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Autobombe nahe Moskau Getötete Darja Dugina: Ihr Vater Alexander Dugin liefert Putin die Ideologie für den Ukraine-Krieg

Alexander Dugin
Rechtsextremer Vordenker Alexander Dugin
© Mikko Stig/Lehtikuva / DPA
Die russische TV-Kommentatorin Darja Dugina starb durch eine Autobombe. Diese war aber wohl für ihren Vater gedacht: Alexander Dugin. Der rechtsextreme Denker gilt manchem als "gefährlichster Philosoph der Welt".

Warum musste Darja Dugina sterben? Wer ist für ihren Tod verantwortlich? Und sollte sie überhaupt das Opfer des Autobombenanschlags sein? Zwei Tage nachdem die 29-jährige russische Publizistin auf dem Rückweg von einem patriotischen Festival in einer Moskauer Vorstadtsiedlung ums Leben gekommen war, übertönen die Spekulationen und Gerüchte die bislang spärlichen Ermittlungsergebnisse um ein Vielfaches. Gründe dafür gibt es viele: Das Attentat fand im Herzen Russlands statt. Es traf eine Verfechterin des Ukraine-Kriegs. Und möglicherweise steckt dahinter der russische Geheimdienst statt, wie die russische Propaganda naheliegend trommelt, Unterstützer der Ukraine.

Darja Dugina: "Ukrainer sind Unmenschen"

Eine Kollegin Duginas, die Chefredakteurin des staatlichen russischen Fernsehsenders RT, Margarita Simonjan, sagte, Darja sei eine "junge, kluge, schöne und unglaublich talentierte Frau". Sie "hätte einer jener Menschen werden können, die für Russland eine neue Volksideologie bilden." Der prominente Außenpolitiker Leonid Sluzki stimmt in die Klage mit ein: "Dieser barbarische Mord an Darja – das ist im Grunde ein Terroranschlag auf die Ideologie und das Verbindende der Russischen Welt." Der Begriff Ideologie fällt in den letzten Tagen häufig, wenn von ihr die Rede ist. Und das nicht nur, weil sie mit Sätzen wie "Ukrainer sind Unmenschen" aufgefallen ist, sondern auch weil sie ihrem Vater nahestand, den viele einen Faschisten nennen, und manche sogar einen Putin-Einflüsterer.

"Unsere Revolution wird nicht in der (West-)Ukraine halt machen. Sie muss durch Europa getragen werden. Wenn sie erfolgreich sein wird, dann werden wir beginnen, Europa von der amerikanischen Ideologie zu befreien. Das ist das wahre Ziel des 'Eurasismus'. Europa von Lissabon bis Wladiwostok. Jeder unserer bisherigen Schritte, Niederschlagung der tschetschenischen Separatisten, die Befreiung von Südossetien und Abchasien und jetzt der Krim, ist ein Schritt Richtung Europäische Revolution." Diese unheilvollen Worte stammen aus dem März 2014, kurz nachdem sich Russland die Halbinsel Krim völkerrechtswidrig einverleibt hatte. Geschrieben wurden sie von Alexander Dugin, dem Vater der ermordeten Darja.

Dugin und Putin denken ähnlich

Der 60-jährige Professor und Ex-Politiker der mittlerweile verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands hat sich in den vergangenen Jahren zum Vordenker und Impulsgeber sowohl von westeuropäischen Nazis und Faschisten als auch Teilen der Kremlführung emporgearbeitet. Obwohl sein Ruf als "Einflüsterer Wladimir Putins" übertrieben ist, nähern sich die Denk- und Sichtweisen der beiden Männer auf unerfreuliche Weise einander an.

"Obwohl er keine offiziellen Ämter innehat, gilt Dugin als eine ideologische Schlüsselfigur", heißt es in einer Antwort der deutschen Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei. "Die von Dugin propagierten völkisch-nationalistischen Positionen lieferten die Vorlage für den völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine", so deren Abgeordnete Martina Renner.

Experten warnen schon länger vor dem Chef des Instituts "Katehon". Der britische Autor Paul Ratner nannte ihn 2016 "den größten gefährlichen Philosophen der Welt". In dem Schreiben der Bundesregierung heißt es, seine Denkfabrik sei durch eine antiwestliche und antiliberale Grundeinstellung gekennzeichneter "rechtsextremer Think Tank". Ideologische Leitmotive seien "die Schaffung eines einheitlichen Kulturraums slawisch-orthodoxer Russen sowie eine russische Dominanz über große Teile Europas und Asiens".

Sexuelle Freiheit ein auffälliger Dorn im Auge

Was Dugin und Putin verbindet, ist eine tiefe Abneigung gegen "den Westen" und dessen vermeintlich dekadente Kultur. Beide heben immer wieder zwei Elemente hervor: Die Russen als Art auserwähltes Volk sowie die auffallend häufig zitierte sexueller Freiheit,  etwa die Homoehe. Beide Männer geißeln sie oft als unnatürliche Erscheinungen. "Das eurasische Ideal ist der mächtige, leidenschaftliche, gesunde und schöne Mensch, und nicht der Kokainsüchtige, der Bastard aus weltlichen Diskos, der asoziale Kriminelle oder die Prostituierte", so der Philosoph in seiner Schrift "Euroasia über alles".

In Dugins bekanntestem Buch, die "Grundlagen der Geopolitik", das auch unter westlichen Rechtsextremen verbreitet ist, skizziert er konkret, welche Nachbarstaaten für ihn zum Kern-Bestandteil Russlands zählen. Neben der Ukraine wären das Belarus, Georgien, Moldawien, sogar Finnland. In seinem Konzept von Moskau als "drittem Rom" gehören sogar die christlich-orthodoxen Länder Serbien, Rumänien und Griechenland zur russischen Sphäre. Ob diese Ideen und Mythen einer ostslawischen Völkereinheit in der russischen Gesellschaft verankert sind, sei unklar, sagt die Düsseldorfer Historikerin Heidi Hein-Kircher, Putins Regierung schlachte sie allerdings schon seit Jahren propagandistisch aus.

Solche rechtsnationalistischen Töne sind seit längerem salonfähig in Putins Reich. Unwidersprochen aber bleiben sie nicht immer. Russlands Inlandsgeheimdienst FSB berichtet fast täglich von Festnahmen mutmaßlicher Terroristen, die im ukrainischen Auftrag Anschläge geplant haben sollen. Explosionen wie zuletzt auf der besetzten Krim sollen auf das Konto der Partisanen geben. Daneben kämpften in Russland inzwischen viele Gruppierungen untereinander um die ideologischen Positionen auf dem innenpolitischen Feld, sagte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak.

Steckt der FSB hinter dem Anschlag?

Der Asien- und Osteuropaexperte Ruslan Trad verbreitet bei Twitter die These, dass es sich bei dem Anschlag auch um einen Racheakt des FSB handeln könnte. "Besonders, da Dugin, wie Gerüchte flüstern, Putin erzählt, dass der FSB die Schuld trägt an den schlechten Ergebnissen in der Ukraine." Überzeugt sind jedenfalls viele, dass Alexander Dugin selbst das Ziel des Anschlags war. Medien zufolge hatten Vater und Tochter gemeinsam von dem patriotischen Fest wegfahren wollen. Dugin aber blieb, während die Tochter losfuhr.

Liebe Leserinnen und Leser, Teile des Textes über Alexander Dugin, sind aus dem stern-Stück "Europa von Lissabon bis Wladiwostok" – welche Traditionen der Putinismus beschwört" entnommen.

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