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Schwere Krise: Proteste, Gewalt und Tote - was gerade in Venezuela passiert

Venezuela ist das erdölreichste Land der Welt. Trotzdem ist der südamerikanische Staat in eine tiefe Krise abgerutscht. Bei Massenprotesten starben Dutzende Menschen. Die Hintergründe der aktuellen Lage.

Drei vermummte junge Männer in Venezuela spannen eine Schleuder, um etwas auf Polizisten zu schießen

Demonstranten schleudern in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela, Steine auf Polizisten

Mit Massendemonstrationen will die Opposition einen Wandel im sozialistischen Venezuela erzwingen und ein Abdriften in die Diktatur verhindern. Gefordert werden: freie Wahlen, Freilassung von politischen Gefangenen, Achtung der Entscheidungen des Parlaments sowie sofortige Hilfsmaßnahmen, um die Menschen mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen. Wie konnte das Land nur so abstürzen? 

Venezuela und die Öl-Abhängigkeit

Mit rund 300 Milliarden Barrel (ein Barrel entspricht 159 Liter) verfügt Venezuela über die größten Ölvorkommen der Welt. Der Absturz des Ölpreises verschärfte die Krise seit 2014 massiv. Nach Angaben des Ökonomen Alfredo Serrano sanken die Einnahmen von 39,7 Milliarden US-Dollar (2014) auf 13,24 Milliarden US-Dollar (2015) und lagen 2016 bei lediglich noch 5,29 Milliarden US-Dollar. Venezuelas Exporteinnahmen hängen aber zu 95 Prozent von den Erdöleinnahmen ab.

Misswirtschaft

Ausländische Unternehmen investieren kaum noch, da das Land Milliardenbeträge schuldig geblieben ist. Privatfirmen werden gegängelt, Bäckereien fehlt Mehl zum Backen, auch die Stromversorgung bricht immer wieder zusammen. Präsident Nicolás Maduro riet Frauen sogar, auf das Föhnen zu verzichten. Auch die Ölförderung brach ein: Im März förderte Venezuela 1,97 Millionen Barrel am Tag. 2015 förderte man noch im Schnitt 2,37 Millionen.

Inflation

2016 brach die Wirtschaftsleistung um 18 Prozent ein, zugleich verlor der Bolívar immer mehr an Wert. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet damit, dass die Inflationsrate 2017 bei 720 Prozent liegen wird. Es fehlt sogar Papier und Tinte, um größere Scheine zu drucken. Durch die enorme Teuerung werden viele staatlich subventionierte Lebensmittel knapp, der Schwarzmarkt blüht überall. Lange Schlangen und Mangel an Medizin und Nahrung sind Alltag.

Devisenknappheit

Wegen der lange sprudelnden Öleinnahmen wurde darauf verzichtet, einen starken eigenen Industriesektor aufzubauen - stattdessen wurde auf den Import gesetzt. Güter, Lebensmittel und Medikamente müssen in Dollars oder Euros gezahlt werden - wegen der Entwertung des Bolívar wird das immer teurer. Zudem sind hohe Auslandsschulden zu bedienen. Um an Dollar-Devisen zu kommen, wurde schon über die Hälfte der Goldreserven verkauft oder verpfändet.

Kein Hugo Chávez

2013 starb der Begründer des "Sozialismus des 21. Jahrhunderts", Hugo Chávez. Sei Nachfolger Nicolás Maduro hat nicht das Charisma; er versucht zwar mit Salsa-Shows Volksnähe zu zeigen, Gegner werfen ihm aber einen autoritären Kurs vor. Gerüchte über Korruption und Verwicklungen in den Kokainhandel in seiner Regierung haben das Ansehen stark geschwächt. Auch in Armenvierteln wächst der Widerstand, Sozialleistungen sind nicht mehr wie früher finanzierbar.

Wendepunkt Wahl

Im Dezember 2015 gewann das Bündnis "Demokratische Einheit" die Parlamentswahl deutlich. Doch statt des Anfangs vom Ende der sozialistischen Regierung nahmen Repression und Polarisierung zu.

Schrittweise wurde das Parlament entmachtet, der von den Sozialisten kontrollierte Oberste Gerichtshof annullierte Entscheidungen. Maduro setzte auf das Regieren mit Notstandsdekreten. Viele Bürger fühlen sich betrogen. Ein Referendum zu Maduros Abwahl wurde von Gerichten gestoppt.


tkr/Georg Ismar / DPA
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