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Wahlkampf-Endspurt Angezählt, aber nicht geschlagen: Warum Laschet das Ding noch drehen kann

Armin Laschet (CDU), Kanzlerkandidat der Union und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen
Armin Laschet (CDU), Kanzlerkandidat der Union und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen
© Nicolas Armer / DPA
Armin Laschets Chancen aufs Kanzleramt erscheinen mit Blick auf zurückliegende Patzer und aktuelle Prognosen schwindend gering. Dabei ist für den Kanzlerkandidaten der Union noch alles drin. 

Armin Laschet ist im Kampf ums Kanzleramt buchstäblich in den Ring gestiegen. Seinen Wahlkampfauftakt beging der Spitzenkandidat der Union in einem Jugend-Boxcamp in Frankfurt am Main. Er gab sich optimistisch, angriffslustig. Die Boxhandschuhe übergestülpt, teilte er sogar ein paar Schläge gegen einen Trainer aus. "Die CDU wird in diesem Wahlkampf kämpfen", kündigte Laschet an. Die Botschaft: Dieser Wahlkampf wird nicht mit Samthandschuhen geführt.

Wenige Wochen später, kurz vor der Bundestagswahl, scheint Laschet auf die Matte verwiesen. In allen TV-Dreikämpfen unterlag er gegen Hauptgegner Olaf Scholz von der SPD. Bei den Buchhaltern hat er keinen guten Stand, sämtliche Umfrageinstitute prognostizieren seine Niederlage. Und die eigene Entourage boxt schon aus, wer oder was für die Misere verantwortlich sein könnte.   

Der Kanzlerkandidat der Union erscheint sichtlich angezählt. Aber ist er auch schon k.o. gegangen?

Denn sie wissen nicht, wen sie wählen sollen

Noch ist für Laschet alles drin, ein Sieg nach Punkten möglich. Der Kandidat ringt in diesen Tagen um den Befreiungsschlag – etwa mit einem "Zukunftsteam", das die volle thematische Bandbreite der Union illustrieren soll, oder zuletzt einer "Agenda für gleichwertige Lebensverhältnisse", ein Strukturprogramm, das vor allem Wähler:innen aus Ostdeutschland an die Urnen bewegen soll. Seine Strategie: Unentschlossene Wähler:innen in seiner Ecke des Rings zu versammeln, einerseits, und die eigene Wählerschaft zu mobilisieren, anderseits. 

Denn noch immer wissen fast 40 Prozent der Wähler:innen nicht, ob sie wählen wollen und wenn, dann wen. Sie könnten letztlich den Ausschlag geben: Einer aktuellen Umfrage zufolge liegt die Union nur noch drei Prozentpunkte hinter der SPD, das Rennen ist knapp, jede kleinste Verschiebung könnte die Lage drehen – zumal der Vorsprung im Bereich der Fehlertoleranz liegt (mehr dazu lesen Sie hier).

Zudem könne Laschet womöglich aus einer "CDU-Reserve" schöpfen, wie Forsa-Chef Manfred Güllner zu "The Pioneer" sagte: Unter den Unentschlossenen würden sich auffällig viele Ex-Unions-Wähler befinden, die noch ansprechbar seien – wohingegen das SPD-Reservoir leergefischt erscheine.

Und so legen Laschet und seine Leute auf ihrem Stimmenfang kurz vor der Wahl vor allem zwei Köder aus, in der Annahme, dass potenzielle Wähler:innen kurz vor knapp noch anbeißen: Die angebliche Bedrohung durch ein Linksbündnis – und Bundeskanzlerin Merkel

Seit Wochen beschwört die Union das Szenario einer "linken Republik" (CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak), kramt die "roten Socken" aus der Mottenkiste hervor. Das Kalkül ist klar: Ein mögliches Bündnis von R2G (SPD, Grüne und Linke) in Verruf zu bringen, als Gefahr darzustellen – und das konservative Kernklientel dagegen zu mobilisieren.

Am Montag erklärte Laschet die Wahl daher erneut zu einer Richtungsentscheidung. Am Wahlsonntag komme es "auf mehr an als darauf, wer Platz eins und wer Platz zwei erringt", sagte er und modellierte die größtmögliche Fallhöhe. Die SPD sei "eine Gefahr für Wohlstand und Sicherheit", die auch als zweitplatzierte Kraft eine Regierung mit Grünen und Linken bilden wolle, wenn sich daraus eine Kanzlermehrheit ergebe.

Ein klarer Aufruf an die konservative Wählerschaft: Die Union braucht ein starkes Mandat, damit dieses Szenario nicht eintritt.  

Mahnung aus München

Was der Bundesrepublik anderenfalls blühen könnte, versuchte der Unionspolitiker mit einer indirekten Kritik an den TV-Dreikämpfen zu skizzieren. "Bürgerliche Positionen waren bei allen Triellen in der Minderheit", sagte Laschet der "Passauer Neuen Presse" und dem "Donaukurier". Im Land sei das anders, "die Menschen möchten nicht, dass ein Linksbündnis unser Land umkrempelt." Die Sendungen hätten den Wähler:innen vor Augen geführt, "welche Richtungsentscheidung vor ihnen liegt". Vor allem der letzte TV-Dreikampf habe bewiesen, "wie eng SPD und Grüne schon jetzt sind, und wie deckungsgleich viele ihrer Positionen mit der Linkspartei sind". Zumindest war eine bemerkenswerte rot-grüne Einigkeit nicht von der Hand zu weisen.

Das sorgt für Druck. Laschets einzig realistische Machtoption ist eine sogenannte Jamaika-Koalition (CDU/CSU, Grüne und FDP), die von der Union auch angeführt werden könnte, sollte sie hinter der SPD ins Ziel einlaufen – zumindest mit Blick aufs aktuelle Zahlenwerk. Ob die Rechnung auch praktisch aufgehen würde, liegt aber nicht zuletzt an den möglichen Koalitionspartnern.

Denn auch ein Ampelbündnis (SPD, Grüne, FDP) wäre den Prognosen nach möglich. Es wundert daher kaum, dass Laschet nun auch vehement vor dieser Option warnt: "Die FDP wäre in einer Ampel ständig vom Rauswurf bedroht – denn die Linken stünden sofort parat", sagte er den Zeitungen. Versehen mit einem freundlichen Reminder an den FDP-Parteichef, der wisse, "dass die Union ein verlässlicher Partner ist." Laschet führt in Nordrhein-Westfalen eine schwarz-gelbe Koalition an. 

Doch mit einem zweiten Platz bei der Bundestagswahl will sich die Schwesterpartei in jeden Fall nicht zufrieden geben. Nur wenn die Union vor der SPD liege, sagte CSU-Chef Markus Söder am Montag nach einer Vorstandssitzung, bestehe "die Chance, dann am Ende zu regieren". Zuvor hatte Landesgruppenchef Alexander Dobrindt im "Spiegel" betont, dass der Regierungsauftrag "an die stärkste Fraktion im Bundestag" gehe. "Für eine Regierung unter Führung einer zweitplatzierten Union fehlt mir gerade die Fantasie."

Zwei klare Ansagen an Spitzenkandidat Laschet – aber auch an die Wähler:innen, das Kreuz bei der Union zu machen.

Das Original

Auf den letzten Metern kann Laschet zudem auf Bundeskanzlerin Merkel hoffen, die nach ihrer bisherigen Wahlkampf-Unlust für Laschet in den Ring steigt. In Merkels Wahlkreis Stralsund wollen die beiden an diesem Dienstag gemeinsam auftreten, es folgen  Veranstaltungen in München (Freitag) und Aachen (Samstag), der Heimat des angezählten Spitzenkandidaten.

Die Bundeskanzlerin, die nach 16 Jahren im Amt nicht erneut kandidiert, wirft einen langen Schatten auf diesen Wahlkampf. Sie ist immer noch, und mit Abstand, die beliebteste Politikerin des Landes. Ihre Arbeit wird von den Wähler:innen hoch geschätzt. Folglich versuchten die Kandidat:innen, sich an die Rockschöße Merkels und ihrem politischen Erbe zu hängen – was aber bislang nur SPD-Mann Scholz geglückt ist.

Scholz machte die "Merkel-Raute", die SPD wirbt für ihn mit dem Slogan: "Er kann Kanzlerin". Die Union warf ihm unlängst "eine Art Erbschleicherei" vor. Im Endspurt sollen offenbar Bilder entstehen, die seine Inszenierung als würdigster Merkel-Erbe konterkarieren und die Wählerschaft animieren, das Original zu wählen – und nicht die angebliche Mogelpackung.   

Könnte der Kanzlerin-Bonus noch etwas drehen? Nicht ausgeschlossen. Auch, weil vergleichbare Schulterschlüsse in der Vergangenheit – wie die die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" erinnert –durchaus von Erfolg gekrönt waren. Sowohl für die Union (Konrad Adenauer und Ludwig Erhard) als auch für die SPD (Willy Brandt und Helmut Schmidt).

Für Laschet ist es jedenfalls zu früh, das Handtuch zu werfen. Der Kampf ums Kanzleramt ist noch nicht entschieden. Ob der Kanzlerkanidat der Union mit einem blauen Auge davon kommt, liegt aber an vielen Ungewissheiten. 


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