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US-Kongresswahlen: Kein Abend für liberale Kalifornier

San Francisco - ein Modell für das ganze Land. Wäre es so, müssten sich US-Präsident Barack Obama und seine Demokraten nicht so große Sorgen um ihre politischen Ziele machen. Doch dieser Wahlabend gehört den Republikanern, was die Stimmung auf der Wahlparty am Golden Gate merklich trübt.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Nie hat Brenda Barros an ihrem Kandidaten gezweifelt, nicht eine Sekunde lang. "Mir war immer klar, dass er gewinnen wird", sagt die Verwaltungs-Angestellte aus San Francisco am Dienstagabend um kurz nach 21 Uhr (Ortszeit), als die ersten Trendmeldungen zur kalifornischen Gouverneurswahl einlaufen. "Ich weiß in meinem Herzen, dass er der Richtige für uns ist." Er, das ist Jerry Brown, ein 72-jähriger Linksliberaler, der im Januar 2011 den republikanischen Amtsinhaber Arnold Schwarzenegger beerben wird. Mit einer Kampagne, die nicht einmal 25 Millionen Dollar kostete (etwa 18 Millionen Euro), wies der Demokrat seine republikanische Konkurrentin in die Schranken: die ehemalige eBay-Chefin Meg Whitman, die ein Vielfaches in den teuersten Wahlkampf steckte, den Kalifornien je erlebt hat.

Gut 140 Millionen Dollar investierte die Milliardärin allein aus eigener Tasche in ihren Versuch, das Gouverneursamt zu erobern, dazu kamen noch einmal 20 Millionen aus Spenden von Unterstützern. Whitman füllte jede Werbepause mit ihren Fernsehspots, war allgegenwärtig, unvermeidlich und schaffte es doch nicht, die Sympathien einer Mehrheit ihrer Landleute zu gewinnen. "Wer so viel Geld ausgibt, ist zu verbissen auf den Sieg aus", sagt Brenda Barros. "Da weiß man nie, was diese Person anschließend mit ihrer Macht anstellen würde."

Vor zwei Jahren war alles anders

Gewiss, dies ist eine Wahlparty der Demokraten, da dürfen Republikaner nicht mit vielen Sympathien rechnen – schon gar nicht in San Francisco, der wohl liberalsten Großstadt des Landes. Auch ein anderes wichtiges Rennen geht aus, wie es sich die hier versammelten Parteianhänger erhofft hatten: Die demokratische Senatorin Barbara Boxer schlägt deutlich ihre Herausforderin Carly Fiorina, die ehemalige Chefin des Computerriesen HP. Und doch will nicht recht Stimmung aufkommen in der Great American Music Hall, einem alt-ehrwürdigen Musikpalast in der Innenstadt, in dem normalerweise Rockgruppen Konzerte geben. Nur langsam finden sich am frühen Abend einige Dutzend Teilnehmer ein, während sich auf der Bühne die Mädchenband "The She’s" alle Mühe gibt, das überschaubare Publikum aufzuwärmen.

Es ist nicht der Abend der Demokraten, nicht der Abend für liberale Kalifornier. Vor zwei Jahren war das anders, vor zwei Jahren brodelte die Stadt am Golden Gate förmlich über vor Hoffnung, vor Freude über den Sieg eines jungen Präsidenten, der aus dem Nichts kam und alle mitriss mit seinem Versprechen: "Yes, we can!" Wir packen das! Doch heute ächzt die Wirtschaft in Kalifornien, dem mit 37 Millionen Einwohnern größten und politisch wichtigsten US-Bundesstaat, immer noch unter der Last der Rezession und den Folgen der Immobilienkrise. In der Statistik bankrotter Hausbesitzer, die ihre Hypotheken nicht mehr zahlen können, nimmt der "Golden State" am Pazifik einen unrühmlichen Platz an der Spitze ein. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 12,4 Prozent deutlich über dem US-Durchschnitt von 9,6 Prozent.

Florida, Kentucky, Ohio - ein Debakel nach dem anderen

Da grenzt es beinahe an ein Wunder, dass die Demokraten zwischen Sacramento und San Diego noch relativ glimpflich davonkommen. Anderswo, in Staaten wie Florida, Kentucky und Ohio, entwickelt sich dieser Abend zu einem Debakel für den Präsidenten und seine Partei. "Manche Rennen laufen gut, andere nicht so gut", sagt ein Parteiführer auf der Bühne, nachdem die Mädchenband eingepackt hat, und fragt in die Runde: "Wie viele Leute hier glauben, dass es Hoffnung gibt in San Francisco?" Einige wenige Arme heben sich. Zu wenige. So fragt er noch einmal, mit Nachdruck: "Gibt es Hoffnung? Gewinnen wir heute Abend?" Das Echo bleibt mäßig, auch auf seinen beschwörenden Ausruf: "San Francisco ist ein Modell für das ganze Land!"

So hätten sie es gern, die verzweifelten Demokraten, die an diesem Abend mit ansehen müssen, wie ihre Parteifreunde überall sonst im Land Niederlagen einstecken müssen. Doch sie werden sich damit abfinden müssen, dass ihr liberales Paradies am Golden Gate wieder einmal die Ausnahme ist, nicht die Regel. "Was in den anderen Bundesstaaten passiert, ist ziemlich Furcht einflößend", sagt Harrison Gough, ein Computer-Experte aus San Francisco, der sich an einer Flasche Budweiser festhält, während er auf die Leinwand schaut, auf der die Wahlergebnisse eingeblendet werden. Er begleitet eigentlich nur Freunde, die Demokraten sind, und versteht sich selbst als unabhängigen Wähler. Was ihm Sorgen macht, ist die zunehmende Verhärtung der Fronten in Washington, die Feindseligkeit der Obama-Gegner. "Das liegt hauptsächlich an den Republikanern", sagt Gough. "Die bewegen sich immer weiter weg von der Mitte."

Giants-Triumph überstrahlt vieles

Auch Meg Whitman hat ihre Chancen bei dem 23-Jährigen verspielt, weil sie für seinen Geschmack zu sehr auf Schlechtmachen ihres Gegners gesetzt hat. "Ich habe von ihr keinen einzigen Grund gehört, für sie zu stimmen", sagt Gough. "Immer nur, warum ich nicht Jerry Brown wählen soll." Das reichte nicht, also machte er sein Kreuzchen bei dem Demokraten. Während der Computerspezialist spricht, brandet plötzlich Applaus auf, ein Jubel, der alles andere an diesem Abend übertrifft. Er gilt keinem Wahlergebnis, sondern den San Francisco Giants, dem Baseball-Team, das für wenige Momente auf der Leinwand zu sehen ist. Am Montag haben die Giants den Weltmeister-Titel ans Golden Gate geholt, zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren. Ein Triumph, der selbst die eine oder andere Wahlniederlage überstrahlt.