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Usbekistan: Wo der Extremismus wächst

Seit der Verhaftung von Terrorverdächtigen ist die Islamische Dschihad Union aus Usbekistan hierzulande ein Begriff. Das zentralasiatische Land gilt als eine Quelle des Islamismus. Doch die Gründe dafür sind in Usbekistan selbst umstritten.

Die Festnahmen mutmaßlicher islamistischer Terroristen in Deutschland haben ein Schlaglicht auf das international wenig beachtete Usbekistan geworfen. Die Terrorgruppe Islamische Dschihad Union, der die drei im Sauerland festgenommenen Verdächtigen angehören sollen, gibt auch in ihrem Ursprungsland an der Seidenstraße Rätsel auf. Im zentralasiatischen Usbekistan sehen Experten Armut und staatlichen Machtmissbrauch als Nährboden für einen radikalen Islamismus.

Im Mai hatte die bis dahin so gut wie unbekannte Islamische Dschihad Union in Usbekistan zum Angriff geblasen. Im Internet erklärte die Splittergruppe Staatspräsident Islam Karimow den Krieg. Die Organisation soll aus der geschwächten Islamischen Bewegung Usbekistans (IMU) hervorgegangen sein, die in den 1990er Jahren einen grenzübergreifenden Gottesstaat in Zentralasien errichten wollte.

Oppositions hält Drohungen für übertrieben

Allerdings werten usbekische Oppositionsmedien wie die Internet-Zeitung "Uzmetronom" die Drohung gegen Karimow als übertrieben. Theoretisch sei es zwar möglich, dass die Bewegung mit Verbindungen zu al Kaida an den Bombenanschlägen auf die Botschaften der USA und Israels in der Hauptstadt Taschkent vor drei Jahren beteiligt gewesen sei. Die Islamische Dschihad Union genieße aber keinerlei Unterstützung in der Bevölkerung und sei deshalb vielleicht auch nur ein "Phantom", mutmaßt "Uzmetronom".

Islam Karimow trägt zwar die Religion im Vornamen, hat aber mit einem Gottesstaat nichts im Sinn. Seit Jahren führt der einstige Chef der Kommunistischen Partei einen brutalen Kampf gegen vermeintliche oder echte Religionsfanatiker im Land. Jede öffentliche Kritik ist verstummt. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen sitzen 7000 politische Häftlinge in den Gefängnissen Usbekistans, wo Folter an der Tagesordnung sein soll. Karimows Gegner vertreten die Überzeugung, er habe sich durch die Brutalität seine Feinde selbst geschaffen.

Mehrheit der Muslime lehnt Extremismus ab

Die große Mehrheit der 20 Millionen usbekischen Muslime lehnt einen religiösen Extremismus ab. Wie auch in anderen islamisch geprägten Ex-Sowjetrepubliken hält sich kaum jemand an das religiöse Alkohol-Verbot. Landesweit bedecken die Frauen ihr Haupt allenfalls mit einem bunten Kopftuch. Schleier sind tabu. Es herrscht eine orientalische Mentalität postsowjetischer Prägung vor. "Bei uns gibt es keinen religiösen Fundamentalismus wie in Saudi-Arabien oder Afghanistan", sagt ein Psychologie-Professor in der Stadt Fergana.

Selbst nach dem Massaker in der ostusbekischen Stadt Andischan, bei dem Polizeitruppen im Mai 2005 hunderte Demonstranten erschossen, stabilisierte sich die Lage im Land wieder. Größere Anschläge von im Untergrund agierenden Islamisten blieben aus. Das lag nach Einschätzung von Beobachtern auch an der starken Polizeipräsenz im Land. "Etwa jeder achte Usbeke arbeitet im Sicherheitsapparat", erzählt ein Oppositionsjournalist im vertraulichen Gespräch. Die Bundeswehr-Einheiten, die vom Süden Usbekistans aus die ISAF-Truppen im benachbarten Afghanistan versorgen, blieben bislang von Attentaten verschont.

Als Bedrohung sehen usbekische Regierungskritiker die fortdauernde Armut und Misswirtschaft im Land. "Unser System ist teilweise sowjetisch, teilweise feudal und der Rest kriminell", sagt ein Politologe in Taschkent. Die Unzufriedenheit im Land nehme zu.

Stefan Voß/DPA / DPA