ihre Sachen in alten Kisten und Koffern verpackt oder trugen sie in Säcken an den Leib gebunden. Es war heiß und stickig. Babys schrien und ich klammerte mich an meine Mutter." Namen werden aufgerufen, die Julia weder kennt noch versteht. Sie sieht, wie ein Mann in Uniform ihrer Mutter mit strenger Stimme in einer fremden Sprache Fragen stellt. Die Mutter bebt vor Aufregung. Julia hört das Weinen und Flehen, die Schreie der Zurückgewiesenen. Über 3000 Menschen, so ist es in den Unterlagen der Behörde dokumentiert, nehmen sich bis 1954 auf Ellis Island das Leben - aus Verzweiflung darüber, dass sie nicht einreisen dürfen.

Insel der Einwanderer

Die Insel der Einwanderer vor der Südspitze Manhattans ist voll von Iren, Italienern, Deutschen und Polen, die versuchen, politischer Verfolgung, dem Militärdienst oder der erdrückenden Armut in ihrer Heimat zu entfliehen. Von Juden, die vor den Pogromen in Russland flüchten, von Armeniern, die die Massaker der Türken überlebten. Oder einfach von Menschen, die die Enge ihrer Dörfer nicht mehr ertrugen, Abenteurer auf der Suche nach dem großen Glück.

Amerika erlebt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Einwanderungswelle, für die es in der Geschichte der Menschheit kein Beispiel gibt. Fast eine Million, vor allem Europäer, strömen jedes Jahr ins Land, rund zwölf Millionen sind es zwischen 1900 und 1914. In New York leben mehr Italiener als in Rom, mehr Juden als in Warschau, mehr Iren als in Dublin und mehr Schwarze als in irgendeiner anderen Stadt auf der Welt. Die große Mehrheit der Immigranten besitzt nichts außer ihrer Arbeitskraft und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Vom Alltag in der neuen Welt haben sie keine Ahnung, dafür jede Menge Illusionen. Riesengroß soll das Land sein und reich. Die Ideale der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sollen in der neuen Welt Wirklichkeit geworden sein. Angeblich gibt es einen Präsidenten, den das Volk wählt, und unabhängige Richter, die nicht nach den Befehlen der Mächtigen urteilen. In Amerika bekommt jeder eine Chance, solange er nur hart genug arbeitet.

Der wilde Westen wird gezähmt

Die Einwanderer bringen jenen unbändigen Glauben mit, der auch schon die ersten Siedler angetrieben hat und seither zu einem festen Bestandteil der amerikanischen Psyche geworden ist: Immer und überall wieder ist ein Neuanfang möglich. Es sind die Wurzeln jenes Optimismus und jener Aufbruchsstimmung, die das Land bis heute prägen und Europäern oft so fremd erscheinen. "If you can dream it, you can do it" ist das Motto der Auswanderer und ihrer Nachfahren - was du träumen kannst, kannst du auch wahr machen. "Bleibe im Land und nähre dich redlich" ist das der Daheimgebliebenen.

Der Ruf vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten geht zurück auf den beispiellosen Aufstieg Amerikas in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - auch wenn nach Ende des Bürgerkrieges 1865 weite Teile der jungen Nation in Trümmern liegen, das Volk in Süd- und Nordstaatler gespalten ist und im Westen Chaos und Anarchie herrschen. Ehemalige Soldaten, Glücksritter und Vagabunden ziehen in kaum besiedelte Staaten wie Wyoming oder Montana und nehmen das Gesetz in die eigenen Hände. Der Mythos des Wilden Westens entsteht.

Cowboys treiben riesige Viehherden über die endlose Prärie und bekämpfen jeden Siedler, der sich ihnen mit Zäunen in den Weg stellt. Sie ermorden Farmer und plündern deren Höfe. Der nächste Sheriff ist oft viel zu weit entfernt, als dass er helfen könnte. Das Gerücht eines Goldfundes genügt, und schon entstehen Boomtowns mit Saloons und Bordellen, die bereits wenige Jahre später wieder zu Geisterstädten verkommen. In vielen Gebieten regieren Faustrecht und Selbstjustiz.

Farmer verdrängen Cowboys und Kopfgeldjäger

Etwa 35 Jahre dauert es. Dann ist der Wilde Westen gezähmt. Sheriffs und sesshafte Farmer verdrängen die Cowboys und Kopfgeldjäger. Verbrecher wie Billy the Kid, Butch Cassidy oder Jesse James, die mit ihren Banden Postkutschen und Banken überfallen und ganze Landstriche terrorisieren, werden gestellt, verhaftet oder erschossen. Nach und nach gelingt es der Regierung, für Recht und Ordnung zu sorgen. Die Armee bricht den Widerstand der Indianer (siehe Kasten), und die Siedler erobern die letzten Staaten im Nordwesten bis zum Pazifik.

Den Planwagen folgt die Eisenbahn. Und auf jedem Zug, der Richtung Westen fährt, so scheint es, sitzen mindestens zwei Anwälte. Einer, der einen Anspruch auf Landnahme durchzusetzen versucht. Einer, der vor Gericht dagegenhält. Diese Juristen treten im Kampf um den Boden bei weitem nicht so dramatisch auf wie die schnellen Killer vom Schlage Wyatt Earps. Sie sind aber viel einflussreicher für die Besiedlung Amerikas.

Allein der Ansturm auf die guten Ländereien von Oklahoma im Jahre 1889 beschäftigt die Gerichte viele Jahre. Immer wieder glauben Farmer, dass sie als Erste irgendwo angekommen sind, nur um zu entdecken, dass hinter Hügeln und Wäldern ein anderer sitzt, der seinen Claim längst abgesteckt hat. Die um ihren Anspruch Betrogenen schließen sich zu geheimen Gesellschaften zusammen, trainieren für ihre Auftritte vor dem Richter und versprechen sich gegenseitig, einander zugunsten des jeweilig anderen auszusagen - zur Not auch, ohne es mit der Wahrheit allzu genau zu nehmen. Oft streiten die Kontrahenten mit dem Mut der Verzweiflung. Eine Verschwörung fliegt auf, nach der ein paar Farmer das Gerichtsgebäude von Oklahoma City in die Luft sprengen wollen, um den zuständigen Richter und den Staatsanwalt zu töten. Der entgeht einem weiteren Anschlag auf sein Haus. Ein anderes Mal rettet ein Sheriff den Staatsanwalt in letzter Minute vor einem aufgebrachten Bürger, der ihm ein Messer in den Rücken rammen will.

Am besten schneiden bei all diesen Streitereien die Anwälte ab. So mancher Farmer bekommt zwar das Land zugesprochen, für das er gekämpft hat. Aber ihm fehlt das Bargeld, um seinen Anwalt nach gewonnenem Prozess auch zu bezahlen. Also bleibt ihm als Ersatz für die Beratungsgebühren nur, einen Teil des Landes an seinen Rechtsanwalt abzutreten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verfügen die Vereinigten Staaten über ein Eisenbahn-Streckennetz von 309000 Kilometern. Die Zahl der Fabriken verdoppelt sich. Vor allem der Norden treibt die Industrialisierung, gestützt auf die fortwährend ins Land strömenden billigen Arbeitskräfte, unaufhaltsam voran. Mit jedem Jahr verbessert sich die Infrastruktur. Straßen, Schienen und Wasserwege verbinden einen unbegrenzten Vorrat an Bodenschätzen und Rohmaterialien mit den Fabriken im Nordosten und 75 Millionen Konsumenten. Amerika erlebt einen beispiellosen Wirtschaftsaufschwung. Es ist die Zeit, in der die Vanderbilts, die Morgans, die Carnegies und Rockefellers die Grundsteine für ihre Milliardenvermögen legen. Nachbauten englischer Herrenhäuser und französischer Schlösser der Gummi-Barone, Kupfer-Fürsten und Eisenbahn-Könige säumen nun Manhattans Fifth Avenue.

So überredet William Kissam Vanderbilts Ehefrau Alva ihren Gatten, eine Kreuzung aus dem Chateau de Blois und einem Renaissance-Gutshaus bei Bourges zu errichten. Die Vanderbilts verfallen in einen wahren Bauboom. Ende des Ersten Weltkriegs haben sie 17 grandiose Gebäude über das Land verstreut, allein drei Paläste an der Fifth Avenue, darunter das William Henry Vanderbilts mit 58 Zimmern, mit Türen, die einst ein italienischer Prinz benutzt hatte, und Säulen aus nordafrikanischem Marmor, vier Stockwerke hoch.

Um die Jahrhundertwende ist aus der ehemaligen Kolonie das bevölkerungsreichste Land der westlichen Hemisphäre geworden, eine Nation frei von Schulden, weltweit führend in der Industrie- und Landwirtschaftsproduktion. Zu Besuch weilende Europäer beobachten die Entwicklung mit einer Mischung aus Faszination, Neid und Abscheu. "Die Vereinigten Staaten", bemerkt der spätere französische Ministerpräsident Georges Clemenceau, der einige Jahre an der Ostküste lebt, "sind von der Barbarei direkt ins Zeitalter der Dekadenz gelangt, ohne den üblichen Umweg über die Kultur zu machen."

Aber auch im Land selbst gibt es heftigen Widerstand gegen das rasante Wachstum, den ungebremsten Kapitalismus und die zunehmende Kommerzialisierung. Der amerikanische Schriftsteller Walt Whitman fürchtet, dass das Experiment Amerika im "größten Scheitern aller Zeiten" enden wird. Nie zuvor war ein Land so schnell gewachsen und hatte gleichzeitig versucht, Millionen von Menschen aus aller Welt eine neue Heimat zu geben. Die einzelnen Minderheiten leben häufig in ihren eigenen Ghettos, grenzen sich voneinander ab oder bekämpfen sich. Rassismus ist verbreitet. "Diese feigen Sizilianer", schreibt die "New York Times" über die neuen Einwanderer aus dem Süden Italiens, "sind die Nachfahren von Banditen und Mördern und eine Pest, für die es keine Linderung gibt."

Amerika ist zwar unaufhaltsam auf dem Weg zur reichsten Nation der Erde, aber der Wohlstand ist ungleich verteilt. Über die Hälfte des Reichtums ist in Besitz von knapp einem Prozent der Bevölkerung. In den Großstädten der Ostküste hausen Einwanderer auf engstem Raum. Bis zu einer halben Million Menschen leben in den New Yorker Slums auf einer Quadratmeile.

Julia heißt jetzt Greenberg und lebt mit ihrer Familie in der Lower East Side Manhattans in einer Zweizimmerwohnung. "Die haben wir uns mit einer anderen Familie geteilt", erinnert sie sich. "Es gab keinen Strom und keine Toilette und nur an guten Tagen etwas kaltes Wasser." Tuberkulose, Typhus und andere Krankheiten rauben in den Elendsvierteln den Familien ihre Kinder, ein Drittel stirbt vor dem ersten Geburtstag. Zur selben Zeit feiert die New Yorker High Society Feste, auf denen sie Tabak in Hundert-Dollar-Scheine gedreht als Zigaretten raucht, und John Davison Rockefeller wird der erste Milliardär auf der Welt.

Die Banken sperren dem Gouverneur die Konten. Schließlich gibt er dem Druck nach - und Rockefeller bezahlt die Soldaten. Jetzt hält das Militär die illegalen Streikbrecher nicht mehr von den Minen fern, sondern geleitet sie hinein. In ohnmächtiger Wut schlagen die Arbeiter zurück. Gegen die schwer bewaffnete Miliz haben sie keine Chance. 21 Menschen werden getötet, darunter zwei Frauen und elf Kinder. Ihr Anführer wird verhaftet, gefoltert und dreimal in den Rücken geschossen. Die Minenarbeitergewerkschaft meldet Bankrott an, der Streik ist gescheitert.

Doch unbeirrt strömen die Menschen weiter ins Land. Die Lebensbedingungen in der Alten Welt sind nicht besser, in den meisten Ländern eher schlechter. Hinzu kommt, dass die Klassenunterschiede in Europa auf ewig festgeschrieben scheinen. Der Mythos Amerika verspricht zumindest jedem eine Chance. Von der Legende des Tellerwäschers, der zum Millionär wurde, haben die meisten Passagiere auf den Einwanderungsschiffen schon einmal gehört. Wer es nicht zu etwas bringt, ist selbst schuld. Beispiele dafür, dass der amerikanische Traum funktioniert, gibt es genug: Der Stahlmagnat Andrew Carnegie begann als Telegrafist, King Camp Gillette erfand die Rasierklinge, während er als kleiner Vertreter durch das Land reiste, John D. Rockefeller arbeitete zu Beginn seiner Karriere als Buchhalter.

Die moderne Werbung entsteht

Der wirtschaftliche Aufstieg der USA ist die Grundlage dafür, dass sich im ausgehenden 19. Jahrhundert in der Neuen Welt eine neue Klasse entwickelt. Gebildeter als das Proletariat, ungebundener als die Bauern und im Unterschied zur Bourgeoisie nicht bedacht auf die Mehrung von Reichtum und Macht, sondern von Vergnügen und Freizeit. "In den 1890er Jahren begann die Wandlung Amerikas in eine Gesellschaft, vorrangig beschäftigt mit Konsum, mit Komfort und körperlichem Wohlbefinden, mit Luxus und Geldausgeben", schreibt der amerikanische Historiker William Leach. Glück schien käuflich geworden zu sein. Es sind die Geburtsjahre einer kapitalistischen Konsumgesellschaft, einer Gesellschaft, die sich zunächst als Alternative zur etablierten, von den konservativen Werten der protestantischen Siedler geprägten Kultur versteht, um dann in rasender Geschwindigkeit eine eigene Kultur zu entwickeln, den "American way of life".

Die fortschreitende Industrialisierung überflutet das Land mit Konsumgütern. In Städten wie New York, Boston, Philadelphia und Chicago eröffnen die ersten Kaufhäuser, die sich schnell im ganzen Land verbreiten und sich zu imposanten, kirchenähnlichen Konsumtempeln entwickeln. Sie stellen ihre Waren in großen Schaufenstern aus, die die Passanten anziehen; sie entdecken Kinder als Konsumenten und richten die ersten Spielwarenabteilungen ein. Sie erleichtern ihren Kunden das Einkaufen, indem sie hauseigene Kreditkarten und das System der Ratenzahlungen erfinden. Buy now, pay later.

Julia hat Glück. Sie kann zur Schule gehen und lernt Englisch. Ihre Mutter findet Arbeit als Obst- und Gemüseverkäuferin auf der Straße, der Vater malocht für eine Hand voll Dollar sieben Tage die Woche in einem "Sweatshop", einer Schwitzbude, wie die Nähereien genannt werden. Er gehört zu den Millionen von Arbeitern, deren Ausbeutung das amerikanische Wirtschaftswunder erst möglich macht.

Über 30000 nach Arbeitsunfällen Tote pro Jahr

Die Industrialisierung hat ein Proletariat geschaffen, wie es das Land der Pioniere, Siedler und Bauern bis dahin nicht kannte. Über 37 Millionen Arbeiter schuften in den Fabriken, Minen und Raffinerien, viele von ihnen Frauen und Kinder. 95 Prozent gehören keiner Gewerkschaft an, es gibt keine Gesetze gegen Kinderarbeit, keinen Mindestlohn, keine Sozialversicherung und keine Entschädigung bei Arbeitsunfällen, obgleich Amerika mit über 30000 Toten pro Jahr die höchste Unfallrate aller Industrienationen hat. Die Arbeiter haben es schwer, sich gegen das Unrecht zu wehren. Anders als in Europa sind die Belegschaften ein Haufen zusammengewürfelter Minderheiten, getrennt durch Sprache, Religion, Rasse oder Abstammung.

Den Arbeitgebern ist es ein Leichtes, die verschiedenen Gruppen gegeneinander auszuspielen. In vielen Betrieben verbietet der Arbeitsvertrag jedes Engagement in einer Gewerkschaft. Großunternehmer wie Andrew Carnegie beschäftigen Privatdetektive als Spitzel, die die Belegschaft auskundschaften, Rädelsführer identifizieren und geplante Aktionen sofort verraten. Als Streikbrecher werden die jeweils frisch gelandeten Einwanderer eingesetzt. Henry Clay Frick, Carnegies engster Partner, stellt im einen Jahr Ungarn ein, um einen Ausstand zu brechen, im nächsten Jahr muss er Italiener anheuern, weil jetzt die Ungarn die Arbeit niedergelegt haben. "Selbst wenn die Immigranten noch so ungebildet sind und nicht einmal lesen und schreiben können", klagt er, "lernen sie zu schnell."

1913 kommt es im südlichen Colorado zu einem der blutigsten Kämpfe in der Arbeitergeschichte der USA. Die Minenarbeiter haben wegen der miserablen Bezahlung und der vierfach höheren Todesrate in den 24 Minen Rockefellers einen Streik ausgerufen. Rockefeller, der als 14-Jähriger selbst an einem Arbeiteraufstand teilgenommen hat, zwingt daraufhin seine Arbeiter, die Werkswohnungen zu verlassen. Über 1200 Männer, Frauen und Kinder packen ihre Strohmatratzen und ihr Kochgeschirr auf Karren und Pferdewagen. In einem schweren Regensturm ziehen sie los. Im Schlamm schlagen sie eine notdürftige Zeltstadt auf.

Rockefeller heuert 300 Schützen an und lässt Maschinengewehre und gepanzerte Fahrzeuge in Stellung bringen. Sie sollen die Streikbrecher decken. Es kommt zu Schießereien, bei denen mehrere Arbeiter sterben. Daraufhin schickt der Gouverneur die Nationalgarde, die zunächst aufseiten der Kumpel steht, denn Streikbrecher einzusetzen ist gesetzlich untersagt. Doch schon bald kann die Regierung die Gehälter der Soldaten nicht mehr bezahlen. Rockefellers Statthalter in Colorado schickt seinem Boss in New York eine euphorische Weihnachtskarte: "Wir konnten die Zusammenarbeit mit allen Banken der Stadt sicherstellen. Sie hatten drei, vier Gespräche mit unserem kleinen Cowboy-Gouverneur."

Massenproduktion verlangt Massennachfrage. Um die anzukurbeln, entdeckt die Wirtschaft die Macht der Werbung. Vor 1880 warben höchstens so zwielichtige Gewerbe wie Zirkusse oder Schausteller für sich. In den Zeitungen und wenigen Zeitschriften gab es so gut wie keine Anzeigen. Das ändert sich nun schlagartig, die großen Öl- und Nahrungsmittelkonzerne schaffen Werbeetats, und die Ausgaben für Werbekampagnen steigen zwischen 1880 und 1910 von 30 Millionen Dollar auf über 600 Millionen, fast vier Prozent des Nationaleinkommens. Gillette-Rasierer, Kodak-Kameras, Colgate-Zahnpasta, Wrigley?s Kaugummi, Coca- Cola oder Budweiser Bier sind plötzlich auf Werbetafeln im ganzen Land präsent.

Um die Jahrhundertwende "dominierten die großen Konzerne nicht nur die Wirtschaft des Landes, sondern sind auch zu den Herrschern des zivilen Lebens geworden", beobachtet der Volkswirtschaftler Thorstein Veblen 1900. Und John Wanamaker, Besitzer der größten Kaufhäuser in New York und Philadelphia, prahlt: "Wir hatten die Eisenzeit, die Steinzeit, und dies ist das Zeitalter des großen Geschäfts."

Fast täglich gibt es Meldungen von neuen technischen Errungenschaften. Um 1870 kommen die ersten Gemüsekonserven auf den amerikanischen Markt, kurz darauf verkauft ein Drucker die Rechte an der ersten Schreibmaschine an den Waffenfabrikanten Remington. Eastman bringt die Rollfilmkamera von Kodak heraus, der schottische Einwanderer Graham Bell erfindet das Telefon, Thomas Edison den Phonographen und die Glühbirne. Die vielen Erfindungen verbessern das Alltagsleben der Amerikaner, machen ihre junge Industrie auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig und begründen einen Technik- und Fortschrittsglauben, der bis heute ungebrochen ist. Wenn die Amerikaner etwas nicht selbst entwickeln, adaptieren sie Ideen aus der Alten Welt und verbessern sie. Wie in Detroit, wo der etwas exzentrische Sohn eines irischen Bauern an seinem ersten Auto bastelt.

Autos in Massenproduktion

Henry Ford ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und musste die Zwergschule seines Heimatdorfes nach acht Jahren verlassen, aber er ist besessen von einer Idee. Er will Autos in Massenproduktion herstellen. Der Ingenieur arbeitet mit einigen Kollegen rund um die Uhr an seinem Projekt. Stundenlang sitzt er in einer kleinen Garage, wippt in einem Schaukelstuhl, bis er aufspringt und eine neue Idee auf eine Tafel kritzelt. Ford und seine Männer tüfteln so lange herum, bis es ihnen gelingt, ihr T-Modell am Fließband zu bauen. Die Jahresproduktion in den Fertigungshallen steigt von 32000 Stück im Jahr 1910 auf 734000 nur sechs Jahre später. Gleichzeitig sinkt der Preis um die Hälfte. Jeder zweite verkaufte Neuwagen in Amerika ist ein Ford.

Im Januar 1914 macht der rastlose Industrielle etwas Ungeheuerliches. Ford verdoppelt den Lohn seiner Arbeiter; auf fünf Dollar pro Tag. Das "Wall Street Journal" schäumt, nennt den Lohn unmoralisch und beschuldigt Ford der kapitalistischen Todsünde: der "Anwendung von christlichen Prinzipien, wo sie nicht hingehören". Auch in diesem Fall ist der Visionär dem Rest der Industriellen wieder einen Schritt voraus. Seine Lohnkosten steigen, gleichzeitig schafft er Hunderttausende neue Konsumenten. Jetzt können sich selbst seine Arbeiter einen Ford leisten und mit ihnen Millionen anderer Amerikaner. Dazu gehören auch die Greenbergs, die stolze Autobesitzer werden.

Julias Mutter hat auf der Abendschule Englisch gelernt, der Vater sich zum Vorarbeiter hochgeschuftet. Julia und ihr Bruder haben die Schule abgeschlossen und Arbeit gefunden. "Dreizehn Jahre nach unserer Ankunft hatten wir genug Geld gespart, um uns in Ohio ein Haus und einen Laden zu kaufen, dem bald mehrere andere Geschäfte folgten", sagt sie. Die Greenbergs haben es geschafft - wie das ganze Land.

Wirtschaftliche Weltmacht

Amerika ist zur wirtschaftlichen Weltmacht geworden, deren Bruttosozialprodukt so hoch ist wie das aller anderen Industrienationen zusammen. Nun beginnt das Land, auch außenpolitisch seinen Einfluss über die Landesgrenzen hinaus geltend zu machen und imperiale Ansprüche zu stellen. Im April 1898 erklären die USA Spanien aus Protest gegen dessen brutale Unterdrückung der Kubaner den Krieg. Es wird ein blutiger Feldzug, der den stellvertretenden Marineminister Theodore Roosevelt zum Nationalhelden macht.

Er hat sich bereits als Polizeichef von New York City einen legendären Ruf erworben: Roosevelt legte sich mit der korrupten Demokratischen Partei an, feuerte 200 Polizisten wegen Bestechlichkeit, ging nachts in den finstersten Vierteln selbst auf Patrouille. Im Kuba-Krieg führt der spätere Präsident die "Rough Riders" an, eine tausend Mann starke Truppe aus Cowboys und Abenteurern. Roosevelt erschießt eigenhändig einen Spanier. "Er sackte in sich zusammen wie ein Karnickel", notiert er später.

Amerika befreit die karibische Insel und wird gleichzeitig selbst Kolonialmacht, indem es die von Spanien beherrschten Philippinen übernimmt. Die dortige Unabhängigkeitsbewegung unterdrücken die USA ebenso gewaltsam, wie es ihre Vorgänger getan haben.

In den folgenden Jahren intervenieren die USA unter anderem in Haiti, Mexiko, der Dominikanischen Republik, Nicaragua, ein weiteres Mal in Kuba. Die Motive für die neue Großmachtpolitik sind vielschichtig und zum Teil widersprüchlich. Zum einen gilt es, wirtschaftliche Interessen zu sichern und neue Märkte für amerikanische Produkte zu erschließen. Gleichzeitig spielt das Sendungsbewusstsein der Amerikaner eine Rolle. Ihre Vorstellung von Frieden, Freiheit, Menschenrechten und Demokratie wollen sie auf der ganzen Welt verbreiten. Bereits damals fällt es ihnen schwer zu glauben, dass es auf der Welt Völker geben könnte, die einen anderen als den American way of life bevorzugen.

Der selbst ernannte Weltpolizist

"Uns interessiert nicht der Profit und nicht der eigene Vorteil. Wir kämpfen für das, was wir für das Recht der Menschen auf Frieden und Sicherheit halten", rechtfertigt Präsident Woodrow Wilson 1917 Amerikas Eintritt in den Ersten Weltkrieg. Er zwingt die Achsenmächte in die Knie und verändert die europäische Landkarte. Die Vereinigten Staaten von Amerika spielen zum ersten Mal mit Erfolg jene Rolle, die sie in Zukunft immer häufiger übernehmen sollen: die des selbst ernannten Weltpolizisten.

Jan-Philipp Sendker / print