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Vorstoß von Top-Ökonomen "Marshallplan" für Griechenland


Als Gegenleistung für ihre Hilfe verlangen die Euro-Länder von Griechenland vor allem eines: sparen, sparen, sparen. Ganz falsch, meinen führende Ökonomen.
Von Mathias Ohanian und Hubert Beyerle, Berlin

Führende Ökonomen haben sich für eine radikale Kurskorrektur im Krisenmanagement für Griechenland ausgesprochen. "Das Land braucht eine glaubhafte Perspektive, und die kann es nur mit einem Marshallplan geben, der für Wirtschaftswachstum sorgt", sagte der renommierte Harvard-Ökonom Philippe Aghion der "Financial Times Deutschland" (FTD).

Die werde durch die bisherigen Hilfsprogramme nicht gegeben. Nach Einschätzung von Hans-Joachim Voth von der Uni Pompeu Fabra in Barcelona gibt es im Grunde wirtschaftlich nur noch eine Lösung, um ein Chaos abzuwenden: "ein unbegrenzter Scheck an die Griechen". Damit ließe sich die akut drohende Pleite vermeiden - "selbst wenn ein solcher Freischein politisch unmöglich scheint".

Wie eine Reihe anderer Experten stellen sich die beiden Wissenschaftler damit in radikale Opposition zu dem bisher geltenden Kurs, wonach es ungeachtet möglicher ökonomischer Folgen vor allem darauf ankommt, möglichst große Einsparungen zu erzielen. Dies hatten die EU-Staats- und Regierungschefs auf dem Gipfel vergangene Woche bestätigt. Das mögliche Referendum in Griechenland könnte den Kritikern des bisherigen Vorgehens neuen Schub geben.

Voth: "Griechenland droht Argentinien-Szenario"

Hauptkritik ist, dass die radikalen Kürzungen und Steuererhöhungen der vergangenen eineinhalb Jahre zum einen an soziale Grenzen stoßen. Zum anderen hat sich gezeigt, dass die Wirtschaft angesichts des Nachfrageentzugs in eine immer tiefere Rezession gerät, die auch den Defizitabbau immer schwieriger werden lässt.

"Griechenland droht derzeit das Argentinien-Szenario", sagte Voth - also eine Zahlungsunfähigkeit samt Währungsschnitt. Argentinien erklärte 2002 nach Monaten des Chaos seinen Bankrott und streitet sich bis heute vor Gericht mit seinen Gläubigern. Eine solche Eskalation drohe jetzt auch Griechenland. Davor warnte gegenüber der FTD auch Harvard-Ökonom Alberto Alesina: "Ich kann mich nicht erinnern, dass ein relativ kleines Problem jemals so falsch angegangen wurde, sodass jetzt sogar das Ende des Euro droht."

Auch Starökonom Aghion sieht die Gemeinschaftswährung auf dem Spiel, sollte Griechenland nach dem Referendum die Euro-Zone verlassen. Ein Zusammenbruch ist jedoch enorm teuer, sagte er. Daher sollten die Euro-Länder um Deutschland und Frankreich den Einsatz gegenüber Griechenland - wie in einem Pokerspiel - drastisch erhöhen und Athen gleichzeitig mit einem Austritt aus dem Euro auch den Rausschmiss aus der EU in Aussicht stellen. "Das würde abschreckend wirken", so Aghion.

Signal für einen Neuanfang geben

Gleichzeitig müsse Griechenland jedoch ein realistischer Weg aus der jahrelangen Rezession aufgezeigt werden. "Die Konsolidierung ist nicht ausbalanciert: Am stärksten betroffen ist die ärmere Bevölkerung, Reiche kommen hingegen relativ gut weg", sagte Aghion. "Es ist dringend notwendig, dass Athen besser an EU-Strukturfonds kommt, um Wirtschaftswachstum zu erzielen."

"Mit der Austeritätspolitik hat man die gleichen Fehler gemacht wie Deutschland unter Brüning", so Voth. "Die Annahme einiger Ökonomen erweist sich als falsch, dass man mit Konsolidierung gleichzeitig sogar das Wachstum fördert." Tatsächlich schrumpft Griechenlands Wirtschaftsleistung seit drei Jahren und liegt mittlerweile rund 14 Prozent unter dem Niveau von Ende 2008.

Die Industrie hat ihre Talfahrt zuletzt sogar wieder beschleunigt. Das zeigen Mittwoch veröffentlichte Umfragen unter Einkaufsmanagern. Der entsprechende Index fiel von 43,2 auf 40,5 Punkte; dabei deutet jeder Wert unter 50 bereits auf Schrumpfung hin. Mit dem Einbruch wurde der niedrigste Stand seit über zwei Jahren erreicht. "Weil weitere Austeritätsmaßnahmen kommen und die globale Nachfrage verhalten bleibt, gibt es kaum Anzeichen, dass die griechische Industrie ihren Tiefpunkt erreicht hat", sagte Richard Clarke vom Datendienstleister Markit, der den Einkaufsmanagerindex veröffentlicht.

Uneinigkeit innerhalb der Troika

Selbst innerhalb der Troika aus IWF, EU und EZB gibt es unterschiedliche Auffassungen über den richtigen Kurs. Dabei gilt der Fonds als durchaus sensibel dafür, dass zur Konsolidierung auch eine Wachstumsstrategie gehört. "Der IWF hat seit den Schuldenkrisen der 80er dazugelernt", sagte Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. "Da hat ein ziemlich radikales Umdenken stattgefunden." Ging es seinerzeit fast nur um Sparmaßnahmen, verfolge man heute deutlich pragmatischere Konzepte.

"Um ein Signal für den Neuanfang zu geben, sollte mehr Gewicht auf Investitionen gelegt werden", so Messner. Die kommen bisher zu kurz.

FTD

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