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Unruhen in Tibet: Merkel lehnt Olympia-Boykott ab

Die blutigen Auseinandersetzungen in Tibet haben eine erneute Diskussion um einen Boykott der Olympischen Spiele in China ausgelöst. Die Bundesregierung lehnt einen solchen Schritt einhellig ab. Unterdessen stürmten chinesische Polizisten ein Kloster, in dem Tausende Mönche gegen die Tibet-Politik Chinas protestierten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lehnt einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking vor dem Hintergrund der Unruhen in Tibet ab. "Ich halte nichts von einem Olympia-Boykott", sagte Merkel der "Bild"-Zeitung. Merkel habe sich vor ihrem Abflug nach Israel am Sonntag geäußert. In der tibetischen Hauptstadt Lhasa haben sich die Unruhen trotz des harten Durchgreifens der chinesischen Sicherheitskräfte am Wochenende ausgeweitet.

Während die Polizei mit einem massiven Aufgebot in der tibetischen Hauptstadt Lhasa für Ruhe sorgte, kam es in der benachbarten Provinz Sichuan zu Unruhen. Polizisten stürmten dort ein Kloster, in dem Tausende Mönche gegen die Tibet-Politik Chinas protestierten, wie das tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) mitteilte. Die Regierung in Peking rief einem Zeitungsbericht zufolge einen "Volkskrieg gegen den Separatismus" aus. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, forderte Untersuchungen, ob in Tibet ein "kultureller Völkermord" verübt werde.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) appellierte an seinen chinesischen Kollegen Yang Jiechi in einem fast einstündigen Telefonat, größtmögliche Transparenz über die Ereignisse in Tibet herzustellen. Steinmeier habe die große Sorge der Bundesregierung über die jüngsten gewaltsamen Auseinandersetzungen unterstrichen, teilte das Auswärtige Amt mit. Die Bilder der Zerstörung und die zutiefst bedauerlichen Nachrichten über Tote und Verletzte zeigten, dass Gewalt keine Lösung der Probleme sein könne. In dieser Situation müsse alles unternommen werden, um eine Eskalation der Lage zu vermeiden und ein friedliches Ende der Auseinandersetzungen zu ermöglichen.

"Der Boykott würde nichts lösen"

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, lehnte wie Merkel einen Boykott der Olympiade ab. "Ich halte überhaupt nichts von einem Boykott", sagte er dem "Tagesspiegel". Sicherlich könne es Situationen geben, in denen es unmöglich werde, in einem Land Olympische Spiele anzuhalten, sagte Nooke. "Aber genau das müssen wir in China verhindern. Deshalb appellieren wir dringend an die Verantwortung der chinesischen Führung. Es darf keine Spiele geben, die als Jubelkulisse die Sicht auf die permanenten Menschenrechtsverletzungen verdecken."

Zuvor hatten Hollywood-Superstar Richard Gere und Exil-Tibetern zum Boykott der Olympischen Spiele aufgerufen. Sport- Funktionäre sind deshalb fünf Monate vor der Olympischen Eröffnungsfeier in Peking um Deeskalation bemüht. "Der Boykott würde nichts lösen. Im Gegenteil. Er bestraft nur unschuldige Athleten", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge. Auch Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) warnt vor einer Politisierung des Sports. "Der Sport kann seine Wirkung nur entfalten, wenn die Olympischen Spiele stattfinden", meinte der CDU- Politiker. Heiner Brand sprach als ehemaliges Boykott-Opfer aus eigener Erfahrung. "Ich habe das selbst einmal miterlebt 1980. Das ist das Schlimmste, was einem Athleten passieren kann", erklärte der deutsche Handball-Bundestrainer.

China unbeeindruckt

Die chinesischen Olympia-Macher sehen ihre Spiele von den Ausschreitungen unbeeinflusst. "Wir lehnen jeden Versuch ab, die Spiele zu politisieren", erklärte BOCOG-Sprecher Sun Weide und reagierte damit auch auf erzürnte Kommentare in der Weltpresse. Das vom IOC nicht anerkannte Nationale Olympische Komitee (NOK) Tibets reihte sich in die IOC-Schelte ein.

NOK-Präsident Wango Tethong schrieb in einem Brief an Rogge, das Internationale Olympische Komitee und seine Sponsoren hätten es versäumt, die chinesische Regierung an ihr Versprechen zu erinnern, die Menschenrechtssituation zu verbessern. "Ihr feiges Schweigen hat die Chinesen ermutigt, die Unterdrückung in Tibet fortzusetzen", so Tethong in seinem Schreiben.

DPA/Reuters/AP / AP / DPA / Reuters