VG-Wort Pixel

Wachablösung in Nordkorea Ein Phantom als "Geliebter Führer"


Nach monatelangen Spekulationen scheint der Nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il tatsächlich seine Nachfolge vorzubereiten. Als künftiges Staatsoberhaupt wird sein jüngster Sohn Kim Jong Un gehandelt. Bis zu seiner Machtübernahme wird es vermutlich aber wohl noch dauern.

Die Welt weiß nicht viel über Nordkorea. Nach monatelangen Spekulationen ist aber wenigstens eines seit Dienstag klar: Nordkoreas gesundheitlich angeschlagener Diktator Kim Jong Il regelt nun tatsächlich seine Nachfolge, ein Parteikongress bestimmt in der nächsten Woche die neue Führung. Es wird damit gerechnet, dass der 68-Jährige dabei seinen jüngsten Sohn Kim Jong Un als nächsten "Geliebten Führer" in Stellung bringen will.

Über Nordkoreas Machthaber ist noch weniger bekannt als über das Land: Selbst das Fotoalbum der Familie Kim gilt als Staatsgeheimnis. Deshalb ist auch der jüngste Präsidentensohn für die meisten ein unbeschriebenes Blatt. Kim Jong Ils ehemaliger Sushi-Koch Kenji Fujimoto beschreibt den Phantom-Sohn als "Abbild seines Vaters, vom Gesicht über die Statur bis zu seiner Persönlichkeit".

In der Schweiz gibt es ebenfalls eine handvoll Menschen, die mit dem heute 27-Jährigen schon einmal zu tun hatten - sie glauben es jedenfalls. Im Juni vergangenen Jahres veröffentlichte die japanische Zeitung "Mainichi Shimbun" ein zehn Jahre altes Foto. Angeblich handelte es sich um ein Klassenfoto einer Privatschule bei Bern von 1999, das den damals 16-jährigen Kim Jong Un zeigt. Der junge Kim sei dort von 1996 bis 2001 unter falschem Namen angemeldet gewesen.

Ehemalige Klassenkameraden berichteten, ihr nordkoreanischer Mitschüler habe habe gerne Basketball gespielt und Comics gezeichnet, sei aber eher schüchtern gewesen. Auf der Schule habe er Englisch, Französisch und Deutsch gelernt. Laut "Washington Post" fuhr der junge Kim gerne Ski und liebte Action-Held Jean-Claude Van Damme. Seine ehemalige Lehrerin Simone Kuhn hat ihn als "geheimnisumwoben" in Erinnerung: Eines Tages habe er ihr kurz und knapp eröffnet, dass heute sein letzter Schultag sei. Dann war er weg.

Laut der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap besuchte Kim Jong Un danach die nach seinem Großvater Kim Il Sung benannte Militärakademie in Pjöngjang. Vor drei Jahren schloss er dort mit einem Diplom ab. Darüber hinaus gibt es eigentlich nur noch die gesicherte Erkenntnis, dass Kim Jong Un der jüngste von drei Söhnen Kim Jong Ils ist. Seine Mutter ist Kim Jong Ils dritte Frau, die japanisch-stämmige Tänzerin Ko Jong Hi, die vor einigen Jahren an Brustkrebs gestorben sein soll.

Dass nun der jüngste Spross der Diktatoren-Dynastie als neuer Machthaber gehandelt wird, hat er seinen beiden Brüdern zu verdanken. Der Älteste, Kim Jong Nam, soll bei seinem Vater in Ungnade gefallen sein, weil er im Ausland für peinliche Schlagzeilen sorgte - vor allem, als er 2001 mit einem gefälschten Pass in Japan aufgegriffen wurde. Den mittleren Sohn Kim Jong Chul soll sein Vater als zu "feminin" und zu wenig führungsstark abgelehnt haben.

Spekulationen über die Kims halten sich hartnäckig, seit der nordkoreanische Machthaber laut Medieninformationen im August 2008 einen Schlaganfall erlitt. Zudem soll er an schweren Nierenproblemen leiden. Der kranke Staatschef baut demnach seinen jüngsten Sohn Schritt für Schritt zu seinem Nachfolger auf. So soll der Filius seit vergangenem Jahr die Geheimpolizei-Zentrale leiten und Stellvertreter seines Vaters an der Spitze des nationalen Verteidigungsausschusses sein. Laut einer gemeinnützigen japanischen Organisation lernen nordkoreanische Schüler bereits seit geraumer Zeit Loblieder und -sprüche auf den neuen "Geliebten Führer".

Dass Kim Jong Un bereits auf dem Parteitag direkt Nachfolger seines 68-jährigen Vaters wird, gilt als unwahrscheinlich. Experten rechnen nicht damit, dass dieser ihm vor seinem Tod sein Amt übergibt. Sie gehen davon aus, dass ihm eine Reihe mittelhoher Parteiämter übertragen werden. Vor 2012 werde der 27-Jährige nicht in das Präsidium des Politbüros aufrücken, vermutet der südkoreanische Politologe Jung Chang Hyun: Für eine derartige Machtposition sei er noch "nicht bereit".

DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker