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Ausland zum Wahlkampf-Endspurt "Die Welt wird Merkel nicht vermissen" – und weitere Außenansichten zur Bundestagswahl

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)
Politische Zäsur und Zeitenwende: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) tritt nach 16 Jahren im Amt ab
© STEFANIE LOOS / AFP
Sentimental, gelassen, verblüfft, gelangweilt: Das Ende von Merkels Amtszeit und das Ringen um ihre Nachfolge wird auch im Ausland aufmerksam verfolgt – mit durchaus gemischten Gefühlen.

Wer wird's, wer macht's, mit wem, und überhaupt: Wie geht's weiter? Kurz vor der Bundestagswahl wehen ebenso viele Fragen und Ungewissheiten durch den deutschen Blätterwald, wie mögliche Antworten und Szenarien, die das Bedürfnis nach Planung und Prognosen der Wähler:innen zu stillen versuchen – denn, und das scheint aktuell die einzig belastbare Wirklichkeit zu sein, nach 16 Jahren ist Schluss: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) räumt das Feld. Eine politische Zäsur und Zeitenwende. 

Entsprechend aufmerksam wird der Urnengang am kommenden Sonntag daher auch im Ausland registriert. Beobachter ziehen Bilanzen, beugen sich über die Kandidat:innen und ihren Wahlk(r)ampf, blicken in die Glaskugel. Ihr Urteil fällt unterschiedlich aus und kommt doch fast immer zum selben Schluss: Deutschland steht vor einer historischen Entscheidung von mutmaßlich internationaler Tragweite. 

Der Blick über den Tellerrand offenbart das hohe Ansehen, dass die Kanzlerin im Ausland, die Verwunderung über die Art und Weise, wie um ihre Nachfolge gerungen wird und eine Melange aus Hoffnung und Sorge, was aus der Wahl folgt. 

Fast schon sentimental          

"Wie sieht das Leben nach Merkel aus?", fragt etwa der US-Sender CNN, nachlesbar verblüfft über das "Symbol der Stabilität in Europa", namentlich Angela Merkel. Zum ersten Mal "seit einer Generation" müssten die Bürger:innen die Entscheidung treffen, wie Deutschland nach Merkel aussehen werde – sie steht nicht mehr zur Wahl – und wer das "beeindruckende Erbe der erfolgreichsten weiblichen Staatschefin" fortsetze, die allerhand Krisen getrotzt habe.

Merkels Langlebigkeit führte dazu, dass sie de facto Europas Anführerin wurde, und es ist unklar, ob ihr Nachfolger die gleiche Rolle übernehmen wird

In ihrer Amtszeit habe sie mit fünf britischen und sieben italienischen Premierministern, jeweils vier französischen und amerikanischen Präsidenten zu tun gehabt. Eine "bemerkenswert ereignisreiche Machtperiode", bilanziert CNN, die Merkel mit ihrer "unerschütterlichen Präsenz" international den Ruf eingebracht habe, für "Stabilität und Besonnenheit" zu stehen.

Entsprechend hoch sei die Fallhöhe: Merkels politische "Langlebigkeit" habe sie de facto zur Anführerin Europas gemacht und es sei unklar, ob ihre Nachfolge eine ähnliche Rolle einnehmen werde. Mit "unerschütterlicher Entschlossenheit" habe sie versucht, die Staatengemeinschaft zusammenzuhalten und die Beziehungen zu den USA oder China zu pflegen. Wird das auch ihrer Nachfolge gelingen?

Keine Spur von Wehmut 

Die bei CNN anklingende Melancholie wird vom US-Magazin "The Atlantic" geradezu konterkariert, das abgebrüht schlagzeilt: "Die Welt wird Angela Merkel nicht vermissen". Zwar hätten vor allem die "dunkelsten Tage unter Donald Trumps Präsidentschaft", die auch international von Chaos geprägt waren, der Kanzlerin ein "heroisches Image" als "letzte Erwachsene auf der Weltbühne" eingebracht. Doch die Prognosen, welch Unheil nach ihrem Rückzug folgen könnten, fußten auf "falschen Prämissen". 

Während ihrer Amtszeit habe Merkel "wenig Ehrgeiz" gezeigt, die politische Agenda festzulegen, und die "großen Debatten ihrer Zeit abgewartet, bis klar schien, woher der Wind wehte". Ein "bewundernswerter" Umstand angesichts ihrer langen Amtszeit, urteilt das Blatt – und vermutlich ihr Erfolgsgeheimnis: Merkel sei oft im Hintergrund geblieben, sodass die Wähler:innen nie genug Anlass gehabt hätten, "sie satt zu haben".

Die meisten Wähler:innen scheinen zuzustimmen, dass es sowieso keinen großen Unterschied machen wird

Auch nach Merkels Amtsausscheiden dürfte Deutschland "moderat" regiert werden, glaubt "The Atlantic". Zwar gebe es, zumindest auf dem Papier, große Unterschiede zwischen den Anwärter:innen um ihre Nachfolge. "Aber trotz der offensichtlichen Unterschiede in ihrem Alter, ihrer Biografie und ihrer ideologischen Herkunft positionieren sich alle drei effektiv als Kräfte der Kontinuität." Das Ergebnis sei ein Wahlkampf, "der gleichzeitig auf den Kopf gestellt und seltsam langweilig war", so das Fazit. Obwohl die meisten Wähler:innen nicht wüssten, wer auf Merkel folge, "scheinen die meisten zuzustimmen, dass es sowieso keinen großen Unterschied machen wird." Aufbruchstimmung in Deutschland: Fehlanzeige.

Laschet kläfft, Scholz scholzt  

Hinter diesem Eindruck kann sich auch das US-Blatt "Foreign Policy" versammeln. Nach dem zweiten TV-Dreikampf (am 12. September in ARD und ZDF) zwischen den Kontrahent:innen im Kampf ums Kanzleramt kam das Blatt zu dem Schluss: "Deutschland hat drei Kanzlerkandidaten und keine Antworten".

Die Kandidat:innen hätten sich bei dem Triell derart "unbeholfen" präsentiert, dass es selbst eine Comedy-Sendung wie "Saturday Night Live" schwer hätte, die Veranstaltung durch den Kakao zu ziehen: Ein Großteil des Abends habe daraus bestanden, wie Baerbock "hilflos" das Gezanke zwischen Laschet und Scholz beobachtet habe. 

Charisma braucht man bei der diesjährigen Bundestagswahl nicht zu fürchten

"Um fair zu sein", schreibt das Blatt, sei das TV-Format in Deutschland nicht so eingeübt wie in den USA. Dennoch bleibt bei "Foreign Policy" der Eindruck hängen: "Charisma braucht man bei der diesjährigen Bundestagswahl nicht zu fürchten". 

So besitze Laschet zwar einen gewissen Charme, sei im Verlauf des Wahlkampfs aber "immer gemeiner und verzweifelter" geworden, als ihm die Kanzlerschaft zunehmend zu entgleiten drohte. Im TV-Triell sei er SPD-Mann Scholz mit dem "Selbstvertrauen eines Zwergspitz, der einen Pitbull ankläfft" angegangen.

Scholz hätte "mit seiner sturen Haltung der ruhigen Zuverlässigkeit am deutlichsten Merkel" geähnelt, habe die Angriffe von Laschet "geschickt gehandhabt". Versuche, ihn zu seiner Rolle in den Cum-Ex- und Wirecard-Skandalen zu befragen, habe er mit einem "ausgleichenden Ton" und Kaskade an Fachbegriffen vereitelt, die "seine 90-Sekunden-Antworten sofort wie die zweite Stunde eines ausgedehnten Vortrags über die Geschichte des Finanzwesens erscheinen ließen". Das habe ihn wohl im Vergleich zu Baerbocks "angenehmer Zurückhaltung" und Laschets "verzweifeltem, selbstsicherem Gekläffe" als die "ruhige Hand" erscheinen lassen, "die sich die Deutschen als Merkels Ersatz am meisten wünschen". 

Brutal boring

Auch für die "New York Times" scheint es spannender zu sein, die Druckerschwärze beim Trocknen zu beobachten, als das Ringen um Merkels Nachfolge. "Es ist Wahlsaison in Deutschland", erinnert die renommierte US-Zeitung (mit ironischem Unterton?) in ihrer Schlagzeile, "kein Charisma, bitte!". So sei das Ergebnis des Urnengangs "vielleicht spannend, aber die zwei führenden Kandidaten sind alles andere als das." 

In dem Artikel kommen zahlreiche Expert:innen zu Wort, die vor allem an SPD-Kandidat Olaf Scholz kein gutes Haar lassen. An dem Mann, der stoisch versuche, sich als "Merkel-Klon" zu profilieren, dem "langweiligsten Typen in dieser Wahl – vielleicht im ganzen Land." Olaf Scholz lasse es aufregend erscheinen, Wasser beim Kochen zuzusehen. "Aber Deutsche, heben politische Beobachter hervor, lieben langweilig", schreibt die Zeitung. 

Der führende Kandidat ist so langweilig, dass er mit einer Maschine verglichen wird

So sei eine mutige Zukunftsvision nie ein Wahlkampfschlager in Deutschland gewesen, erklärt das Blatt. Schon der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer habe mit dem Versprechen "Keine Experimente" geworben und gewonnen. Auch die berühmten Worte von SPD-Kanzler Helmut Schmidt werden in dem Artikel zitiert: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen."

Wird die Strategie der Zurückhaltung auch Scholz, den aktuellen Spitzenreiter in den Umfragen, zum Erfolg führen? Die Zeitung hält zum "Scholz-o-Mat" fast schon fasziniert fest: "Der führende Kandidat ist so langweilig, dass er mit einer Maschine verglichen wird." Was Merkel betreffe, so das Blatt, verkörpere sie vielleicht mehr als jede ihrer Vorgänger "die unverwechselbare politische Tradition Deutschlands des Wandels durch Konsens, indem sie drei ihrer vier Amtszeiten gemeinsam mit ihren traditionellen Gegnern" regierte. 

Danke, Merkel – und Obacht, Europa

Der britische "Guardian" stellt vor allem Merkels Verdienste in den Vordergrund und betont die Lücke, die sie nach 16 Jahren hinterlasse. Das Blatt nimmt "Abschied von einem Bollwerk liberaler Werte" in "turbulenten Zeiten", würdigt sie als dienstälteste und "einflussreichste europäische Anführerin des 21. Jahrhunderts". Inmitten eines wiederauflebenden Nationalismus und einer tiefen politischen Polarisierung im Westen sei sie "ein wichtiger Träger" für eine "einvernehmliche, regelbasierte Politik" in der Welt gewesen. Als Beispiel nennt der "Guardian" etwa Merkels Entscheidung, Deutschlands Grenzen 2015 für Flüchtlinge nicht zu schließen – womit sie eine "Großzügigkeit des Geistes und des Mitgefühls" gezeigt habe, "die alle westlichen Demokratien anstreben sollten."  

Einige Herausforderungen hätten von mehr Vorstellungskraft und Ehrgeiz profitieren können

Zwar merkt das Blatt ebenfalls an, dass ihre politischen Überzeugungen "schwer zu bestimmen waren" – ihre "gewisse Zweideutigkeit, Flexibilität und kalkulierte Fade" seien wahrscheinlich ihr Erfolgsgeheimnis. Doch: "Der bewusst zurückhaltende Stil funktionierte in vielen Krisen", bilanziert der "Guardian". "Einige Herausforderungen hätten jedoch von mehr Vorstellungskraft und strategischem Ehrgeiz profitieren können." Merkels Status als "eine der beeindruckendsten, geschicktesten und sichersten politischen Führerinnen der Neuzeit" stehe außer Frage. "Im 21. Jahrhundert kommt kein anderer in die Nähe." Ihre "beruhigend stabile und konstruktive Präsenz" werde der Politik des Westens fehlen. 

Nach Merkel wird die nachfolgende Koalition beweisen müssen, dass die Demokratie den großen Herausforderungen Europas gewachsen ist

Vor allem der Europäischen Union, wie der "Guardian" in einem anderen Artikel zu ihrem Abschied anmerkt. Die Schlagzeile: "Bei der Wahl in Deutschland steht das Schicksal der EU auf dem Spiel". Die Staatengemeinschaft sei auf starke Führungspersönlichkeiten und Regierungen angewiesen, die den oftmals trägen und langsamen Apparat am Laufen halten – und sich die Demokratie gegen Diktaturen und autoritäre Staaten behaupten kann. "Nach Merkel wird die nachfolgende Koalition beweisen müssen, dass die Demokratie den großen Herausforderungen Europas gewachsen ist", meint die Zeitung. Und befürchtet, dass es nach der Bundestagswahl zu zähen Koalitionsverhandlungen kommen könnte. Das Blatt ulkt, die dann kommissarische Bundeskanzlerin könne vielleicht doch noch – "lange, nachdem alle Nachrufe auf ihre 16-jährige Amtszeit veröffentlicht sind" –, die Neujahrsansprache 2022 halten. Natürlich in "einer ihrer bunten Jacken".

Wahlkampf zur Bundestagswahl: Angela Merkel und Armin Laschet in Stralsund ausgebuht

Sehen Sie im Video: Bei Wahlkampftermin in Stralsund – Merkel und Laschet werden ausgepfiffen.


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