Welthandelsorganisation Lamy wird neuer WTO-Chef

Ex-EU-Kommissar Pascal Lamy wird an die Spitze der WTO rücken - jener Organisation, die weltweit für freien Handel sorgen soll. Seinen Erfolg könnte der Franzose einem Deal der Europäer mit den USA verdanken.

Sie machte es spannend. Es war ein fünf Seiten langes Schreiben, das die ehrenwerte Botschafterin Amina Mohamed am Freitag in Genf verteilen ließ. Lange und ausführlich erklärte die kenianische Chefin der dreiköpfigen Findungskommission in gewähltem Diplomaten-Englisch, wie der neue Generalsekretär der Welthandelsorganisation ausgewählt wurde. Erst ganz am Schluss verriet sie den Namen des Nominierten: Pascal Lamy, Franzose und Ex-Handelskommissar der Europäischen Union. "Ich empfehle, dass die Mitglieder auf der nächsten Sitzung der Generalversammlung am 26. und 27. Mai Herrn Pascal Lamy als neuen Generaldirektor der WTO für eine Amtszeit von vier Jahren mit Beginn 1. September 2005 ernennen", schrieb Mohamed. Für die Europäer ist das ein Riesenerfolg.

Letzter Gegenkandidat macht Rückzieher

Zuvor hatte sich angedeutet, dass eine Mehrheit der 148 Mitgliedsstaaten der WTO Lamys Kandidatur unterstützen würden. Der letzte verbliebene Gegenkandidat, der Uruguayer Carlos Pérez del Castillo, hatte daraufhin seine Kandidatur zurückgezogen. Regt sich nun bis Ende Mai kein Widerspruch, wird der 57-jährige Lamy Nachfolger des Thailänders Supachai Panitchpakdi (58), der zur UNCTAD wechselte. Lamy übernimmt ein wichtiges Amt. Die Welthandelsorganisation, die 1993 gegründet wurde, hat die Aufgabe, weltweit für fairen Handel zur sorgen und Handelshemmnisse – etwa Zölle und Subventionen – abzubauen. Sie ist die Schiedsstelle, wenn es zum Streit zwischen Staaten kommt und kann Sanktionen erlauben. Die WTO, die ihren Sitz in Genf hat, ist eine der wichtigsten Organisationen, wenn es darum geht, die Globalisierung zu ordnen und zu regeln. Seit die letzte Welthandelsrunde 2003 in Mexiko scheiterte, steht sie unter erheblichem Erfolgsdruck.

Deal der Europäer mit Washington

Der WTO-Generaldirektor ist eher ein Vermittler als ein mächtiger Chef. Er muss mit viel Geschick und Diplomatie dafür sorgen, dass die Mitglieder sich einigen. Lamy, der bis 2004 in der Brüsseler EU-Kommission für Handelsfragen zuständig war, und der lange lediglich als Zählkandidat für die WTO-Spitze galt, hat seinen Erfolg nun möglicherweise einem Deal zwischen Amerikanern und Europäern zu verdanken. Die Europäer hatten lange gezögert, die Nominierung des umstrittenen Hardliners Paul Wolfowitz als Chef der Weltbank zu unterstützen. Als Vize-Außenminister der USA war Wolfowitz einer der leidenschaftlichsten Verfechter des Irak-Krieges gewesen. Nun haben die Europäer dieser Personalie zugestimmt - und im Gegenzug möglicherweise das Plazet der Amerikaner für die Wahl Lamys erhalten.

In Brüssel erwarb sich Lamy kaum Sympathien

Mit Lamy schicken die Europäer einen begabten Strippenzieher und geübten Unterhändler nach Genf. In seiner Zeit als EU-Kommissar - von 1999 bis 2004 - erwarb sich Lamy allseits Respekt, wenn auch wenig Sympathien. Diszipliniert, fast militärisch lenkte er die Handelsabteilung der EU-Kommission. Konflikten, etwa mit dem wichtigen Handelspartner USA, ging er nicht aus dem Weg. In den Hinterzimmern der Macht hat Lamy schon früh das diplomatische Taktieren gelernt: Er absolvierte die französische Eliteverwaltungsschule Ena, bevor er mit Hilfe des Sozialisten Jacques Delors in den Führungsstab des Pariser Finanzministeriums aufstieg. Als Delors 1985 zum Präsidenten der EU- Kommission berufen wurde, nahm er seinen Zögling mit und machte ihn zum mächtigen Chef seines Brüsseler Kabinetts.

Image des kalköpfigen Marathon-Läufers

In der vielfach kritisierten Günstlingswirtschaft des Brüsseler Apparats nahm Lamy nach Einschätzung damaliger Beobachter eine zentrale Rolle ein. Als er - nach einigen Jahren bei der skandalgeschüttelten Großbank Crédit Lyonnais - 1999 als Kommissar nach Brüssel zurückkehrte, flammten auch die Mutmaßungen über seine Rolle in der so genannten Fléchard-Affäre über falsch deklarierte Butterexporte wieder auf. Das Bild eines asketischen Marathonläufers hat der kahlköpfige Lamy stets gepflegt. Beliebt war der Mann mit dem langen Atem deshalb noch nicht. Einmal habe der Franzose sich einem Wahlkampf gestellt, merkte ein Chronist zu Lamys Brüsseler Amtsantritt 1999 an: Doch in dem Wahlkreis in der Normandie, wo Lamys Familie ein Gut besitzt, sei der Netzwerker "prompt durchgefallen".

Gemischte Bilanz

Als europäischer Handelskommissar ging Lamy mit Geschick und harter, wenngleich nicht immer glücklicher Hand vor. Seine französischen Parteifreunde dürften sich inzwischen fragen, was der Sozialist eigentlich in den WTO-Verhandlungen mit China alles mitgetragen hat. Denn seit zu Jahresbeginn die Schranken für chinesische Textilimporte fielen, stöhnt die Branche unter dem Preisdruck und sieht Arbeitsplätze gefährdet.

Florian Güßgen mit Material von DPA

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