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Tod von Libyens Ex-Diktator: Gaddafi - Lynchverdacht beunruhigt die UN

Während Gaddafis Leiche im Kühlraum eines Einkaufszentrums liegt, spekuliert die Welt über seinen Tod: Ist er wirklich im Gefecht erschossen worden - oder war es Lynchmord?

Die Bilder und Videos vom Tod Muammar al Gaddafi verstören - und hinterlassen Fragen. Die wichtigeste: War es ein Lynchmord durch die neue libysche Führung? Schließlich meinen selbst neutrale Experten dass die Zukunft Libyens einfacher sei, jetzt wo Gaddafi nicht mehr lebe. Der Sprecher von UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay bezeichnete zwei Handy-Videos, die offenbar zeigen, wie Gaddafi lebend gefasst wurde, als "sehr beunruhigend".

Das Drama nahm am Donnerstagmorgen seinen Anfang: Übereinstimmenden Berichten zufolge wollte Gaddafi an Bord eines Fahrzeugkonvois aus seiner Heimatstadt Sirte fliehen. Nato-Kampfbomber griffen den Konvoi gegen 8.30 Uhr an. Die quasi als Luftwaffe der Anti-Gaddafi-Kämpfer agierende Nato erklärte, sie habe bei dem Einsatz elf gepanzerte Fahrzeuge getroffen. Das Bündnis gab an, es habe keine Informationen darüber gehabt, dass sich Gaddafi in der Fahrzeugkolonne befand.

Frankreichs Verteidigungsminister Gérard Longuet sagte, französische Kampfflugzeuge hätten am Morgen einen Konvoi von rund 80 Fahrzeugen "gestoppt". Erst Gaddafi-Gegner hätten die Fahrzeuge zerstört und den Ex-Despoten herausgeholt. Tatsächlich erscheint es zunehmend plausibler, dass die Kämpfer, die Gaddafi festnahmen, ihn erschossen haben.

Unterschiedliche Versionen von Gaddafis Tod

Der Regierungschef des libyschen Übergangsrats, Mahmud Dschibril, sagte, Gaddafi sei "bei guter Gesundheit" und mit einer Waffe angetroffen worden. Er sei anschließend auf einen Pickup gebracht worden. Beim Losfahren des Fahrzeuges sei jedoch eine Schießerei zwischen Gaddafi-Anhängern und Gegnern ausgebrochen. Dabei habe Gaddafi einen Kopfschuss erlitten. Bis zu seinem Eintreffen im Krankenhaus in Misrata sei er jedoch am Leben gewesen.

Der Kommandeur der Truppen des Übergangsrats in Sirte, Mohammed Leith, wiederum sagte, Gaddafi habe aus einem Jeep zu fliehen versucht, als dieser beschossen wurde. Er habe sich in einem Abwasserkanal versteckt, sei dann jedoch mit einer Kalaschnikow und einer Pistole in den Händen herausgekommen und habe sich umgeschaut. Da sei er von Kämpfern des Übergangsrats an der Schulter und am Bein getroffen worden. Leith: "Danach starb er."

Videoaufnahmen, die von den arabischen Fernsehsendern al Arabija und al Dschasira ausgestrahlt wurden, zeigen Gaddafi nach seiner Festnahme lebend inmitten von Kämpfern des Übergangsrats. Er ist bereits schwer verletzt und hat Blut auf Gesicht und Schultern. Ein Kämpfer scheint ihm eine Pistole an den Kopf zu halten. Ob er abdrückt, ist nicht zu erkennen. Anschließend ist auf den Aufnahmen zu sehen, wie Gaddafi auf einen Pickup gezogen wird.

Ein aus der Nähe abgefeuerter Schuss

Donnerstagabend befand sich die Leiche Gaddafis sowie die seines ebenfalls in Sirte getöteten Sohnes Mutassim in einem Privathaus in der weiter westlich gelegenen Küstenstadt Misrata. Gaddafi lag demnach mit entblößtem Oberkörper und blutverschmiertem Bauch da. An der Schläfe war deutlich eine Wunde zu sehen, die offenbar von einem aus der Nähe abgefeuerten Schuss stammte.

Es ist noch unklar, wann und wo die Leiche des langjährigen libyschen Machthabers beigesetzt werden soll. Der Informationsminister der neuen Führung, Mahmud Schamam, sagte, es sei noch keine Entscheidung über Gaddafis Bestattung getroffen worden. Am Donnerstagabend hatte der Nationale Übergangsrat zunächst erklärt, die Leiche solle nach einer Autopsie an einem unbekannten Ort beerdigt werden. Der Militärrat in Misrata teilte jetzt mit, erst müssten noch DNA-Tests gemacht werden. Das könne zwei Tage dauern. Gaddafis Leiche wurde unterdessen in den Kühlraum eines zehn Kilometer von Misrata entfernten Einkaufzentrums gebracht.

tkr/AFP/DPA / DPA