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Washington Memo: Druck machen, Messer wetzen

Es war ein klarer Sieg für Hillary - aber dennoch fehlen ihr rund 100 Delegierte. Die Nominierung kann sie nur mit Psychokrieg gegen Barack Obama gewinnen - mit einem Angriff auf seine Glaubwürdigkeit. Der setzt sich zur Wehr, wetzt die Messer - und will Hillary Clinton jetzt frontal angreifen.

Von Katja Gloger, Washington

Als Barack Obama den renommierten Chicagoer Medienstrategen David Axelrod im Dezember 2002 bat, für ihn zu arbeiten, da war David Axelrod zunächst skeptisch. Er kannte den Senator im Staat Illinois seit vielen Jahren, er schätzte ihn. Aber er war nicht sicher, dass Obama den großen Sprung nach Washington schaffen könnte. Denn das wollte Barack Obama damals: Er wollte in den US-Senat.

Axelrod, der schon vielen Politikern der demokratischen Partei in ihr Amt verholfen hatte, ließ sich überzeugen. Er bastelte in den kommenden Jahren eine Strategie um die charismatische Persönlichkeit und unkonventionelle Biografie seines Kunden. Die setzte auf Wandel, auf eine neue Politik. Auf Ehrlichkeit, Integrität, Respekt. So würde man den jungen, schwarzen Politiker wahrnehmen. Und David Axelrod fand ein Motto für seinen Mann: "Yes. We. Can!" Ja, wir können es schaffen.

Mit dieser Strategie gelang Barack Obama Ende 2004 der Sprung in den US-Senat. Und mit dieser Strategie verzauberte er in den vergangenen Wochen Millionen von der Politik enttäuschter Wähler. Er versetzte ein ganzes Land in Aufbruchstimmung.

Barack Obama wurde zum Markenzeichen für eine andere, für eine bessere Politik.

"Ich werde niemanden dämonisieren"

Im vergangenen Herbst, als er in den Umfragen so weit hinter Hillary Clinton lag, dass ihm keiner eine Chance gab, als ihn einige seiner Berater regelrecht anflehten, endlich anzugreifen und etwa die möglichen Beziehungen des Ehepaares Clinton zu indischen Geschäftsleuten und Großspendern zu hinterfragen, da stoppte Obama seine Mitarbeiter: "Ich werde niemanden dämonisieren", sagte er damals. Und auch seine Gegner gestehen ihm zu: Clintons Vergangenheit, die Skandale, sein Privatleben - all das war bislang kein Thema in seinem Wahlkampf.

Das klingt ehrenwert. Doch genau das ist jetzt Obamas Problem.

Denn ihre Siege in Ohio und Texas bestätigten Hillary Clinton: Sie wird gewählt, wenn sie austeilt, sich als Kämpferin zeigt. Negativ-Wahlkampf, der Angriff auf die Glaubwürdigkeit, funktioniert. In den vergangenen Tagen war es vor allem der TV-Spot "3-Uhr-Morgens", mit dem sie punkten konnte. Wer nimmt mitten in der Nacht den Hörer ab im Weißen Haus, wenn es zu einer Krise kommt? Sie, Hillary Clinton, die Oberkommandierende, die Erfahrene. Und sie bohrte erfolgreich in zwei Schwachstellen Obamas: Viel zu nachlässig war er mit dem Vorwurf umgegangen, er sei zu wischi-waschi beim Thema Freihandel. Ein wichtiges Thema für die Wähler in Ohio - denn sie glauben, dass das - von Bill Clinton geschlossene und von Hillary Clinton einst gelobte - Nafta-Abkommen tausende Arbeitsplätze kostete. Und dann spielte ihr der Fall Rezko in die Hände: Der zwielichtige Baulöwe und Großspender für beide Parteien hatte Obama vor drei Jahren beim Kauf eines Hauses geholfen. Rezkos Frau hatte einen Teil des Gesamtgrundstücks gekauft, sonst hätte sich Obama das 1,6 Millionen Dollar teure Haus offenbar nicht leisten können. Der Deal war legal, aber politisch nicht korrekt. Obama sprach damals von einem "saudummen Fehler". Rezko hatte an beide Parteien gespendet, auch für Obamas Wahlkämpfe. Als die Vorwürfe gegen ihn bekannt wurden, hatte Obama das Geld sofort an Wohltätigkeitsorganisationen weitergegeben. Rezko steht nun seit Montag in Chicago wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht - eine Verbindung zu Obama ist nicht bekannt. Doch Clintons Strategen nutzten den Termin, sie stellten Fragen; das Thema war wieder in der Luft. Aber schlimmer noch: Obama machte eine schlechte Figur. Auf Fragen reagierte er gereizt, als ob er sie nicht erwartet hätte, dann hatte er auf einmal keine Zeit mehr.

Auf einmal benahm er sich wie ein ganz normaler Politiker.

Alles auf psychologischen Sieg setzen

Und genau da will ihn Hillary Clinton packen. Denn sie kann in den kommenden Wochen, vielleicht Monaten, nur auf einen psychologischen Sieg setzen. Auf das Momentum.

Denn auch nach den gestrigen Siegen hat sie rund 100 Delegierte weniger als Obama. Der hatte mit zehn Siegen in Folge im ganzen Land Delegierte gesammelt. Diesen Vorsprung kann sie kaum noch aufholen - denn in den Vorwahlen werden die Delegiertenzahlen fast überall proportional zur Stimmenzahl vergeben.

Bleiben die knapp 800 Superdelegierten, die Funktionäre aus Partei und Staat, die unabhängig entscheiden können. Die sollen auf keinen Fall ins Obama-Lager überlaufen - sie gilt es zu beeindrucken mit dem Thema "Wählbarkeit".

Bleiben Florida und Michigan, zwei Bundesstaaten, deren Delegierte von der Kandidatenkür ausgeschlossen wurden - weil sie die Parteistatuten verletzt hatten. Die Kandidaten hatten versprochen, dort keinen Wahlkampf zu führen. Doch in Michigan hatte sich Hillary Clinton auf den Wahlzettel setzen lassen, in Florida erklärte sie einen Sieg, der keiner war. Jetzt fordert sie, die Delegiertenstimmen der beiden Bundesstaaten zu zählen.

Sie muss Druck machen, sie muss Hiebe austeilen. Go negative, lautet Hillary Clintons Strategie für die kommenden Wochen, vielleicht Monate. Hatte nicht auch Gatte Bill Clinton schon vor Monaten gefordert, dass man diesen Frischling Obama härter angehen müsse?

Inhalte für die Hoffnungsbotschaft

Anfangs glaubte Barack Obama, er könne weiterhin über dem Schlachtengetümmel schweben, Gentleman-Wahlkampf bis zum Ende betreiben. Schließlich wollen seine verzückten Wähler genau das von ihm sehen. Als nach der ersten Welle der Begeisterung Fragen nach seinem Programm laut wurden, hatte er perfekt reagiert und seiner Hoffnungsbotschaft die Inhalte zugefügt. Und in den vergangenen Tagen hatte er sich bewusst bemüht, seinen gigantischen Großveranstaltungen kleine, intime Treffen mit Wählern hinzuzufügen, dort, wo er sich den Fragen der Menschen stellen konnte. Aber die meisten wollten nur seine Botschaft der Hoffnung hören, sich an ihr berauschen.

Gestern dann, am Tag nach dem bösen Erwachen in Texas, streifte er die Samthandschuhe ab. "Was dem Einen recht ist, kann dem Anderen nur billig sein", erklärte sein Stratege David Axelrod kühl. "Wir glauben zwar nicht, dass die Wähler sehen wollen, wie sich zwei Kandidaten gegenseitig zerfleischen. Doch wir werden jetzt nach den gleichen Regeln spielen."

Und noch gestern Morgen, auf dem Rückflug von San Antonio nach Chicago, wurde ein grimmiger Obama konkret: "Sie behauptet, sie sei getestet. Dieses Argument werden wir untersuchen. Denn sie glaubt, sie habe eine bessere Bilanz in Sachen Transparenz oder Ethik als ich und könne darin im Wahlkampf gegen die Republikaner besser bestehen. Dies werden wir prüfen."

Warum habe Hillary Clinton - im Gegensatz zu Obama - denn ihre Steuererklärung bislang noch nicht veröffentlicht, fragen seine Wahlkampfstrategen jetzt. Weil die Zahlen etwa über die finanziellen Verbindungen ihres Mannes zu Unternehmern Auskunft geben könnten? Woher stammen die fünf Millionen Dollar Privatkapital, die Hillary Clinton dem eigenen Wahlkampf lieh? Warum werden Dokumente aus dem Weißen Haus immer noch nicht veröffentlicht, die Auskunft über die wahre Rolle Hillary Clintons in der desaströsen ersten Amtszeit ihres Mannes geben können? "Sie werden in der Clinton-Bibliothek geheim gehalten", so Obamas Stratege Axelrod.

Und dann natürlich ihr "Ja" zum Krieg gegen den Irak und die Außenpolitik, Hillary Clintons angeblich so große internationale Erfahrung aus ihrer Zeit als First Lady. "Was hat sie denn gemacht, als sie 80 Staaten besuchte?", zürnte Barack Obama gestern vor Reportern. "Hat sie etwa Krisen gelöst oder Verträge verhandelt? Ich glaube, die Antwort darauf lautet: Nein."

Er hörte sich an wie ein ganz normaler Politiker. Aber normale Politiker werden ja auch nur von ganz normalen Wählern gewählt.

Und die Sache mit der Steuererklärung? Die werde sie am 15. April, dem Ende des amerikanischen Steuerjahres, veröffentlichen, ließ Hillary Clinton erklären. "Oder ungefähr am 15. April."