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Eklat um Schönbach "Rhetorischer Amoklauf": So bewertet die Presse die Ukraine-Aussagen des deutschen Marinechefs

Kay-Achim Schönbach, Inspekteur der Deutschen Marine, hat nach umstrittenen Aussagen zur Ukraine-Krise seinen Posten geräumt
Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach, Inspekteur der Deutschen Marine, hat nach umstrittenen Aussagen zur Ukraine-Krise seinen Posten geräumt
© Bernd Wüstneck / DPA
Der Inspekteur der Deutschen Marine, Kay-Achim Schönbach, hat mit Äußerungen zum Ukraine-Konflikt schwere Irritationen ausgelöst und die Regierung in Kiew empört. So kommentiert die Presse den Eklat.

Nach umstrittenen Äußerungen über den Ukraine-Konflikt musste der Chef der deutschen Marine, Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach, am Wochenende zurücktreten. Schönbach hatte am Freitag bei einem Besuch in Indien den von westlichen Staaten befürchteten Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine als "Nonsens" bezeichnet. Was Russlands Präsident Wladimir Putin wirklich wolle, sei "Respekt auf Augenhöhe", sagte der Vizeadmiral. "Es ist leicht, ihm den Respekt zu geben, den er will – und den er wahrscheinlich auch verdient." Zudem äußerte Schönbach sich zu der im Jahr 2014 von Russland annektierten ukrainischen Krim. "Die Krim-Halbinsel ist verloren, sie wird niemals zurückkehren", sagte Schönbach.

Die Ukraine begrüßte zwar, "dass Herr Schönbach seinen Rücktritt angeboten hat", erklärte aber, dass der Eklat "einen Scherbenhaufen" hinterlasse und die internationale Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit Deutschlands "massiv infrage" stelle. Die Aussagen Schönbachs hätten "die gesamte ukrainische Öffentlichkeit in tiefen Schock versetzt".

So kommentiert die Presse den Eklat um Schönbachs Ukraine-Aussagen:

"Südkurier" (Konstanz): "Während der Westen unter Führung der USA einen Weg sucht, um den russischen Herrscher Wladimir Putin von der militärischen Bedrohung des Nachbarn Ukraine abzubringen, feuert der Inspekteur der Deutschen Marine eine volle Breitseite auf diese Bemühungen ab. Im Kreml darf man sich gratulieren, einen so ranghohen Soldaten unter den Sympathisanten zu haben. Dass man in Kiew, wo die Angst vor einem russischen Einmarsch mit Händen zu greifen ist, die Auslassungen des Admirals Schönbach als Affront versteht, ist verständlich. Denn der Beistand für Moskaus Position fügt sich zur Distanz, die sich die Bundesregierung gegenüber der Ukraine auferlegt. Das Nein zur Lieferung von Defensiv-Waffen gehört dazu, wie auch das Zögern, die Nord-Stream-Gasleitung als Druckmittel in die Waagschale zu legen. Die Botschaft: Deutschland – der unsichere Kantonist, wenn es um eine klare Haltung geht. Jetzt der rhetorische Amoklauf eines Admirals. Der Flurschaden könnte größer nicht sein."

"Neue Presse" (Coburg): "Es gibt nur ein Gutes: dass Kay-Achim Schönbach schnell weg vom Fenster war. Aber der Schaden ist angerichtet, gerade in der Ukraine, wo man sowieso schon an den Unterstützungsbekundungen aus Berlin zweifelt. Es dürfte schwer werden, die verheerenden Sätze des Vizeadmirals wieder aus der Welt zu schaffen."

"Nordwest-Zeitung" (Oldenburg): "Die Affäre um den zurückgetretenen Vize-Admiral Kay-Achim Schönbach kennt nur Verlierer – bis auf Russland. (...) Schönbach ist ein bestens vernetzter Militär mit internationaler Expertise. Sein Wort sollte Gewicht haben. Doch wenn er anderer Meinung ist als seine Regierung, sollte er das in seiner militärischen Position im Verteidigungsministerium zur Diskussion stellen, nicht auf einer Veranstaltung in Indien. (...) Lachender Dritter ist (wieder mal) Russland. Die Regierung in Moskau hat nun weitere Belege für die Schwäche des Gegners – und neuen Stoff für ihr Propaganda-Narrativ des russlandfeindlichen Westens, mit dem Russland seine aggressive Politik derzeit rechtfertigt."

"Schönbach musste gehen, aber der Schaden bleibt"

"Nürnberger Zeitung": "Wenn ein Militär, noch dazu einer der ranghöchsten der Bundeswehr, der politischen Führung in einer heiklen Situation widerspricht – oder öffentlich auch nur eine andere als die offizielle Haltung – äußert, dann ist der Rücktritt unausweichlich. Das muss auch Marine-Inspekteur Schönbach gewusst haben – der wohl davon ausging, dass seine Einschätzungen zur Ukraine-Russland-Krise im geschützten Rahmen eines Fachgesprächs in Indien blieben. Taten sie aber nicht."

"Frankfurter Rundschau": "Interessant, wer sich so im deutschen Militär tummelt: Kay-Achim Schönbach redet nicht nur von "Respekt" für Wladimir Putin, sondern benutzt auch noch seinen katholischen Glauben, um für ein Anti-China-Bündnis mit dem "christlichen Russland" zu werben. Schönbach musste gehen, aber der Schaden bleibt: Er hat auch ernstzunehmenden Bemühungen, trotz allem noch zu einer Politik des Ausgleichs mit Russland zu finden, einen üblen Bärendienst erwiesen. Kein Wunder, dass der Botschafter der Ukraine sofort jeden Differenzierungsversuch deutscher Politik im Umgang mit Moskau mit Schönbachs unsinnigem Beitrag in einen Topf geworfen hat. Das Schlimme an einem Vorfall wie diesem ist, dass er es der wachsenden Hardliner-Front so leicht macht, den Wunsch nach Entspannung als unrealistische Fantasie zu diffamieren."

"Neue Zürcher Zeitung": "Das deutsch-ukrainische Verhältnis ist schon seit einiger Zeit belastet: Im Konflikt mit Russland, so sieht es die Regierung in Kiew, verweigere Berlin der Ukraine die notwendige Unterstützung. Von der Hand zu weisen ist der Vorwurf nicht: Anders als die USA oder Großbritannien liefert die Bundesrepublik keine Waffen an das osteuropäische Land. (...) Dass Kiew auf Schönbachs Gerede empfindlich reagiert, ist verständlich, steht doch zu befürchten, dass dieser bei seinem Besuch in Indien offen aussprach, was in Deutschland auch in Regierungs- und Militärkreisen viele denken, sich aber nicht zu sagen trauen. Das Verständnis für Russland ist in Deutschland größer als in den meisten anderen westlichen Ländern, und ohnehin hält man sich aus militärischen Händeln am liebsten so weit wie möglich heraus."

"Nesawissimaja Gaseta" (Moskau): "Nun wird versucht, das Quartett wiederzubeleben. Doch die Vorbereitungen für ein Treffen der Berater der Staats- und Regierungschefs der Ukraine, Russlands, Deutschlands und Frankreichs laufen vor dem Hintergrund eines überraschenden diplomatischen Skandals. Deutsche Medien veröffentlichten eine Erklärung des Inspekteurs der Deutschen Marine, Kay-Achim Schönbach, der sagte, dass die (Halbinsel) Krim seiner Meinung nach niemals zur Ukraine zurückkehren wird. Das ukrainische Außenministerium hat deshalb die deutsche Botschafterin Anka Feldhusen einbestellt. (...) Diese Situation kann die Atmosphäre der Verhandlungen im Normandie-Format beeinträchtigen. Doch vom Treffen der politischen Berater ist ohnehin kein Durchbruch zu erwarten. Ihre Aufgabe ist es, ein Treffen der Außenminister zu organisieren, bei dem die Möglichkeit von Gesprächen zwischen den Staatsoberhäuptern erörtert werden könnte. Es ist ein langer Weg."

mad DPA AFP

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