HOME

Enthüllungsjournalist Seymour Hersh: Lügt die US-Regierung über bin Ladens Tod?

2011 wurde al-Kaida-Chef Osama bin Laden in Pakistan von einer Eliteeinheit getötet - laut Washington ohne Wissen der dortigen Regierung. Nun behauptet ein bekannter Journalist: Die US-Regierung lügt.

Osama bin Laden starb am 2. Mai 2011 durch die Kugel eines US-Elitesoldaten

Osama bin Laden starb am 2. Mai 2011 durch die Kugel eines US-Elitesoldaten

Für Barack Obama war der 2. Mai 2011 einer der wenigen Höhepunkte seiner Präsidentschaft. In einer Nacht- und Nebelaktion stürmte ein Team der Navy Seals ein Anwesen in der Nähe der pakistanischen Stadt Abbottabad, fand dort Osama bin Laden vor und erledigte den Terrorführer per Kopfschuss. Das Bild, das die US-Führung beim Betrachten einer Live-Übetragung zeigt, in der zu sehen ist, wie die Eliteeinheit den meistgesuchten Terrorführer zur Strecke bringt, ging um die Welt. Die Mission "Neptune Spear" brachte zwei strahlende Helden hervor. Den US-Präsidenten sowie Einsatzleiter Robert O'Neill, der sich den Tod des al-Kaida-Chefs ans Revers heftete. Jetzt, vier Jahre später, kratzt ein hochdekorierter US-Journalist am Hochglanzimage der Umstände, die zu bin Ladens Ende führten.

In einem Beitrag für die "London Review of Books" schreibt der Pulitzerpreisträger Seymour Hersh, dass Pakistan sehr wohl den Amerikanern geholfen habe, bin Laden zu ergreifen. Bislang hatte die Regierung in Washington immer behauptet, "Neptune Spear" sei ohne Wissen der Pakistaner durchgeführt worden. Hersh wirft Barack Obama daher "Lügen" vor.

25 Millionen Dollar für eine Auskunft

Laut Hersh, der unter anderem den Folterskandal im irakischen Abu Ghreib aufdeckte, soll bin Laden jahrelang Gefangener des pakistanischen Geheimdienstes ISI gewesen sein. Was erklären würde, wieso der Topterrorist so lange und quasi unbehelligt mitten in einer pakistanischen Großstadt leben konnte. Hersh zufolge soll ein pakistanischer Geheimdienstmitarbeiter den Aufenthaltsort verraten und dafür von den USA eine Prämie in Höhe von 25 Millionen Dollar erhalten haben. Mittlerweile soll der Mann sogar für den US-Auslandsgeheimdienst CIA arbeiten.

Angeblich habe es daraufhin einen Deal zwischen den beiden Regierungen gegeben: Osama bin Laden sollte mithilfe eines Drohneneinsatzes erledigt werden, aber so, dass es nicht wie ein gezielter Angriff aussieht. Nachdem jedoch einer der eingesetzten Blackhawk-Hubschrauber Feuer gefangen hatte, habe sich Washington dazu entschlossen, dass Haus von einer Eliteeinheit der Navy Seals stürmen zu lassen. Die Wachleute des pakistanischen Geheimdienstes seien zu dem Zeitpunkt bereits abgezogen gewesen.

Wo ist Osamas Leiche?

US-Präsident Obama hatte in seiner Version der Geschichte stets davon gesprochen, den damals meistgesuchten Mann über normale Geheimdienstarbeit aufgespürt zu haben. Die Unterstützung der Pakistaner sei verheimlicht worden, so Seymour Hersh, weil man politisches Kapital aus der heldenhaften Geschichte schlagen wollte. Etwa, um die Wiederwahl Obamas nicht zu gefährden. Auch über die Beisetzung des Osama-Leichnams soll die US-Regierung nicht die Wahrheit erzählt haben. Nach Darstellung der Amerikaner wurde der Körper von einem Flugzeugträger aus im Arabischen Meer versenkt, Hersh dagegen behauptet, der Verbleib der Leiche sei ungeklärt.

Weißes Haus dementiert

Nach der Veröffentlichung der möglichen Enthüllungen meldeten sich prompt Kritiker zu Wort: Sie bemängeln an Hershs Ausführungen, dass er sich im Wesentlichen auf den einen anonymen Geheimdienstmitarbeiter beruft. Namentlich in seinem Text genannte Quellen widersprechen der Version zwar nicht, legen aber auch keine konkreten Beweise vor, die sie stützen würden.

Das Weiße Haus dementierte Hershs Behauptungen scharf: "Dies war durch und durch ein US-Einsatz", sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats von Präsident Barack Obama, Edward Price. Jede andere Darstellung sei "schlicht falsch".

Der Publizit Hersh hat sich mit Enthüllungsjournalismus einen Namen gemacht. Weltbekannt wurde er bereits 1969, als er während des Vietnam-Krieges das Massaker von My Lai aufdeckte. Dafür erhielt Hersh 1970 den Pulitzer-Preis.

nik mit DPA