HOME

"Bild"-Buch über Merkel: Merkel tritt vom Rücktritt zurück

"Bild"-Journalist Blome hatte behauptet, die Kanzlerin wolle 2015 zurücktreten. Nun kann sie es nicht mehr, selbst wenn sie es gewollt hätte. Kruzibildnochamol!

Eine Glosse von Lutz Kinkel

Natürlich hagelt es nun Dementis. Unmissverständliche, granitharte Dementis. Die Kanzlerin ist die Kanzlerin und sie bleibt Kanzlerin, weil wir keine andere haben, jetzt und immerdar, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. So hätte es Regierungssprecher Steffen Seibert formulieren können. Leider ist er von Amts wegen auf Schmallippigkeit verpflichtet, deswegen sagte er: "Die Bundeskanzlerin tritt bei der Bundestagswahl selbstverständlich für eine volle Amtszeit an."

Volle Amtszeit! Aufgemerkt, ihr Wähler! Nikolaus Blome, Chef des "Bild"-Hauptstadtbüros, hatte in seinem neuen Buch geschrieben, Angela Merkel wolle 2015 aufhören. Weil sie dann 60 wird. Weil es niemand länger als zehn Jahre in der Waschmaschine (berlinerisch für: Kanzleramt) aushält. Weil sie souverän über ihr Leben entscheiden will. Die Uckermark so liebt. Herrn Sauer. Rindsrouladen. Und Ronald Pofalla zum Abschied einen Satz reindrücken will, den sie sich schon 2011 zurechtgelegt hat: "Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen." Okay - das nun vielleicht nicht, auch wenn es cool wäre. Leider ist die Kanzlerin von Amts wegen auf Schmallippigkeit … (siehe oben).

Schäuble fragen, de Mazière installieren

Es hätte ja durchaus etwas für sich, träte Merkel 2015 zurück. Sie würde ihre Kritiker bestätigen, die ihr vorwerfen, sie sei immer noch nicht in der Demokratie angekommen. Eine Kanzlerin, die für vier Jahre gewählt ist, aber nach der Halbzeit beschließt, sich in die Mecklenburger Büsche zu schlagen, würde offenlegen, was der Wählerauftrag für sie bedeutet: eine unverbindliche Anregung bei der Jobsuche. Da Merkel gleichzeitig einen Nachfolger präsentieren würde, einen politischen Erben, den sie beim Nachmittagstee ausgesucht hat, müssten wir von einer Russifizierung Deutschlands sprechen. Kungeln statt wählen, top down statt bottom up. Hallo Politbüro.

Eine interessante Frage auch: Wer könnte eigentlich Merkels Nachfolger werden? Ursula von der Leyen würde vor laufenden Kameras verträumt in den Himmel schauen, um sich medial ins Gespräch zu bringen. Merkel aber würde aus alter Tradition zunächst Wolfgang Schäuble fragen, der war ja schon immer für alles gut. Um sich dann für Thomas de Mazière zu entscheiden. Tja, und dann würde der große Kehraus beginnen. Die Merkelianer müssten gehen. Gröhe, Pofalla, von Klaeden, Kauder, Seibert, Baumann, Christiansen - es würde für eine ganze Kommune in der Uckermark reichen. Anschließend würden die Mazièraner übernehmen. Großbürgertum. Adel. Manschetten. Mehr so 19. Jahrhundert.

Champagner am Sommerabend

Merkel, und das wäre ihr persönlicher Coup, könnte sich an dem Gedanken laben, dass sie die Einzige wäre, die jemals aus freien Stücken das Kanzleramt verlassen hat. Und zwar in einem Alter, das noch deutlich unter dem ihres aktuellen Herausforderers liegt. Es wäre eine nochmalige Demütigung von Peer Steinbrück, 66, Sozialdemokrat. Und es hieße, Merkel zu unterschätzen, würde man ihr nicht unterstellen, sie könnte diesen Gedanken genießen wie ein Glas prickelnden Champagners an einem lauen Sommerabend.

Aber nun, das ist ihr Problem, haben wir: Wahlkampf. Da darf Merkel nicht sagen, was Merkel bewegt. Und nun, Problem Nummer zwei, hat die "Bild" schon alles verpetzt. 2015 zurückzutreten, weil es die "Bild" so vorausgesagt hat - geht gar nicht. Unwürdig. Außerdem: Derzeit lassen es sich alle Pofallas schriftlich geben, dass sie auch weiterhin von Mutti versorgt werden. Wollen ja nicht leben wie die Liberalen, kontaminiert von Zukunftsängsten, weil sie in die Freiheit entlassen werden könnten.

So unterm Strich

So bleibt, unterm Strich: steile These, toller Werbeeffekt, womöglich steigende Absatzzahlen. Also für den Buchautor. Und wer weiß: Vielleicht hat das Kanzleramt die ganze Nummer sogar mitgedreht. Klingt ja auch erst mal gut: Merkel klebt nicht an ihrem Stuhl, Merkel ist nicht von der Macht korrumpiert, sie weiß nicht nur aufzusteigen, sondern auch aufzuhören. Vorbildlich. Ob sie es dann wirklich tut, ist zweitrangig. Das Image zählt. Nicht die Tat. Wer wüsste das besser als die Kanzlerin.