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Ukraine-Krise: Nato spricht von mehr als tausend russischen Soldaten

Die Nato geht von "deutlich mehr als tausend" russischen Soldaten in der Ukraine aus. Sie sollen mehrere Orte im Osten des Landes eingenommen haben. Russland dementiert einen Einmarsch.

Die Ukrainische Armee attackiert Barrikaden prorussischer Separatisten in Slaviansk - nun sollen russische Truppen eine Stadt eingenommen haben

Die Ukrainische Armee attackiert Barrikaden prorussischer Separatisten in Slaviansk - nun sollen russische Truppen eine Stadt eingenommen haben

In der Ukraine sind nach Angaben der Nato "deutlich mehr" als tausend russische Soldaten aktiv. "Die russischen Soldaten unterstützen die Separatisten, kämpfen mit ihnen, kämpfen unter ihnen", sagte ein ranghoher Nato-Militärvertreter im militärischen Hauptquartier der Allianz in Belgien. Dabei sei die Zahl von "deutlich mehr als tausend noch ziemlich konservativ geschätzt".

Die russischen Soldaten seien "gut ausgebildet". Sie bedienten anspruchsvolle Waffensysteme und berieten die Separatisten in der Ostukraine. Aber es gebe auch "klare Hinweise auf Kontakt zwischen ukrainischen und russischen Kräften", sagte der Nato-Vertreter. Er verwies zudem auf Berichte über getötete russische Soldaten. "Wir haben Bilder von Gräbern gesehen."

Auch die Lieferung von Waffen und Ausrüstung aus Russland habe in Menge und Qualität zugenommen. Die Regierung in Moskau wolle mit ihrer Einflussnahme den Konflikt in der Ukraine verlängern und "einfrieren". Demnach hat Russland 20.000 Soldaten an der Grenze zur Ukraine stationiert. Putin hatte zuletzt am Dienstag Vorwürfe Kiews und des Westens zurückgewiesen, die Aufständischen mit Waffen und Soldaten gezielt zu unterstützen.

Mehrere Orte unter Kontrolle des russischen Militärs

Derweil hat das russische Militär offenbar die Kontrolle über mehrere Orte übernommen. Nach Angaben der ukrainischen Regierung hätten russische Truppen eine wichtige ukrainische Grenzstadt im Südosten sowie mehrere umliegende Dörfer erobert. "Gestern übernahmen russische Soldaten die Kontrolle über Nowoasowsk", erklärte der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat am Donnerstag auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Die ukrainischen Soldaten hätten sich aus der Ortschaft zurückgezogen, um ihr Leben zu retten.

Der pro-russische Rebellenführer Alexander Zachartschenko sagte dem Internetdienst eines russischen TV-Senders, in ihren Reihen befänden sich russische Soldaten, die in ihrem Urlaub lieber mit ihren Brüdern für die Freiheit kämpften, anstatt am Strand zu liegen. Ein Mitglied des Asow-Bataillons sagte, unter der Flagge der separatistischen Volksrepublik Donezk sei vor zwei Tagen militärische Ausrüstung in die Region gebracht worden, "aber es sind reguläre russische Truppen". Die Separatisten würden zusammen mit diesen Truppen ihre Gegenoffensive im Südosten des Landes vorantreiben. Die ukrainische Armee konzentriere sich in der Region daher nun auf die Verteidigung der Stadt Mariupol.

Ukraine: "Wir graben uns ein"

Die ukrainische Führung wirft den Separatisten vor, hier eine "zweite Front" zu eröffnen. Die Aufständischen teilten mit, mit Panzern die Stadt Nowoasowsk nahe Mariupol erreicht zu haben. "Die Befreiung der Stadt ist eine Sache von Tagen", kündigte ein Separatistensprecher an. Die Armee bereitet sich auf eine Offensive vor.

"Wir formieren zwei Verteidigungslinien und graben uns ein", sagte ein ukrainischer Militärsprecher. Die Region Mariupol am Asowschen Meer ist die Landverbindung zwischen Russland und der von Moskau im März einverleibten Halbinsel Krim.

Ukraine verlangt Militärbeistand der EU

Auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko warf Russland einen militärischen Einmarsch in sein Land vor. "Ich habe einen Besuch in der Türkei abgesagt, (...) da eine Intervention russischer Streitkräfte in der Ukraine stattfand", teilte Poroschenko in Kiew mit. Er habe eine Krisensitzung des nationalen Sicherheitsrats einberufen, um über die nächsten Schritte zu beraten. Laut ukrainischem Militär halten sich derzeit rund 100 russische Fahrzeuge in der Ukraine auf.

Der ukrainische EU-Botschafter Konstiantyn Jelisiejew verlangte umfassenden Militärbeistand der EU. Die EU-Politik der "Beschwichtigung" gegenüber dem "Aggressor" müsse aufgegeben werden, die europäische Solidarität mit der Ukraine müsse sich in einer "weitreichenden militärischen und technischen Hilfe" sowie in "bedeutenden Sanktionen" gegen Moskau zeigen.

Der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk forderte die USA, die EU und die G7-Staaten auf, alle russischen Vermögenswerte einzufrieren, bis die russischen Truppen und die aus dem Nachbarland kommende militärische Ausrüstung aus seinem Land abgezogen seien.

US-Botschafter meldet Zahl russischer Soldaten

Die US-Regierung hatten Moskau am Mittwoch vorgeworfen, eine Gegenoffensive der Rebellen in der umkämpften Region zu "lenken". Der US-Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt, hatte an diesem Donnerstag auf Twitter erklärt, eine "zunehmende Zahl russischer Soldaten" sei "direkt an den Kämpfen auf ukrainischem Territorium beteiligt". Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) kam in Wien zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Dort hat Russland den Einmarsch dementiert. Die russische Führung habe "keinerlei Interesse" an einer Invasion in der Ostukraine, sagte der russische OSZE-Vertreter Andrej Kelin.

Auch die Außenminister der 28 EU-Staaten beraten bei ihrem Treffen am Freitag über die Ukraine-Krise - zu möglichen Sanktionen der EU gegen Russland stehen aber keine Entscheidungen auf der Tagesordnung. Insgesamt wurden in dem Konflikt zwischen ukrainischen Truppen und prorussischen Rebellen inzwischen mehr als 2200 Menschen getötet.