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Zahlen, Daten, Fakten: Von Audi bis Pörkölt

Vorurteile und Irrtümer

Ungarisches Gulasch (Gulyas) ist kein Gulasch, sondern eine im Kessel gegarte, deftige Fleischsuppe. Das, was wir unter Gulasch verstehen, nennt sich "Pörkölt", mit Creme fraiche "Paprikas". Womit wir beim zweiten Irrtum wären: Paprika haben erst die Türken nach Ungarn gebracht. Es findet sich seit dem 18. Jahrhundert in der ungarischen Küche. Ungarische Weine übrigens gewinnen seit der Auflösung der Staatsbetriebe regelmäßig Preise und haben sich teilweise weit entfernt vom süßen Billigprodukt.

Probleme

Ungarn ist vom EU-Musterkandidaten zum Sorgenkind geworden - schuld ist zum Großteil ein Wahlversprechen der jetzigen Regierung: Sie erhöhte die Löhne der Angestellten im öffentlichen Dienst um 50 Prozent, das führte zu Rekorddefiziten im Staatshaushalt. Ungarn wird geprägt von der Übermacht der Hauptstadt: In Budapest herrscht in einigen Bereichen Arbeitskräftemangel, in Nordungarn beträgt die Arbeitslosenquote über 15 Prozent. Immer noch werden Sinti und Roma stark benachteiligt: 40 Prozent beenden ihre Schulausbildung nicht, weniger als ein Prozent schafft es bis zur Universität.

Wirtschaft

Ausländische Konzerne und Firmen haben seit 1990 rund 22 Milliarden Euro im Land investiert. Der Boom wurde beendet, als die Löhne im Gefolge der Staatsgehälter stark stiegen. IBM, Mannesmann, Microsoft, Philips und Kenwood haben ihre Fabriken wieder geschlossen. Geblieben sind Nokia, Ford und Audi. Ungarn ist ein Land der unbekannten Genies: Laszlo Biro erfand den Kugelschreiber, Todor Karman konstruierte den Hubschrauber, Johann Irinyi fertigte das erste Zündholz, Tivadar Puskas plante die erste Telefonzentrale und Ernö Rubik den gleichnamigen Würfel. Beim Bau der Atombombe kamen vier Wissenschaftler in der Gruppe um Robert Oppenheimer aus Ungarn. Die erste U-Bahn Europas fuhr 1896 in Budapest.

Ungarische Extreme

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts soll folgendes Schild vor den Toren Hollywoods gehangen haben: "Es reicht nicht, dass du Ungar bist, du musst auch Talent haben!" Aus keinem anderen Land kamen so viele einflussreiche Filmmogulen: Bei Metro-Goldwyn-Mayer waren zwei von drei Gründern aus Ungarn, bei 20th Century Fox und Paramount saßen Ungarn in den Vorstandsetagen. Michael Curtiz, Zsa Zsa Gabor, Peter Lorre - alles Ungarn. In Ungarn werden mehr Bücher verkauft als in jedem anderen westeuropäischen Land. Und Ungarn hat mit 1,1 Millionen Tieren mehr Schafe als irgendein anderes neues Beitrittsland. Es gibt mehr Ärzte pro Kopf als in Deutschland - aber weniger Krankenhausbetten.

Ungarische Verhältnisse

Die Löhne sind in Ungarn in den vergangenen Jahren stark gestiegen, auf durchschnittlich 528 Euro - knapp ein Viertel des deutschen Niveaus. Die Verbraucherpreise sind 15 Prozent niedriger. Mieten zahlen die wenigsten Ungarn - die meisten haben im Zuge der Privatisierung von Staatseigentum ihre Wohnungen kaufen können, dabei liegen die teuersten Apartments im Budapester Innenstadtbereich: Dort kosten 100 Quadratmeter zirka 18,5 Millionen Forint (74 000 Euro). Einen Kfz-Mechaniker, eine Lehrerin und einen Hoteldirektor hat der stern gefragt, was sie verdienen.

Erzsebet Gidane Orsos, 39, arbeitet als Lehrerin in Pecs. Wie viele Roma hat sie nach acht Jahren Volksschule keine Empfehlung für den Besuch des Gymnasiums bekommen und begann daher eine Ausbildung als Kindergärtnerin, besuchte die Abendschule, dann die Universität. Neben der Schule betreut sie in ihrer Freizeit Roma-Kinder und schreibt ihre Doktorarbeit. Sie verdient mit Zulagen netto 197 000 Forint (790 Euro) und zahlt 8,5 Prozent Rentenversicherung, vier Prozent Krankenversicherung und ein Prozent Arbeitslosenversicherung. Der Arbeitgeber leitet zusätzlich 33,5 Prozent ihres Bruttolohnes für Kranken- und Sozialversicherung ab. Sie wohnt mit Mann und Tochter im eigenen Haus mit 110 Quadratmeter Wohnfläche, das die Familie nur mit großer Eigenleistung finanzieren konnte - und weil Erzsebets Mann zwei Jahre als Maurer in Deutschland gearbeitet hat. Sie hat 60 Tage Urlaub, ihre letzte Reise war im Juli 2003: zwei Wochen Griechenland. Die Familie fährt einen geleasten Suzuki, Baujahr 2001.

Bela Göllei, 48, hat seit 1984 eine eigene Kfz-Werkstatt in Hegymagas. Er verdient zwischen 80 000 und 150 000 Forint (320 bis 600 Euro), je nach Auftragslage. Er ist verwitwet, seine zwei Töchter leben wie er in Tapolca. Dort bewohnt er ein eigenes Haus mit 150 Quadratmetern. Göllei hat drei Autos: einen VW Vento, einen Renault und einen Peugeot, alle fünf bis zehn Jahre alt. Er macht 20 Tage Urlaub, vergangenen Sommer fuhr er zum Angeln an den Tisza-See.

Peter Zwickl, 36, führt als Manager das Congress Park Hotel Flamenco in Budapest. Vorher hat er in Vier-Sterne-Hotels in München, Zürich und London gearbeitet. Er erhält zwischen 800 000 und 900 000 Forint brutto (gut 3300 Euro). Mit seiner Frau und vier Kindern lebt er in einer 140 Quadratmeter großen Eigentumswohnung in Budapest. Die Familie fährt einen fünf Jahre alten Renault Espace. Peter Zwickl hat 20 Tage Urlaub, 2003 verbrachte er je eine Woche auf Fahrradtour in Österreich und am Meer in Kroatien.

Cornelia Fuchs / print