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Von IS besetzte Stadt Rakka: Studentin filmt den Alltag im Islamischen Staat

Seit mehr als einem Jahr herrscht der Islamische Staat von der Stadt Rakka aus über Teile Syriens und des Irak. Über das Leben dort ist wenig bekannt - eine junge Frau hat den Alltag heimlich gefilmt.

Mit dem Gewehr über der Schulter auf dem Weg zum Spielplatz

Mit dem Gewehr über der Schulter auf dem Weg zum Spielplatz

Rakka war einmal eine freundliche Stadt, konservativ zwar, aber weltoffen. Seit knapp einem Jahr ist dort alles anders, seit Mitte 2013 herrscht im Norden Syriens der Islamische Staat. Mehr noch, Rakka wurde von der Terrorarmee zur Hauptstadt erkoren, zum Aushängeschild ihres "Reichs". Seitdem zwingen die Islamisten den Menschen ihre Steinzeit-Ideologie auf: Rauchen, Alkohol und Musik sind streng verboten, Frauen dürfen nur vollverschleiert und in Begleitung eines verwandten Mannes auf die Straße gehen. Eine von ihnen hat mit Hilfe einer versteckten Kamera Impressionen aus Rakka gefilmt - es ist ein kurzer Blick durch das Schlüsselloch in eine unbekannte und unheimliche Welt.

Das Video wurde vom französischen Sender France 2 ausgestrahlt. Gefilmt wurde es nach den Angaben von einer französischsprachigen Studentin, die ihre Kamera unter dem Niqab, dem in einigen arabischen Ländern wie Saudi-Arabien und Syrien verbreiteten Gesichtsschleier, versteckt hat. Eine höchstgefährliche Angelegenheit. Die Machthaber wären wenig zimperlich mit der jungen Frau umgegangen, wenn ihr Vorhaben aufgeflogen wäre.

"Gott mag bedeckte Frauen"

Fast wäre genau das passiert. Ihre Bilder zeigen einen heranfahrenden Wagen, aus dem ein Mann die Frau herbeizitiert. "Man kann dein Gesicht sehen", sagt einer der beiden zu der Frau. "Tatsächlich?", fragt sie zurück und entschuldigt sich: "Mein Niqab scheint etwas durchsichtig zu sein." "Du solltest sorgfältiger sein, wenn du dich bedeckst. Gott mag bedeckte Frauen", kommt es aus dem Auto zurück.

Auffällig ist, dass sehr viele Bewohner in Rakka Waffen tragen. Nicht nur Männer, auch Frauen sind mit umgeschnallten Kalaschnikows zu sehen. Eine von ihnen, so heißt es in dem Film, ist gerade auf dem Weg zum Spielplatz. Offenbar haben nicht alle Frauen Schwierigkeiten mit den Verhältnissen. Die Studentin hat Telefonate in einem Internetcafé mitgeschnitten, in einem spricht eine Tochter auf Französisch mit der anscheinend besorgten Mutter: "Nein, Mama, ich komme nicht zurück", sagt sie. "Verstehe doch endlich, dass ich nicht zurückkommen werde. Ich bin doch nicht hierhergekommen, um gleich wieder nach Frankreich zurückzukehren. Ich bin glücklich hier."

Welche Frau geht in den IS?

Es scheint, als handele es sich bei der jungen Frau um eine Überzeugungstäterin handelt. "Ich schwöre Dir, dass alles, was im TV zu sehen ist, falsch ist", sagt eine. "Das Fernsehen übertreibt alles." Den Sicherheitsbehörden ist bekannt, dass sich auch zahlreiche westliche Frauen den Islamisten im Irak und in Syrien anschließen. Einige von ihnen werden mit Hilfe von Heiratsversprechen vom Islamischen Staat angelockt, andere wiederum scheinen bereit zu sein, zu kämpfen. Über die, die dieses zweifelhafte Abenteuer suchen, ist aber noch zu wenig bekannt.

Niels Kruse
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