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US-Wahlkampf im Zeichen von "Sandy": Katastrophen-Profiteur im Weißen Haus

In den vergangenen Wochen sah es nicht gut aus mit einer Wiederwahl. Doch Hurrikan "Sandy" hat Barack Obama zurück ins Rennen gebracht. Dabei musste der Präsident nicht viel tun - außer seinen Job.

Von Niels Kruse

Jetzt, da Supersturm "Sandy" mitten in die siedend heiße Phase des US-Präsidentschaftswahlkampfs hineingeplatzt ist, fühlen sich viele Beobachter förmlich zu naheliegenden Sprachbildern gezwungen. Am meisten verbreitet: Der Hurrikan wirbelt die Kampagnen durcheinander. Das stimmt zwar, doch die Ironie ist, dass in diesen alles entscheidenden Tagen ausgerechnet der Kandidat Punkte macht, dessen Kampagne darin besteht, keinen Wahlkampf zu machen: Präsident Obama.

Vor allem in den wichtigen Swing States, in denen die Wahl entschieden wird, setzt sich der Amtsinhaber in den Umfragen wieder von seinem Konkurrenten ab. Den neuesten Zahlen von CBS und der "New York Times"zufolge, liegt Obama in Ohio fünf Prozent vor Romney, in Virginia zwei Prozent, in Florida ein Prozent. Groß sind die Vorsprünge zwar nicht, das macht aber auch nichts. Denn in den USA gewinnt derjenige sämtliche Wahlmänner eines Bundesstaats, der die Mehrheit bekommt, und sei sie noch so knapp. Letztlich wird es darauf hinauslaufen, dass der Gewinner der großen Swing States nächster US-Präsident wird. Ein Tag nach der zerstörerischen "Sandy" sieht es so aus, als könnte der Demokrat erst dank der Krise die entscheidenden Prozentpünktchen dazugewinnen.

Romney zum Nichtstun verdonnert

Natürlich hat Obama den Vorteil, dass er handeln kann - im Gegensatz zu seinem Herausforderer Romney, der vor allem zum Trostspenden, Anteilnehmen und Spendensammeln verdonnert ist. Die Verantwortung als oberster Krisenmanager aber birgt für den Präsidenten auch die Gefahr, Fehler zu machen. Sein Name ist mit dem Umgang mit der Katastrophe verbunden, im Guten wie im Schlechten. Bislang scheint Obama einen guten Job zu machen. Einen so guten sogar, dass der Gouverneur des besonders betroffenen Staats New Jersey eine Lobeshymne auf den Präsidenten sang: "Obama hat mir seine Telefonnummer im Weißen Haus gegeben und gesagt, dass ich ihn anrufen kann, wann immer wir etwas brauchen", sagte Chris Christie. Die Zusammenarbeit mit ihm sei nicht nur "sehr gut" gewesen, nein, sogar "wundervoll", twitterte er begeistert am Dienstag. Eine bessere Wiederwahlempfehlung hätte der Präsident kaum bekommen können: Denn Christie ist Republikaner und prominenter Romney-Unterstützer.

Im Lager der konservativen Partei dürften diese warmen Worte nicht gut ankommen. Doch was sollen die Kampangeros von Romney auch groß machen? Ihr Kandidat hatte einige Wahlkampfauftritte wegen "Sandy" abgesagt und andere in "Sturmhilfe-Events" umgetauft, bei denen unter anderem Spenden für die Hurrikanopfer gesammelt werden. Diese sicher auch selbstlos gemeinte Aktion allerdings ruft erste Kritiker auf den Plan. Sie werfen dem Präsidentschaftskandidaten vor, politischen Profit aus der Katastrophe schlagen zu wollen. Eine wahrlich undankbare Rolle, in der sich Romney gerade befindet. Macht er nichts, heißt es, er sei herzlos. Zeigt er Solidarität, heißt es, er wolle sich auf Kosten der Opfer profilieren. Vermutlich auch deshalb will der Republikaner den sturmbedingten Waffenstillstand nun beenden und wieder voll in den Wahlkampf einsteigen.

Klare Worte vom obersten Katastrophenhelfer

Während der Kandidat vor allem in Florida um die Stimmen der Latinos buhlt, kümmert sich der Amtsinhaber um die "Sandy"-Opfer in New Jersey. Zusammen mit seinem neuen Fan Chris Christie besucht Obama die vom Unwetter schwer getroffene Stadt Atlantic City. Lediglich drei Stunden wird er vor Ort sein, aber die Bilder des Besuchs werden sicher den einen oder anderen Unentschlossenen überzeugen. Schon zuvor hatte er, wenn er nicht gerade vom Weißen Haus aus die Nothilfe koordinierte, sich in der Zentrale des Katastrophenschutzes ablichten lassen, das Rote Kreuz in der Nähe des Weißen Hauses besucht und dabei Sätze gesagt, die jeden Amerikaner gefallen dürften. "Die USA sind mit euch." Und: "Ich möchte, dass ihr die Bürokratie umgeht. Zu diesem Zeitpunkt gibt es keine Entschuldigung für Untätigkeit."

Ob und wann Barack Obama wieder in den klassischen Wahlkampf einsteigt, ist bislang noch unklar. Aber der Commander-in-Chief kriegt seine Botschaften ohnehin auch über Bande unter. Die Energieunternehmen drängt er, die Stromversorgung wiederherzustellen, das habe derzeit oberste Priorität. Bis zu sieben Millionen Menschen haben immer noch keinen Strom. Ein Grund dafür ist auch die labile Energie-Infrastruktur, für die Privatunternehmen verantwortlich sind, und die dort nicht mehr investieren als unbedingt nötig. Meistens eher weniger. Für die Betroffenen dürfte dieser Umstand ein Grund mehr sein, zumindest nicht Mitt Romney zu wählen. Für den sind Privatisierungen nämlich das Allheilmittel schlechthin, doch "Sandy" und Obama beweisen gerade genau das Gegenteil.

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