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Very British: Im Rausch des Prinzen-Patriotismus

Einigkeit und Krieg und Hoheit - die britischen Medien kannten am Wochenende nur ein Thema: die Rückkehr des Prinzen aus den Steppen Afghanistans. Im patriotischen Überschwang blieben sowohl der Afghanistankrieg als auch Prinz Harry von kritischen Betrachtungen verschont.

Von Cornelia Fuchs, London

Die Auszeichnung für die am Vaterland-tauglichste Rhetorik kann sich wohl die Boulevardzeitung "Daily Mirror" ans Revers heften. Dem Mirror waren der Kriegseinsatz von Prinz Harry gleich zehn Seiten wert - und bemerkenswerte Sätze wie diese: "Seine Hände umklammern gekonnt das Maschinengewehr, sein Gesicht ist eine Maske stählerner Entschlossenheit als er sein Ziel anvisiert. Prinz Harry, 23, gleicht einem kampferprobten Veteranen wie er da von Sandsäcken umgeben und mit einer Kiste Munition bei den Füßen das Feuer auf die Taliban eröffnet. Und mit Nerven aus Stahl erklärt er: ‚Das ist einfach Niemandsland. Die stecken ihre Köpfe raus und das war's'."

"Stöhnen für Harry"

Die Berichterstattung über den Prinzen und sein Kriegserlebnis war an Gleichförmigkeit kaum zu übertreffen - kein Wunder, waren doch sämtliche Interviews und Fotos "gepoolt", das heißt, vom Team einer ausgewählten Presse-Agentur produziert und dann für alle Medien zugänglich gemacht worden. So erfuhren alle britischen Zeitungsleser, dass Harry die Militär-Post "beschissen" fand, weil die Weihnachtskarte seines Vaters erst zwei Wochen nach Neujahr ankam. Und dass er in seinen Fertigrationen lieber Würste mit Kartoffelbrei gefunden hätte als Corned Beef.

Überall war Harry mit nacktem Oberkörper und Sixpack-Muskeln zu sehen wie er einen Rugby-Ball herumkickte (Kommentar auf den Frauenseiten des Daily Mirror: "Jetzt stöhnen wir auch für Harry"). Außerdem wurde sein bekanntes Feingefühl für kulturelle Zwischentöne gezeigt: Harry saß in einem militärischen Fahrzeug und las die Männerzeitschrift "Nuts", voller nackter Damen mit großer Oberweite und das mitten in der afghanischen Wüste. Auch seine Baseball-Mütze wurde überall abgebildet, darauf der weise Spruch: "Wir tun bösen Menschen böse Dinge an".

Sonderservice für den speziellen Soldaten

Kritik gab es an der Uniformität der Berichterstattung in den ersten Tagen kaum. Der Nachrichtensprecher Jon Snow, in Großbritannien etwa so bekannt wie Ulrich Wickert in Deutschland, war der einzige, der in seinem Blog Unmut darüber ausdrückte, dass sich die britischen Medien vom Verteidigungsministerium und dem Königshaus unter Vorwand von Sicherheitsbedenken hatten knebeln lassen.

Kaum jemand thematisierte vor allem zu Anfang die Tatsache, dass mit dem Prinzen auch ein Sondereinsatz-Team nach Afghanistan gekommen war, die für den Fall der Fälle ständig bereit standen. Welch "normaler Soldat", für den sich der Prinz nach eigenen Aussagen tatsächlich hielt, kann einen solchen Service schon in Anspruch nehmen?

Bomben vom Prinzen

Die Aufnahmen von Prinz Harry an der Front zeigen auch, wie er Bomben abwerfen lässt auf kleine, laufende Gestalten auf einem unwirklich grün leuchtenden Boden. Prinz Harry sagt, er schieße auf "Terry Taliban". Es gibt keine Hinweise, dass er nicht genau dies auch getan hat.

Doch es ist auch bekannt, dass seit dem Anfang der Bombardierungen von angeblichen Taliban-Stellungen im Jahr 2001 immer wieder Zivilisten die Opfer waren. Zum einen, weil die Taliban sich gerne in einfachen Dörfern aufhalten und dort unter die Menschen mischen. Und zum anderen, weil es für Militärs oft schwierig ist auseinander zu halten, wer im Stammes-Geflecht von Südafghanistan nun Taliban ist und wer nicht.

Keine Taliban, nur Opfer

Ich habe im Jahr 2002 in der Nähe von Musa Qala ein Dorf besucht, das amerikanische Flieger fast in Grund und Boden gebombt hatten. Die Bewohner beteuerten, dass sie keine Taliban seien. Die Taliban, so sagten die Dörfler, besetzten vielmehr ihre Häuser und nutzten sie tagsüber als Unterkunft, bei Dämmerung seien sie aber alle wieder verschwunden. Die Bombardierung begann mit Untergang der Sonne.

Mir ist ein junger Mann in Erinnerung geblieben in diesem Dorf, Schirin. Er war kleinwüchsig und hatte einen stark verwachsenen Rücken. Jede Bewegung viel ihm sichtbar schwer. Er hatte große, dunkle Augen, den für die Gegend typischen dunklen Turban und einen schwarzen Bart. Er sprach nicht viel. Das Haus seiner Familie war nur noch ein Trümmerhaufen. Es war seine Zukunft, die da zerbombt lag. In den Ruinen war seine Mutter gestorben, sein Bruder, seine Schwägerin und sein kleiner Neffe. Sie waren seine Kranken-, seine Pflege-, seine Rentenversicherung. Sie hatten ihn gepflegt, geschützt, für ihn gekocht. Jetzt war er allein. Mit Hilfe der Nachbarn hatte Schirin Gräber ausgehoben für seine Familie, direkt hinter der einzigen Mauer des Hauses, die noch stehen geblieben war.

Kriegsgeschrei statt lästiger Fragen

Dort hockte er nun, ein kleiner Mann mit hochgezogenen Schultern und schwerem Rücken. Seine Augen waren wie tiefe, dunkle Seen. "Was er jetzt machen wolle?", fragte ich ihn. "Hier sitzen", antwortete er. Es war furchtbar zu sehen, dieser Mensch, dem jeglicher Lebensmut genommen worden war.

Was diese Geschichte mit Prinz Harry zu tun hat? In dem Kriegsgeschrei um seinen Einsatz im Süden Afghanistan, in den patriotisch-seligen Gesängen auf "Harry, den Mutigen", wurde völlig ausgeblendet, dass dieser Krieg, den er dort kurz besucht hat, seit Jahren tobt und seit Jahren immer schlimmer wird. Dass nichts besser, sondern alles immer noch schwieriger wird. Dass die Bombardierungen, die der Prinz, wie so stolz vermeldet wurde, so prima hinbekommen hat, seit mehr als sechs Jahren nichts lösen helfen und tausende afghanische Zivilisten getötet haben - genaue Zahlen gibt es nicht.

Zwei Fliegen auf einen Streich

Das Königshaus Windsor und das britische Verteidigungsministerium haben es geschafft, mit ihrem Medien-Coup gleich zwei unangenehme Themen zu neutralisieren: die Kritik an einem Krieg im Süden des Landes, der weder Heroin noch Taliban in den Griff zu bekommen scheint, und die Fragen nach der Lebensführung eines Prinzen, dem bisher eine Partynacht noch immer über allem zu stehen schien.

Es heißt, Prinz Harry will sich nach seinem abgebrochenen Einsatz nun wieder verstärkt der Wohltäterei zuwenden. Vielleicht könnte er damit anfangen, mehr über die Menschen und die Geschichte des Landes in Erfahrung zu bringen, über das er so fein austariert Bomben hat abwerfen lassen.