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Einmarsch Russlands Ukraine unter Beschuss – die wichtigsten Fragen und Antworten nach sechs Monaten Krieg

In der Ukraine tauchen immer wieder zerstörte russische Panzer auf. Besonders auffällig: Der abgesprengte Turm.
Besonders auffällig bei in der Ukraine zerstörten russische Panzern: der abgesprengte Turm.
© Maximilian Clarke/ / Picture Alliance
Kaum einer hätte Ende Februar gedacht, dass sich der Einmarsch Russlands in die Ukraine zu einem veritablem Krieg auswächst. Nun ist der Konflikt ein halbes Jahr alt, und ein Ende ist nicht in Sicht. Der Stand der Dinge in sechs Fragen und Antworten.

Inhaltsverzeichnis

Warum hat Russland die Ukraine überfallen?

Die Antwort auf die alles entscheidende Frage hat mehrere Ebenen. Offiziell will Moskau die Ukraine "entmilitarisieren" und von "Nazis" befreien, die angeblich in Kiew regierten. Das stimmt zwar nicht, aber die Westorientierung des Nachbarlandes empfindet die russische Regierung als Bedrohung. Zumal beide Länder eine lange gemeinsame Geschichte verbindet. So gilt die Kiewer Rus als Urzelle der heutigen Staaten Russland, Belarus und der Ukraine. In der Vorstellung rechtsnationaler Kräfte ist die Ukraine damit ein wesentlicher Bestandteil Russlands, vor allem aber kein eigenständiges Land. So hat sich auch Russlands Präsident Wladimir Putin mehrfach geäußert. Kurzum: Putin versucht mit seinem imperialistischen Vorgehen Teile der Ukraine zurückzuerobern und einen Reststaat zu hinterlassen, der für sich nicht oder kaum lebensfähig ist.

Wie verläuft der Krieg?

Überraschend zäh. Zu Beginn am 24. Februar waren die meisten Experten davon ausgegangen, dass das übermächtige Russland den "kleinen" Nachbarn in kurzer Zeit wird besiegt haben. Doch nun geht der Krieg in den siebten Monat. Russland sei "eigentlich in allen wesentlichen Kriegszielen gescheitert", sagte Russland-Expertin Sarah Pagung dem "ZDF".  Das betreffe "sowohl die Einnahme Kiews als auch einen Regime-Change". Einzig die Eroberung großer Teile der Ostukraine sei ein Erfolg, dafür aber gerate nun die russisch besetzte Südukraine unter Beschuss. Als Grund für den ausbleibenden Erfolg der russischen Armee gilt mangelnde Ausrüstung, schlechte Moral und Fehler in der Führung. Die Ukraine dagegen verfügt über hochmotivierte Kämpfer und über modernstes Kriegsgerät aus dem Westen. 

Wie lange wird der Krieg noch dauern?

Vermutlich noch lange. Auch wenn die Ukrainer in der Lage sind, sich gegen die Russen zu stemmen, kommen die Truppen Moskaus bei der Eroberung durchaus voran. Nur eben so langsam, dass keine Seite in absehbarer Zeit einen "Erfolg" wird verkünden können. Die Ukrainer kämpfen um ihre Unabhängigkeit als Nation, Putin will diesen "historischen Irrtum" beenden. "Unter diesen Umständen kann niemand gewinnen", sagt der in Moskau ansässige politische Analyst Konstantin Kalatschew. Etwaige Friedensverhandlungen würden voraussetzen, dass zumindest eine Seite bereit wäre, über den Status Quo zu verhandeln. Für die Ukraine aber würde das de facto auf Gebietsverluste hinauslaufen, für Russland wäre es das Eingeständnis, den Nachbarn weder "entmilitarisiert" noch "entnazifiziert" zu haben.

Es heißt, die Ukraine "dürfe" nicht verlieren – warum?

"Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt", sagte der frühere Verteidigungsminister Peter Struck über den Afghanistan-Einsatz. So ähnlich lautet auch die Sichtweise auf den Ukraine-Krieg. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat mehrfach darauf hingewiesen, dass sein Land Freiheit und Demokratie der Europäer verteidigen würde. Das Argument lautet, dass Russlands Imperialismus nicht nach der Ukraine halt machen würde. Im Falle eines Sieges könnte die Regierung in Moskau weitere "historische" Gebiete ins Visier nehmen, wie etwa Estland. Im russischen Fernsehen wird bereits über die "Rückholung" der einstigen Sowjetrepublik gescherzt. Ebenso wie über "Ziele" in Osteuropa. Extrem rechte Kreise in Russland, zu denen auch Alexander Dugin zählt, dessen Tochter jetzt durch eine Autobombe starb, träumen sogar von einem russischdominierten eurasischen Reich von "Lissabon bis Wladiwostok". Davon ist Russland zwar noch sehr weit entfernt, aber kein Land ist gewillt, die Zerstörung der europäischen Friedensordnung durch den Einmarsch in die Ukraine einfach so hinzunehmen.

Wie lange kann die Ukraine noch Widerstand leisten?

Viele Beobachter glauben, dass die Ukraine durch die Krim-Krise und den Krieg in der Ostukraine 2014 erst begonnen hat, einen Zusammenhalt als Nation zu entwickeln. Mit der Invasion Russlands sind die Ukrainer noch einmal stärker zusammengerückt. Wie lange das anhält und sie vereint hinter ihrer Regierung stehen, hängt nach Auffassung von Dimitri Minic vom Französischen Institut für Internationale Beziehungen auch vom Ausland ab: Denn die Solidarität "stützt sich auch stark auf die Idee, dass der Westen der Ukraine in diesem Krieg hilft." Der nahende Winter dürfte die Entschlossenheit der Ukrainer allerdings auf eine harte Probe stellen. Sie müssen sich auf Kraftstoffmangel, Strom- und Heizungsausfällen einstellen – vor allem, wenn sie durch die Kämpfe aus ihren Häusern vertrieben werden. An der Front wiederum hängt die Lage im Winter wiederum von Witterung und Gelände ab. Es wäre nicht das erste Mal, dass "General Schlamm" den Angreifer ausbremst und den Verteidigern hilft.

Wie lange wird Russland noch Krieg führen wollen?

Trotz seiner Fehleinschätzung zur Länge seines Angriffskriegs scheint Russland bereit, die Kosten für einen langwierigen Zermürbungskrieg zu zahlen. Hinzu kommt, dass sich die Hoffnungen des Westens, Russland mit Sanktionen unter Druck zu setzen, nur sehr langsam erfüllen. Einige Experten glaube, dass die volle Wirkung der Sanktionen erst "in etwa fünf Jahren" zu spüren sein wird. Daneben verdient das Land durch die hohen Preise für Öl, Gas, Kohle und anderen Rohstoffe deutlich mehr als vor dem Krieg. Der wirtschaftliche Aspekt steht für das an Mangel gewöhnte Land ohnehin nicht an erster Stelle, so Sarah Pagung: "Man strebt keine wirtschaftlich prosperierende Nation an, sondern einen imperialen Staat und dafür ist man eben auch bereit, große wirtschaftliche, auch große menschliche Opfer zu bringen."

Quellen: DPA, AFP, ZDF, RND, NTV

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