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Ostukraine, April 2020 Schützengräben in Europa – ein Besuch an der Front

Sehen Sie im Video: "Es war eine Reise in tiefe Abgründe" – warum es Bernard-Henri Lévy immer wieder in Krisengebiete verschlägt.
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Vor sechs Jahren haben pro-russische Separatisten im Osten der Ukraine zwei Großstädte zu sogenannten unabhängigen "Volksrepubliken" erklärt. Seitdem herrscht im Donbass Krieg. 
Von Bernhard-Henri Lévy

Ostukraine, im April 2020. Der große Transporthubschrauber stammt noch aus der Sowjet-Ära. Er fliegt tief, die Nase nach unten gerichtet, um dem russischen Radar auszuweichen. Nach etwa zwei Stunden Flug über flache Landschaften, gefrorene Seen und zerstörte Dörfer landen wir im Morgengrauen in Mariupol. Im Hauptquartier der Marine hat der ukrainische Generalstab unser erstes Treffen mit den Kommandeuren organisiert, die gegenüber den pro-russischen Separatisten im Donbass die Stellung halten. Sie zeigen uns Satellitenbilder, auf denen zu sehen ist, wie drei russische Schiffe unter Missachtung des Völkerrechts die Durchfahrt zwischen dem Asowschen Meer und dem Schwarzen Meer blockieren. Aber eigentlich braucht man gar kein Briefing – die Stadt erzählt ihre eigene Geschichte. Im Zentrum von Mariupol sind die Geschäfte nahezu leer, sogar der Fischmarkt ist verwaist. Die Hochöfen des lokalen Stahlbetriebs stoßen zwar schwarzen, schmutzigen Qualm aus, aber die Produktion läuft nur mit halber Kraft. Nicht Corona hat diese wichtige Industrie lahmgelegt – weil es den Separatisten bislang nicht gelungen ist, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen, haben sie eine Art Blockade verhängt.

#weileswichtigist

Das Virus hat in diesem Jahr unseren Alltag geprägt – und unsere Berichterstattung. Zwischen Corona, Trump und den US-Wahlen blieb wenig Raum für andere Themen. An einige möchten wir mit #weileswichtigist erinnern: an Menschen, die im Krieg leben, in Armut oder auf der Flucht. Die Idee zu diesem Rückblick entstand in Zusammenarbeit mit dem französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy. Er hat dieses spezielle Jahr genutzt, um aus verschiedenen Ländern zu berichten. Seine Reportagen führen uns in Kriegs- und Krisengebiete, es geht um Menschen und um das, was sie verbindet. Wir ergänzen seine Texte durch Auslands-Reportagen unserer Kolleginnen und Kollegen. Über die Stiftung stern können Sie ausgewählte Hilfsorganisationen unterstützen.

Elf Kilometer weiter östlich liegt der Ort Schyrokyne, das ehemalige Seebad von Mariupol. Zweitausend Menschen haben hier gewohnt. Doch an diesem Morgen treffe ich nur Tatiana und Maxime. Sie erzählen, dass sie früher in der Hotelbranche gearbeitet haben. Begleitet von der Nationalgarde sind sie nun auf dem Weg zum Grab ihres Vaters, der vergangenes Jahr hastig im Familiengarten beerdigt werden musste. Die ehemals eleganten Häuser bestehen nur noch aus Trümmern. "Schyrokyne war ein normaler Badeort", sagt Lieutenant Martha Shturma, unsere Dolmetscherin, "strategisch völlig unwichtig". Trotzdem wurde die Stadt in Schutt und Asche gelegt. Wir sehen eine Kirche mit zerstörten Dachbalken. Eine verminte Klinik, von der nur noch die Betonpfähle übrig sind. Zwischen den Ruinen einer Schule liegen halbverbrannte Hefte und Schulranzen. Es sieht aus, als hätten die Separatisten aus reiner Freude alles verwüstet. Als hätten sie es genossen, dabei zuzusehen, wie die Einwohner unter dem andauernden Beschuss ihre Häuser nach und nach verlassen mussten.

Wir sind in der Ukraine im Jahr 2020 – und der Krieg ist nicht vorbei.

Die müden Augen von erschöpften Männern

Etwa dreißig Kilometer weiter nördlich, in Nowotroizk, ist das 10. Bataillon der Bergsturmbrigade stationiert. Es dauert länger als eine Stunde, bis uns der gepanzerte Krankenwagen von der Autobahn über hucklige Pisten bis zum Vorposten gebracht hat. Nicht weit von hier wurde an diesem Morgen um 7.15 Uhr ein Soldat getötet. Und ein zweiter verwundet. General Viktor Ganushchak und seine Spezialeinheit zeigen uns die Schützengräben. In endlosem Zickzack durchqueren wir das Netz aus engen Gängen. Einige Gräben sind so tief, dass sie mit Pfählen und Brettern abgestützt werden. Andere sind oben offen und nur mit Vorhängen aus falschem grauem Efeu bedeckt. Alle fünfzig Meter steht ein Wachposten, manchmal in einem Gewölbe, in dem ein Braunkohleofen qualmt; manchmal hinter einer Schießscharte voller Stroh. Stolz berichtet mir ein Offizier, dass diese disziplinierten Wachsoldaten nun so gut aufgestellt seien, dass pro-russische Offensiven die Reihen nicht mehr durchbrechen könnten, wie es 2014 und 2015 geschehen war. Ich schaue in die müden Augen dieser erschöpften Männer, die nur alle sechs Monate vom Dienst in ihren Erdlöchern abgelöst werden. Die Szenerie erinnert mich an Verdun. Aber das wage ich nicht zu sagen.

In den Reihen der Soldaten zeigen sich müde und erschöpfte Augen
In den Reihen der Soldaten zeigen sich müde und erschöpfte Augen
© Marc Roussel / Gilles Hertzog

Noch etwas weiter nördlich liegt Krasnogorowka. Der Ort, an dem an diesem Morgen der Soldat erschossen wurde. Auf dem Weg dorthin müssen wir den Abstand zwischen unseren Fahrzeugen vergrößern, denn der Feind ist nur noch ein paar hundert Meter entfernt. Hauptmann Maxime Marchenko und seine Amtskollegen verwenden stets das Wort "Feind", nicht etwa "Separatisten" oder "pro-russisch". Für sie ist es klar, dass sie gegen die Russen kämpfen – auch wenn es pro-russische Militärs sind, die auf sie schießen. "Schauen Sie," sagt der Hauptmann und zeigt mir die Überreste einer Grad-Rakete. "Nur der Kreml besitzt solche Waffen. Kommen Sie mal hier rüber." Wir steigen in den siebten Stock eines ehemaligen Bürogebäudes hinauf, das jetzt als Hauptquartier dient. Auf dem Dach wurde ein Wachturm errichtet. Durch einen Spalt in dem Schutzwall aus Sandsäcken können wir mit unseren Ferngläsern die Vororte von Donezk sehen – die Hauptstadt der von den Separatisten ausgerufenen "Volksrepublik Donezk".

Bis 1961 hieß die Stadt noch "Stalino". Aus der Ferne sieht sie aus wie ein sowjetischer Jurassic Parc: Dichte Hochhaussiedlungen aus Beton, dazwischen Fabriken, Bergbauhalden und das Metallskelett des zerstörten Flughafens. Im Vordergrund stehen ein paar Gvozdika-Panzer, wie sie während des zweiten Tschetschenien-Krieges genutzt wurden. Schwer vorstellbar, dass sie nicht aus dem Arsenal Moskaus stammen sollen.

In der Zone um Myroliubovka gelangen wir zu einem Militärschießplatz. Rund 20 junge ukrainische Artilleristen machen sich an den drei 155mm-Kanonen zu schaffen. Es handelt sich nur um eine Übung, versichert uns der Befehlshaber. Aber er kann seinen Stolz auf die Ausrüstung und seine gut ausgebildeten Männer nicht verbergen. "Wir gehorchen den Anweisungen unseres Oberbefehlshabers Präsident Selenskyj", sagt er. "Wir halten uns an die Waffenruhe des Minsker Abkommens. Aber unsere zivile Armee ist eine ernstzunehmende Kraft."

Bei diesen Worten muss ich unweigerlich an das Bataillon denken, das ich fünf Jahre zuvor nach der Bombardierung von Kramatorsk gesehen hatte. Es war schlecht ausgerüstet, die Soldaten waren leichenblass und so erschöpft, dass sie bei einer Versammlung mit dem damaligen Präsidenten Petro Poroschenko beinahe einschliefen. Seitdem hat die ukrainische Verteidigung offenbar einen großen Schritt nach vorn gemacht.

In diesem Krieg sind Zehntausende gestorben – und trotz der offiziellen Waffenruhe kommen wöchentlich neue hinzu
Gedenken an die Toten: In diesem Krieg sind Zehntausende gestorben – und trotz der offiziellen Waffenruhe kommen wöchentlich neue hinzu
© Marc Roussel / Gilles Hertzog

Pisky, noch etwas weiter im Norden, war einmal ein Vorort von Donezk. Weil überall Minen sind, können wir die Stadt nur zu Fuß betreten, im Gänsemarsch hinter den Soldaten her, die uns abholen. Kein einziges Gebäude ist der Zerstörung entkommen. Zerborstene Häuser mit vernagelten Fenstern säumen die öden Straßen, die bedeckt sind von Schnee und totem Gras. Wasser und Strom gibt es nicht mehr. Von den ehemals etwa 2000 Bewohnern seien nur noch drei Familien übrig, sagt der Anführer unseres Trupps. Und selbst die wurden seit Wochen nicht mehr gesichtet. Vielleicht sei er der letzte Überlebende in dieser Apokalypse, ruft der Mann lachend aus. Er scheint sich der Unwirklichkeit dieses Ortes nicht entziehen zu können. Genauso wenig wie Martha, unsere Dolmetscherin, deren Stimme immer dünner wird. In der Ferne schreit ein Sperber. Ein magerer Hund leckt den Rand eines ausgetrockneten Brunnens ab. Ein anderer liegt mit steifen Beinen auf einem Müllhaufen. Pisky ist eine Geisterstadt. Sogar die Tiere sind Gespenster. Eine ausgeweidete Landschaft ohne Leben, umgeben von bleichen starren Schatten.

Sein Blick ist fiebrig und vor Schmerz wie abwesend

In diesem Krieg sind bereits 13.000 Menschen gestorben und trotz der offiziellen Waffenruhe kommen wöchentlich neue hinzu. Doch mich lässt das Schicksal des toten Soldaten und seines verletzten Gefährten nicht los, die es kurz vor unserer Ankunft in Krasnohoriwka erwischt hatte. Wir fahren zum Feldlazarett von Pokrowsk. Der gefallene Soldat, Yevhen Shschurenko, wurde in einer sauberen Uniform in der Leichenhalle aufgebahrt. Die Explosion hat seinen Schädel zertrümmert. Sein Kamerad, der verletzt überlebt hat, teilt sich den Raum mit fünf anderen Verwundeten, Zivilisten und Soldaten. Ein Jugendlicher stöhnt leise in seinem Bett. Ein anderer hat blutigen Speichel an den Mundwinkeln. Der Chefarzt sagt, er sei nach einem Geschützfeuer verrückt geworden. Der Soldat, den wir eigentlich besuchen wollen, ist anfangs sehr still. Sein Blick ist fiebrig und vor Schmerz wie abwesend. Doch dann schiebt er die Bettdecke vorsichtig beiseite und zeigt uns die Verbände an seinem Unterleib und an den Beinen. Schwach, aber entschieden, sagt er, dass er von einem Geschoss getroffen wurde, als er nach dem üblichen Rundgang an seinen Posten zurückkehren wollte. Und dass er offenbar zu viel Vertrauen in die europäischen Sonderbeobachter gesetzt habe, die das Einhalten der Waffenruhe gewährleisten sollten.

In Stanytsia Luhanska, am nördlichen Ende der Frontlinie, liegt ein Check-Point, der den Ukrainern den Durchgang ins Separatisten-Gebiet ermöglicht – in die sogenannte "Volksrepublik Luhansk". Der Korridor ist in der Mitte durch ein Absperrgitter geteilt und wird an beiden Enden von einer Art Zollposten kontrolliert: Separatisten im Osten, loyale Ukrainer im Westen. Eine Sache ist auffällig: Es ist kaum jemand da, der in das Gebiet der Separatisten wechseln will. Auf der anderen Seite hingegen warten schon seit dem Morgengrauen in einer endlosen Schlange Frauen mit Einkaufstaschen, ältere Leute im Rollstuhl und Jugendliche. Der Grund ist: Die Ukraine betrachtet die Einwohner der separatistischen Gebiete als Geiseln Putins. Sie erkennt weiterhin ihre Rechte als ukrainische Staatsbürger an und zahlt folglich auch noch ihre Renten. Die Menschen müssen ihre Zone verlassen, um an den Bankautomaten in der Ukraine Geld abzuheben. Und weil die Läden in den Gebieten der Separatisten nahezu leer sind, können sie auch nur in der Ukraine ihre Lebensmittel kaufen.

Im Hauptquartier der Marine hat der ukrainische Generalstab das erste Treffen mit den Kommandeuren organisiert
Im Hauptquartier der Marine hat der ukrainische Generalstab das erste Treffen mit den Kommandeuren organisiert
© Marc Roussel / Gilles Hertzog

In Zolote, eine ehemalige Bergbausiedlung, die seit Kriegsbeginn geteilt ist, stehen wir erneut vor Schützengräben. Hier bestehen sie zwar nur aus ein paar in den Boden gerammten schwarzen Brettern – dennoch sind sie abschreckend. Große Hunde bewachen die Eingänge. Alle zehn Meter liegt ein hochausgerüsteter Soldat auf der Lauer. Viele der Männer sind tätowiert, sie sehen aus wie Berufs-Rambos, die genau wissen, was sie tun. Ich frage mich, ob sie zu den berüchtigten Einheiten gehören, in der zu Beginn des Krieges auch Ultranationalisten oder gar Neo-Nazis Unterschlupf fanden. Aber nein, so ist es nicht.

Diese Männer sind jünger und merklich ausgeruhter. Sie sind auf Nahkampf spezialisiert, erfahre ich. Zolote steht im Mittelpunkt des Friedensabkommens – die Aufgabe der Männer besteht momentan allein darin, die Grenze zu verteidigen. Aber man merkt ihnen an, dass sie jederzeit zum Angriff übergehen könnten.

Bernard-Henri Lévy (r.) in der Ukraine im Jahr 2020 – und der Krieg ist nicht vorbei
Bernard-Henri Lévy (r.) in der Ukraine im Jahr 2020 – und der Krieg ist nicht vorbei
© Marc Roussel / Gilles Hertzog

Ein Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten

In der Hauptstadt Kiew sind wir mit Präsident Wolodymyr Selenskyj verabredet. Wir treffen uns in demselben kitschigen Büro, in dem ich häufiger mit seinem Vorgänger Petro Poroschenko gesprochen habe. Selenskyi nimmt an dem runden Tisch aus falschem Marmor Platz, der für ihn irgendwie überproportioniert wirkt. Unweigerlich frage ich mich, ob er dieser Aufgabe wirklich gewachsen ist. Seit Mai 2019 ist er im Amt. Die Rolle des Präsidenten ist das eine. Aber kann ein ehemaliger Comedy-Star auch Oberbefehlshaber einer Armee sein, die Krieg führen muss? Wir zeigen ihm die Fotos, die wir während unserer Reportage gemacht haben. Ich merke, dass er auf jedem Bild sofort den Frontabschnitt erkennt, oft sogar den diensthabenden Offizier. Er sagt, dass er sich um die Europäische Union sorge, die von ihrer Nachsicht gegenüber Putin geschwächt werde. Dass er sich über die Solidarität Emmanuel Macrons freue. Und ich stelle fest, wie meisterhaft er auch die Floskeln vorsichtiger politischer Diplomatie beherrscht, als er über Trump und das amerikanische Drama spricht. Insgesamt betrachtet leistet er ziemlich gute Arbeit. Drei Mal wiederholt er, vielleicht um einer Frage auszuweichen, dass er sich "ganz normal" fühle. Und dass es ebenfalls "ganz normal" sei, dass man sich frage, wie das funktioniere: Ein kleiner Jude aus der südukrainischen Stadt Krywyj Rih, der erst Fernsehstar wurde und dann plötzlich Präsident eines Landes im Krieg.

Die Menschen in Kriegs- und Krisenregionen sind dringend auf Hilfe angewiesen. Wir leiten Ihre Spende an ausgewählte Hilfsorganisationen weiter. Bitte spenden Sie an IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01, Stichwort: #weileswichtig ist – www.stiftungstern.de

Es ist nicht ganz klar, ob er damit sagen will, dass er sich seiner neuen Rolle im Klub der Staatschefs angepasst hat. Oder ob er meint, noch derselbe normale Mensch zu sein wie zuvor. In beiden Fällen liegt in seinen Antworten jedoch eine ruhige und spöttische Gelassenheit, die ich nicht erwartet hätte. Die Launen der Weltgeschichte hätten einen weitaus weniger geeigneten Mann mit der Aufgabe betrauen können, Europa und seine Werte gegenüber Putins "eurasischem" Imperialismus zu verteidigen. Und während wir im Westen unser Alltags-Leben führen, geht in der Ukraine der Krieg weiter. Mit seinen täglichen dahin tröpfelnden Tragödien. Mit der fünfhundert Kilometer langen Frontlinie, an der Männer unermüdlich Wache schieben – das sollten wir nicht vergessen.

aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Claire Freerks und Andrea Ritter

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