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Kampf gegen Kriminalität Bedrohliche Entwicklung in US-Städten: Die Gewaltverbrechen nehmen zu und der Polizei laufen die Mitarbeiter weg

Polizei in Personalnot: In New York City haben allein in diesem Jahr bereits 2.465 Beamte den Dienst quittiert (Symbolfoto)
Polizeieinsatz in New York City. Allein dort haben in diesem Jahr bereits 2465 Beamtinnen und Beamte den Dienst quittiert.
© iStockphoto / Getty Images
Es ist ein gefährliches Zusammentreffen von Entwicklungen: Die Polizeikräfte in vielen Großstädten der USA müssen mit schwindendem Personal eine wachsende Anzahl von Gewaltverbrechen bekämpfen.

In den USA leiden zahlreiche Großstädte unter be­sorg­nis­er­re­gendem Personalmangel bei den Polizeikräften, während zugleich immer mehr Gewaltverbrechen verübt werden. "Von Philadelphia über Portland bis nach Los Angeles nehmen Morde und Waffengewalt zu, während gleichzeitig von der Pandemie erschöpfte und von den Aufrufen zu Budgetkürzungen bei der Polizeiarbeit nach dem Mord an George Floyd desillusionierte Beamte schneller kündigen oder in den Ruhestand gehen, als sie ersetzt werden können", berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press (AP).

Die Dienststellen bemühten sich, auf dem angespannten Arbeitsmarkt neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, schreibt AP. Gleichzeitig überprüften sie, welche Dienste sie noch anbieten können und welche Rolle die Polizei in ihren Gemeinden spielen soll. Viele hätten altgediente Beamte in den Streifendienst versetzt und spezialisierte Teams, die angesichts der steigenden Anzahl von Notrufen über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurden, aufgelöst.

"Wir erhalten mehr Anrufe und haben weniger Leute, um sie zu beantworten", zitiert die Nachrichtenagentur den Sprecher der Polizei von Philadelphia, Eric Gripp, dessen Abteilung Mitarbeiter aus Spezialeinheiten für kurze Einsätze abstellt, um die Zahl der Streifen zu erhöhen. "Das ist nicht nur ein Problem in Philadelphia. Überall sind Dienststellen geschrumpft, und es ist schwierig, neue Mitarbeiter zu finden."

Polizei in New York erlebt Kündigungswelle

In der Stadt New York hätten allein in diesem Jahr bereits 2465 Beamte das New York Police Department (NYPD) verlassen, berichtet die "New York Post". Das sei ein Anstieg um 42 Prozent gegenüber den 1731 Polizistinnen und Polizisten, die bis August letzten Jahres ausgeschieden seien, wie aus den Daten des Pensionsfonds hervorgehe. Noch beunruhigender sei, dass immer mehr Beamte ihre Arbeit bereits vor Erreichen des vollen Rentenanspruchs mit 20 Dienstjahren aufgäben. Mit 1098 liege ihre Zahl um 71 Prozent über der im vergangenen Jahr (641). Insgesamt verfügte das NYPD laut "New York Times" im Jahr 2020 über etwa 2500 Beamte weniger als im Jahr 2019.

Auch die Polizeitruppen in Los Angeles und Chicago litten unter akutem Personalmangel und rückläufigen Bewerbungen, schreibt die Zeitung. Chicago habe deshalb kürzlich sogar seine Anforderungen für neue Bewerber gelockert. Los Angeles, wo mehr als 650 Beamte weniger beschäftigt seien als vor der Corona-Pandemie, habe die Abteilung für Tierquälerei geschlossen, die Abteilungen für Menschenhandel, Rauschgift und Schusswaffen verkleinert und die Teams für Obdachlose um 80 Prozent reduziert, berichtet AP. Und Seattle habe vor Kurzem zwei Millionen Dollar an Einstellungsprämien und Vergünstigungen angekündigt, um inmitten eines kritischen Beamtenmangels, der die Untersuchung schwerer Verbrechen behindere, neue Mitarbeiter anzulocken.

Andere Städte setzen der "New York Times" zufolge ebenfalls auf Anreize. So habe ein Mitglied des Stadtrates von Oakland vorgeschlagen, jedem qualifizierten Beamten, der sich der Polizei der kalifornischen Küstenstadt anschließt, eine Prämie von 50.000 Dollar zu zahlen.

"Wir betreiben Triage"

"Ich frage mich, wie der Beruf in 20 Jahren aussehen wird, wenn wir landesweit mit diesen Herausforderungen konfrontiert sind", zitiert AP den Polizeichef von Portland, Chuck Lovell, dessen Einheit seit 2020 237 vereidigte Beamte durch Pensionierungen oder Kündigungen verloren hat. "Werden wir in der Lage sein, genügend Leute zu rekrutieren, um unseren Städte zu dienen?"

Portland verzeichnete nach Angaben der Nachrichtenagentur im vergangenen Jahr eine Rekordzahl von 89 Tötungsdelikten — etwa dreimal so viel wie der historische Durchschnitt — und ist auf dem besten Weg, diese Zahl in diesem Jahr noch zu übertreffen. Die 650.000-Einwohner-Stadt im Bundesstaat Oregon erlebe den stärksten Anstieg der Mordrate unter Städten ähnlicher Größe. Allein in diesem Jahr habe es dort bereits fast 800 Schießereien gegeben.

Kampf gegen Kriminalität: Bedrohliche Entwicklung in US-Städten: Die Gewaltverbrechen nehmen zu und der Polizei laufen die Mitarbeiter weg

Um mit vermehrten Patrouillen gegen die Gewalt vorzugehen, habe Lovell Beamte aus den Einheiten für Körperverletzung, ungeklärte Fälle und Waffengewalt abgezogen und daraus eine dritte Mordkommission mit acht Mitarbeitern formiert, heißt es weiter. Dadurch seien die Ermittlungen in etwa 300 ungelösten Mordfällen vorübergehend eingestellt worden. "Im Moment können wir wegen der Zunahme der Gewaltverbrechen nur Morde, Kindesmissbrauch und Sexualverbrechen untersuchen. Wir betreiben Triage", schildert eine Beamter aus Gresham, einem Vorort von Portland, die Misere.

Die Situation in Portland entspreche einem nationalen Trend, schreibt AP. Während die gewaltfreie Kriminalität während der Corona-Pandemie zurückgegangen sei, sei die Mordrate im Jahr 2020 um fast 30 Prozent und die Anzahl der Überfälle um zehn Prozent gestiegen.

Ursachensuche gestaltet sich schwierig

Die Gründe für den Anstieg der Gewaltkriminalität nach Jahren der Rückläufigkeit sind unklar, doch Corona ist eine der möglichen Erklärungen. Die Pandemie habe eine enorme soziale Störung verursacht und die staatlichen und kommunalen Unterstützungssysteme ins Wanken gebracht, berichtet AP. Auch die Waffenverkäufe seien während der Pandemie sprunghaft angestiegen.

Die weit verbreitete Theorie, wonach die Gewaltkriminalität höher sei in Orten, die nach den Protesten gegen Polizeigewalt wegen des Mordes an George Floyd im Mai 2020 ihre Polizeitaktik geändert haben, ist laut einer Studie des Brennan Center for Justice nicht zutreffend. "Trotz politischer Behauptungen, dieser Anstieg sei das Ergebnis von Strafrechtsreformen in liberal geprägten Gerichtsbarkeiten, stiegen die Mordraten in Städten, die von Republikanern und Demokraten regiert werden, in etwa gleich stark an", berichtet das Institut der juristischen Fakultät der Universität von New York. Republikanische Staaten wiesen demnach sogar einige der höchsten Mordraten überhaupt auf.

"Das Problem ist, dass es Städte gibt, in denen nichts unternommen wurde und in denen die Kriminalität ebenfalls gestiegen ist, und es gibt ländliche Gebiete, in denen die Kriminalität ebenfalls gestiegen ist", stellt auch Ben Struhl, Direktor des Crime and Justice Policy Lab an der Universität von Pennsylvania gegenüber AP fest. "Es gibt viele Anzeichen dafür, dass etwas Größeres im Gange ist als die Proteste für soziale Gerechtigkeit, die stattgefunden haben, und es ist wahrscheinlich mehr als eine Sache", sagt Struhl über die möglichen Ursachen, ohne weitere Details zu nennen.

Polizeistärke hält landesweit ihr Niveau

Und auch im Hinblick auf den Personalmangel bei der Polizei ist die Wahrheit ein wenig komplizierter, als es scheint. Denn während zahlreichen Großstadtrevieren Beamte fehlen, ist deren Anzahl landesweit nahezu unverändert geblieben. So schätzt das Bureau of Labor Statistics laut "New York Times", dass es im Mai 2021 in den Vereinigten Staaten 665.380 Polizisten und Sheriffs gab, verglichen mit 665.280 im Jahr 2019, bevor die Floyd-Proteste und die Coronavirus-Pandemie begannen. Das gemeinnützige Marshall Project, das Fragen in Zusammenhang mit der Strafjustiz in den Vereinigten Staaten untersucht, habe im vergangenen Herbst ähnliche Zahlen ermittelt: Landesweit habe die Polizei demnach nur etwa ein Prozent ihrer Beamten verloren, während alle anderen US-Branchen zusammengenommen etwa sechs Prozent verloren hätten.

Christy Lopez, Co-Direktorin des Center for Innovations in Community Safety der Georgetown-Universität, vermutet, dass die Personalkrise auch ein Fall von fehlgeleiteten Ressourcen sein könnte. "Man kann es nicht für bare Münze nehmen, wenn eine Behörde sagt, sie brauche mehr Polizisten", zitiert AP Lopez. "Sie müssen sich eine Personalüberprüfung ansehen: 'Was machen Ihre Polizeibeamten?" Es sei möglich, dass ein Revier nicht mehr Beamte brauche, sondern mehr außerschulische Betreuung für Kinder.

Unterbesetzte Abteilungen verlegten manchmal aufgrund von politischem Druck Kriminalbeamte in den Streifendienst, erklärte die Direktorin weiter. Aber Untersuchungen zeigten, dass die Aufklärung von Gewaltverbrechen die Verbrechensrate effektiver senke, als wenn man einfache Beamte auf die Straße schicke. "Es mag Orte geben, an denen wir mehr Polizisten brauchen, aber die Beweise, die ich im Laufe der Jahrzehnte gesehen habe, haben mich davon überzeugt, dass das nicht überall die Lösung sein kann".

Quellen: Associated Press, "New York Times", "New York Post"Brennan Center for Justice


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