US-Präsidentschaftswahl Fahrkarte aus der Armut


Für viele schwarze Amerikaner bleibt der soziale Aufstieg nur ein Traum - selbst ein Wahlerfolg von Barack Obama würde daran wenig ändern. US-Basketballstar Alonzo Mourning weiß, nur eine bessere Ausbildung kann schwarzen Kindern helfen. Mit stern.de sprach er über den Ausweg aus der Armut.
Von Giuseppe di Grazia und Jan Christoph Wiechmann

Eine Reise durch das schwarze Amerika ist auch im Jahr 2008 noch ein ständiger Widerspruch. Die African Americans stellen 13 Prozent der Bevölkerung in den USA. Aber sie besetzen nur drei Prozent der Top-Positionen in Wirtschaft und Politik. Die Zahl in Armut lebender Schwarzer sank in 15 Jahren um fast zehn Prozent, übersteigt aber die der Weißen noch immer um fast das Dreifache. Die Zahl der schwarzen College-Absolventen ist in den vergangenen 15 Jahren von 1,3 auf 2,3 Millionen gestiegen. Dennoch sind mehr Schwarze im Gefängnis als an der Universität.

Das Durchschnittseinkommen der Schwarzen beträgt 30.200 Dollar, das der Weißen 48.800 Dollar. Die Arbeitslosenrate der Weißen liegt bei vier Prozent, die der Schwarzen bei acht. Arbeitgeber bevorzugen oft weiße Bewerber. 60 Prozent der Weißen glauben, dass Schwarze nicht mehr benachteiligt sind. Bei den Schwarzen sehen das nur 30 Prozent so. In Washington sind nur zwei von 100 Senatoren Schwarze, doch einer davon könnte ab Januar Präsident sein: Barack Obama. Der "post racial candidate". Der Verbindungsmann zwischen den Rassen. Der Neuordner des Farbenspiels. Die Verwirklichung von Martin Luther Kings "I have a Dream".

Karen Bass hat im Mai den Vorsitz des Repräsentantenhauses von Kalifornien übernommen, sie ist die erste Schwarze auf diesem Posten, sie ist die Nummer zwei hinter Gouverneur Arnold Schwarzenegger. Seit Obamas Kandidatur fühlen sich Hunderte Schwarze aufgerufen, in die hohen Ämter der Politik zu drängen. Karen Bass weiß, was passieren wird, wenn Obama tatsächlich zum Präsidenten gewählt wird: Dann können die Schwarzen nicht mehr behaupten, die USA sei rassistisch. "Aber natürlich wird es Rassismus weiterhin geben, mit einem schwarzen Präsidenten allein ist es doch nicht getan, mit einem schwarzen Präsidenten allein werden sich die Bedingungen der Schwarzen in den USA nicht verbessern", sagt sie.

Eine Kindheit ohne den Vater

Es gibt noch immer Armut und Kindersterben im Mississippi-Delta. Und es gibt dort Orte, die in den Fünfzigern stecken geblieben sind. Die Schwarzen leben am einen Ende, die Weißen am anderen. Sie haben getrennte Restaurants und Clubs, die Schwarzen arbeiten bei McDonald’s, die Weißen bei Shell. Rathaus, Gericht und Schule sind in weißer Hand. Im ganzen Land wachsen 70 Prozent aller schwarzen Kinder ohne Vater auf, in den großen Städten sogar 90 Prozent. In den 50-er Jahren lag die Rate bei unter 20 Prozent.

Es ist eine vaterlose Gesellschaft, die da heranwächst. Viele der schwarzen Männer sind in der Krise, sie scheuen die Verantwortung, sind schlechter ausgebildet und meist ohne Job - oder im Gefängnis: Jeder dritte Schwarze landet im Lauf seines Lebens dort. Schwarze Kinder und Jugendliche verlieren schnell den Glauben an eine bessere Zukunft und geben sich auf. Viele von ihnen brechen vorzeitig die Schule ab. Einer, der dagegen seit Jahren ankämpft, ist der Basketball-Star Alonzo Mourning.

Alonzos Mourning Leben ist der Traum vieler Schwarzer. Er wohnt in Miami am Strand mit Blick aufs Meer. Vor der Villa stehen ein Mercedes und ein Hummer. Alonzo Mourning ist einer der besten Basketball-Spieler der NBA, er hat Gold bei Olympia gewonnen, er ist nach einer Nierentransplantation zurückgekommen und holte 2006 den NBA-Titel mit den Miami Heats. Er hat in seiner Karriere mehrere Millionen Dollar verdient, er ist ein glücklicher Familienvater.

"Ausbildung ist die Fahrkarte aus der Armut"

Alonzo Mourning ist ein Vorbild, in jeder Hinsicht. Aber er kommt mit dieser Rolle nicht so richtig zurecht. Er räuspert sich, seine Stimme klingt jetzt noch tiefer als sonst. Wenn es darum geht, Menschen mit seiner Krankheit Mut zu machen, nimmt er sie gerne an. Aber sonst mahnt Alonzo Mourning wie Barack Obama: "Es ist schön, wenn Kinder uns Basketballer oder Rapper als ihre Idole sehen. Aber wer sich allein auf den Sport oder die Musik verlässt, ist verloren. Nichts zählt mehr als die Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung. Sie ist die Fahrkarte aus der Armut."

Mourning, 38, galt mal als schweigsamer Mensch, aber nun hämmert er einem das Wort Ausbildung um die Ohren. Es ist das Leitmotiv seines Buches "Resilience", was so viel heißt wie Widerstandsfähigkeit, Belastbarkeit. In diesem Buch erzählt er die Geschichte seiner Comebacks, aber auch die seines Aufstiegs. Die Eltern ließen sich scheiden, als er elf Jahre alt war, er konnte sich nicht entscheiden, bei wem er wohnen sollte und zog es vor, im Heim zu leben. Er war fleißig in der Schule, arbeitete hart, um an der Georgetown University zu studieren. "Das Studium war immer meine Lebensversicherung", sagt er.

Seit zwölf Jahren organisiert Mourning jeden Sommer ein Basketball-Turnier mit anderen Stars wie LeBron James. Knapp sieben Millionen Dollar hat Mourning bisher gesammelt, seine Stiftung bezahlt armen Kindern in Miami die Schulausbildung. Denn viele schwarze Kinder - vor allem die Jungs - nehmen die Verliererrolle an und wachsen ohne Selbstrespekt und ohne Perspektive auf. Viele von ihnen glauben, dass sie nicht mal 30 Jahre alt werden. So entsteht ein Gruppenzwang, die Schule früh hinzuschmeißen und sich auf der Straße durchzuschlagen. "Hier in Miami sind es 54 Prozent", sagt Alonzo Mourning, "es ist ansteckend, wie eine Seuche. Dagegen müssen wir ankämpfen. Die Zukunft der Schwarzen in den USA hängt von ihrer Ausbildung ab."


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