HOME

Tibet-Unruhen: Kloster-Blockade fordert Todesopfer

In den von den chinesischen Sicherheitsbehörden blockierten tibetischen Klöstern wird mittlerweile Wasser und Nahrung knapp - ein Mönch soll bereits verhungert sein. Die westlichen Industrieländer erhöhen unterdessen den Druck auf Peking: Deutsche Politiker bringen einen Handelsboykott ins Gespräch.

Die Lage in den abgeschotteten tibetischen Klöstern ist nach Angaben von Exiltibetern schlimmer als bisher bekannt. Im Ramoche-Kloster in Lhasa sei bereits ein Mönch aufgrund der mangelnden Versorgung gestorben. Der Mann sei verhungert, berichtete das Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD). Die Angaben konnten zunächst nicht durch unabhängige Quellen bestätigt werden. Zahlreiche von Sicherheitskräften blockierte Klöster in Tibet hätten mit Nahrungs- und Wasserknappheit und schlechter medizinischer Versorgung zu kämpfen.

Das Ramoche-Kloster sei bereits seit dem 14. März vom Militär umstellt, das sämtliche Zugänge blockiere und es "öfter" mit Tränengas beschieße, berichtete die Organisation, ohne jedoch genaue Quellen zu nennen. Es sei "aufgrund der Restriktionen durch die chinesischen Behörden" aber zunehmend schwierig, detaillierte Informationen aus Tibet zu bekommen.

Die Europäische Union hatte die Aufhebung der Einschränkungen der Bewegungs- und Informationsfreiheit in Tibet gefordert. Zugleich äußerte die slowenische EU-Ratspräsidentschaft in der Generaldebatte im UN-Menschenrechtsrat ihre "tiefe Sorge" angesichts der Berichte über die anhaltenden Proteste.

Nach Regierungsangaben haben sich indes mehr als 600 Menschen den Behörden gestellt. Die Polizei veröffentlichte einen Fahndungsaufruf gegen 53 mutmaßliche Rädelsführer. Bislang seien 29 Personen formell in Haft genommen worden, meldete die amtliche Nachrichtenagentur "Xinhua". Insgesamt sollen sich in der tibetischen Hauptstadt 280 Menschen der Polizei gestellt haben, nachdem diese ein Ultimatum ausgesprochen hatte.

Rufe nach Olympia-Boykott

Unterdessen hielt der Druck auf Peking mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele im August weiter an. Während ein Boykott der sportlichen Veranstaltungen kaum noch zur Debatte stand, rückten in manchen westlichen Ländern Erwägungen in den Mittelpunkt, der Eröffnungszeremonie fernzubleiben. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy erklärte, er schließe diese Möglichkeit nicht aus. Auch Jean-François Julliard, Chef der Forschungsabteilung von "Reporters sans Frontières", äußerte sich im stern.de-Interview ähnlich.

Der Vorsitzende der Deutsch-Chinesischen Parlamentariergruppe im Bundestag, Johannes Pflug, brachte unterdessen einen teilweisen Handelsboykott ins Gespräch. Maßnahmen im Wirtschaftsbereich seien sinnvoller als ein Olympiaboykott, um in Menschenrechtsfragen Druck auf die politische Führung in Peking auszuüben, sagte der SPD-Politiker der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Man muss darüber reden, welche Güter man nach China liefert und wie die Wirtschaftsbeziehungen sind", wird Pflug zitiert. So könne zum Beispiel die Lieferung von Gütern der Hochtechnologie und des Energiesektors, insbesondere von Luxusgütern, ausgesetzt werden. Ausgenommen werden sollten Exporte, von denen "wir alle profitieren - etwa beim Klima- und Umweltschutz". Aber es gebe viele Güter, "die nicht unbedingt nach China geliefert werden müssen".

Bach wehrt sich gegen Boykott

Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, lehnte einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking ungeachtet aller Kritik ab. "Der Sport darf nicht als politischer Knüppel missbraucht werden", sagte Bach dem "Tagesspiegel". "Ein Boykott ist kontraproduktiv für jedes hehre Ziel."

Isolation sei der falsche Weg. "Wenn die Spiele abgesagt oder boykottiert würden, werden die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit, die sich jetzt auf China richten, wieder abgedreht. Das kann niemand wollen", meinte Bach. Politiker verschiedener Parteien hatten den DOSB kritisiert, weil er einen Boykott der deutschen Mannschaft trotz der gewaltsamen Niederschlagung der Unruhen in Tibet durch China ausgeschlossen hatte.

Spiele sind dem Wesen nach "politisch neutral"

Bach, der auch Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist, lehnt auch Proteste von Sportlern und Politikern bei der Eröffnungsfeier in Peking ab. "Die Spiele müssen politisch neutral sein. Das ist nun einmal ihr Wesen", sagte Bach und fügte hinzu: "Wir wollen ja auch nicht, dass bei der Eröffnungsfeier Sportler die Porträts ihrer politischen Führer durchs Stadion tragen oder Diktaturen für sich werben." Mit politischen Kundgebungen bei der Eröffnungsfeier würde das Gebot der politischen Neutralität verletzt, das in der Olympischen Charta festgeschrieben sei.

Die Forderung, das IOC müsse mehr Druck auf China ausüben, wies Bach zurück: "Das IOC hat nicht den Anspruch und nicht das Mandat, eine Weltregierung zu sein, und die Olympische Charta ist nicht die Weltverfassung. Wir können nur regeln, wie sich der Sport für Menschenrechte einsetzt." Bach ermunterte die Athleten, mit anderen Sportlern im Olympischen Dorf zu diskutieren. Jedem Sportler stehe es frei, sich vor, während und nach den Spielen zu äußern. Politische Demonstrationen an Wettkampfstätten seien aber untersagt.

Nach amtlichen Angaben kamen in der tibetischen Hauptstadt Lhasa bislang mindestens 22 Menschen ums Leben. Offizielle Zahlen über mögliche Opfer unter den tibetischen Demonstranten gibt es bisher nicht. Tibetische Exilgruppen sprachen indes von nahezu 140 Todesopfern, darunter 19 in der Provinz Gansu.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters