HOME

Terror im Nahen Osten: Obamas fehlende Strategie ist ein Zeichen von Stärke

Barack Obama hat noch keine Strategie für den Umgang mit den IS-Terroristen. Ist das schlecht? Nicht unbedingt, denn in der Region wurde schon oft zu beherzt eingegriffen - selten mit Erfolg.

Ein Kommentar von Peter Meroth

Barack Obama will den Fehler seines Vorgängers Bush im Irak nicht wiederholen

Barack Obama will den Fehler seines Vorgängers Bush im Irak nicht wiederholen

Die Insel Martha's Vineyard ist das amerikanische Sylt - die Sommerfrische der demokratischen Präsidenten. Auch heute, Freitag, ist es sonnig bei angenehmen 21 Grad. Nach zwei Wochen Ferien ist Barack Obama von dort ins schwülheiße Washington zurückgekehrt. Vielleicht hat er deshalb etwas holprig bekannt, "wir haben noch keine Strategie", als er bei seiner ersten Pressekonferenz in der Hauptstadt über die Terrorgruppe "Islamischer Staat" sprach. Er betonte seine Rolle als Oberbefehlshaber, aber in seinem cremefarbenen Anzug wirkte er wie ein Urlauber, der noch nicht so recht dazu gekommen ist, sich Gedanken zu machen, wie es nun im Job weitergehen soll. Er habe die Top-Verteidigungsverantwortlichen angewiesen, "eine Reihe von Optionen" zu erarbeiten.

Wer haftet für den Irak-Schaden?

Auf den ersten Blick schien der Präsident wieder die Führungsschwäche zu zeigen, die ihm von seinen Gegnern stets vorgeworfen wird. Aber auch im Nahen Osten, wo das Leid der Flüchtlinge immer unerträglicher wird, erwarten die Menschen, dass sich die USA endlich ihrer Verantwortung stellen. Der ewige Terror, die zerfallenden staatlichen Strukturen sind Spätfolgen des Irak-Kriegs. Und es war Bushs Außenminister Colin Powell, der 2003 zu Beginn der Invasion alle Warnung in den Wind schlug und Kritiker mit der Porzellanladen-Regel beruhigte: You break it, you own it, you fix it. - Du haftest für den Schaden, was du zerstörst, musst du wieder in Ordnung bringen. Aber elf Jahre später ist nichts in Ordnung im Irak.

Es hätte nicht einmal des Molochs der US-Geheimdienste bedurft, um zu erkennen, was sich unter dem Namen "Islamischer Staat" zusammenbraute. Die Stammesführer im Nordirak und die frustrierten Anhänger der Baath-Partei von Ex-Diktator Saddam Hussein tagten in relativer Offenheit, als sie vor einem Jahr beschlossen, die religiösen Fanatiker zu unterstützen und eine Koalition der Sunniten zu bilden. Der US-Aufklärung konnte auch nicht entgangen sein, dass Kämpfer des IS die syrisch-irakische Grenze überschritten hatten, bevor sie im Juni die strategisch extrem wichtige Stadt Mossul einnahmen. Und Beobachter rätseln bis heute, weshalb die USA nicht sofort mit gezielten Luftschlägen wenigstens die Arsenale zerstörten, bevor die Waffen in die Hände der Terroristen fielen. Die hochmoderne Ausrüstung, zum Teil aus dem Westen an Iraks reguläre Armee geliefert, war an wenigen Standorten in Mossul konzentriert.

"Irak-Müdigkeit" bei Barack Obama

Der frühere Oberkommandeur der US-Streitkräfte im Irak, General David Petraeus, hatte sich in diesen Juni-Tagen gegen jegliche militärische Intervention Washingtons ausgesprochen. Die USA dürften nicht "zur Luftwaffe für schiitische Milizen" werden. Petraeus wollte nicht die einseitige Politik des schiitischen Staatschefs Nuri al Maliki in Bagdad unterstützen, der die Rebellion der Sunniten provoziert hatte. Unterstützung könne es nur geben für eine "Regierung des ganzen Volkes". Politikberater in Washington diagnostizierten gleichzeitig eine "Irak-Müdigkeit" bei Barack Obama.

Doch dessen Worte in der Hauptstadt klangen anders. "Wir haben die stärkste Armee der Welt", sagte er als deren Oberbefehlshaber. Die USA könnten ohne weiteres den Deckel auf den brodelnden Topf setzen. "Doch wenn wir abziehen, kommen die gleichen Probleme wieder." Die Vorstellung, dass die USA oder eine andere auswärtige Kraft IS allein aufhalten könnten, sei unrealistisch, erklärte der Präsident. Eine erfolgreiche Strategie dürfe sich nicht auf militärisches Vorgehen beschränken und brauche auch starke Partner in der Region. Obama scheint entschlossen, die Fehler seines Vorgängers nicht zu wiederholen, der glaubte, mit Irak leicht und schnell fertig zu werden. "Quick and easy" werde es nicht geben, sagte er. So gesehen ist es ein Zeichen von Stärke, wenn er trotz des Drucks von allen Seiten einräumt, dass er noch keine Strategie habe, sondern dass sie mit Sorgfalt erarbeitet werden müsse. Und Ursula von der Leyen sollte gut zuhören. Überhastet eingegriffen wurde im Nahen Osten schon zu oft.