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"Hart aber fair" feiert 100. Sendung: "Vom Underdog zum Platzhirsch"

Am Mittwoch hat Frank Plasberg zum 100. Mal "Hart aber fair" im Ersten moderiert. Ein stern.de-Gespräch über Krawatten, Quoten, politische Charakterköpfe und den Kollegen Jauch.

Herr Plasberg, 100 Sendungen, super Quoten, man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist, oder?
Gute Idee. Aber dann müsste ich ja frustriert sein. Bin ich nicht.

Haben Sie 2007, als Sie ins Erste wechselten, geahnt, dass Sie einen solchen Lauf haben werden?
Nein. Und wenn ich es gewusst hätte, wäre ich vermutlich Amok gelaufen. Wissen Sie, es gab da mal einen ARD-Programmdirektor

... nennen wir ihn Günter Struve, den inzwischen ausgeschiedenen Zeremonienmeister der ARD, ....
der sagte auf dem Weg zur Pressekonferenz, bei der "Hart aber fair" vorgestellt wurde, zu einem Kollegen: Tolle Sendung für das Dritte Programm, wird im Ersten nur einstellige Quoten haben, das hat sich bald erledigt.

Inzwischen haben Sie in den Quoten sogar "Anne Will" überrundet.
Knapp, ja: Vom Underdog zum Platzhirschen, das hat schon was. Zumal für einen wie mich, der nicht auf der Sänfte von Sendung zu Sendung getragen wurde. Wir haben das gemacht, was viele gefordert haben, aber an das kaum einer geglaubt hat: eine erfolgreiche Eigenentwicklung aus dem ARD-Labor. "Hart aber fair" gab's ja seit 2001 im WDR-Fernsehen.

Den Oskar der ARD-Information, den Sendeplatz am Sonntagabend, haben Sie trotzdem nicht bekommen. Der ging an Günther Jauch, der 2011 Anne Will ablösen wird. Sind Sie so viel schlechter als Jauch?
Schlechter? Weiß ich nicht. Aber Jauch hat einen Mehrwert. Ich polarisiere viel stärker als er,. Jauch hingegen ist Sender und Zuschauer übergreifend beliebt, ohne beliebig zu sein. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Deswegen verstehe ich die ARD, dass sie ihn holt. Gut, dass er an Bord ist.

Sie polarisieren?
Schon. Ich bin nicht Jörg Pilawa. Ich bekomme das häufiger in Zuschauermails zu lesen: "Oberlehrer", oder auch: "arrogant". Aber das ist in Ordnung. Andere nennen es gut vorbereitet oder selbstbewusst. Ich habe jedenfalls nie versucht, anders zu sein, als ich bin.

Gleichwohl sieht es so aus, als würden Sie Jauch nacheifern. Auch Sie haben ihr Sortiment erweitert und moderieren Quizshows. Wie verstehen Sie sich eigentlich: als Journalist, Dompteur oder Geschäftsmann?
Das Etikett ist mir nicht mehr so wichtig. Ich bin 53 Jahre, es stehen 100 Sendungen "Hart aber fair" da, ich leiste mir den Luxus, das zu tun, was mir Spaß macht. Und das andere nicht.

Gerüchte besagen, Sie würden von Jauch ‚stern TV' übernehmen und sich dann medial ganz neu sortieren. Was ist dran?
Da ist gar nichts dran.

Was hätten Sie im Rückblick lieber nicht gemacht?
Das Kanzlerduell 2009, ganz klar. Was sollte das? Vier Moderatoren, unzählige Kamerateams, zwei Politiker, die gerade in der Großen Koalition zusammenarbeiten und deshalb nicht streiten wollen.

Sie sind ohne Krawatte aufgetreten und haben damit kokettiert, der hemdsärmelige Normalo zu sein.
So ein Quatsch! Selbst Uli Wickert hat mir das unterstellt. Was wäre denn passiert, hätte ich eine Krawatte angehabt? Vier Millionen ‚Hart aber Fair'-Zuschauer, vor denen ich nie Krawatte trage, hätten sich verarscht gefühlt und gedacht: Aha, Mittwoch ist nur Spaß, jetzt ist wichtig.

Haben Sie Verständnis für Steffen Seibert, der gerade vom ZDF ins Amt des Regierungssprecher gewechselt hat? Wäre das etwas, was Ihnen Spaß macht?
Ich beneide Seibert um den Schlüssellochblick, den er jetzt hat. Neugier ist eine große Antriebsfeder für Journalisten. Ich rede seit 20 Jahren über Politik, er ist jetzt mittendrin. Aber wenn ich das machen würde, müsste man die Bundeswehr aufrüsten, denn wir hätten in 14 Tagen einen Auslandskonflikt, weil ich ein paar undiplomatische Sätze gesagt habe.

Kann einer wie Seibert einfach wieder zurück zum ZDF ohne in Quarantäne gesteckt zu werden?
Nein, glaube ich nicht. Rückkehrrecht ist okay, aber nach drei Jahren Kanzlerin verkaufen sich wieder ins "heute-Journal" setzen und sagen: Guten Abend meine Damen und Herren - das geht nicht. Das weiß Seibert auch.

Wenn Sie die Wahl hätten zwischen Franz Josef Strauß und Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, wen hätten Sie lieber in der Sendung?
Nichts gegen Pofalla, das ist ein echter Afficionado, Sie dürfen seinen rheinischen Singsang nicht mit Profillosigkeit verwechseln. Ein guter Gast, einer, der sich immer einlässt und reinschmeißt. Aber klar: Strauß hätte ich schon gerne gehabt.

Fehlt der Politikertyp, der mehr klare Kante zeigt?
Das ist ein Klischee. Nehmen Sie Karl Lauterbach. Ein Professorentitel, zwei Doktortitel, er könnte als Gesundheitsökonom viel Geld in der Wirtschaft verdienen. Aber der Mann ist "positiv bekloppt", wie wir im Rheinland sagen. Er hat den Wahlkreis Köln Nord-Leverkusen, das ist noch richtig SPD-Ursuppe mit Polyester-Pullover und allem drum und dran. Da hat Lauterbach Plakate geklebt und den Kreis schon zwei Mal gewonnen. Weil er sich politisch einmischen will. Nachfolgende Journalistengenerationen werden sagen: Mann, der Lauterbach, das war noch ein Typ. Und in anderen Parteien gibt es diese Typen auch.

Als Typ wird Helmut Schmidt gesehen.
Ja, es gibt diese Sehnsucht nach starken Autoritäten und das sind häufig Ältere. Schmidt, Kurt Biedenkopf, Klaus von Dohnanyi, Jochen Vogel. Wenn einer von denen in der Sendung sitzt, ist die Bedeutungs-Skala auf Anschlag. Man merkt auch, dass man Wert darauf legt, dass der nicht rausgeht und sagt: Das war alles Mist.

Empfinden wir politische Charakterköpfe vielleicht deswegen nicht als solche, weil die Medien viel höher getaktet sind als die Politik Ergebnisse liefern kann?
Ja. Trotzdem ist das politische Interesse bei den Zuschauer groß. Die Quoten für alle politischen Talkshows, ob Maybrit Illner, Anne Will oder Sandra Maischberger sind gut.

Gibt es einen Gast, den Sie nicht einladen würden?
Das ließe sich jetzt politisch korrekt mit ein paar Namen beantworten. Aber im Grundsatz: nein. Wir hatten mal die Sendung über Scientology, das war journalistisch heikel, auch der Scientology-Sprecher war eingeladen, und es durfte keinesfalls wie ein Tribunal aussehen Kurz vor Start erfuhr ich, dass mein Touchscreen kaputt ist, ich also die Einspielfilme nicht in beliebiger Reihenfolge abfahren konnte. Da habe ich schon weiche Knie bekommen. Das ist, als würden Sie mit leeren Sauerstoffflaschen tauchen gehen.

Es ist trotzdem gelungen. Die Scientology-Sendung lief auch quotenmäßig sehr gut.
7,5 Millionen, 28,3 Prozent Marktanteil. Dass uns das gelungen ist, hat mich darin bestärkt, was zu wagen. Aber es gibt einen Gast, der nie gekommen ist, obwohl wir ihn gerne hätten: Kardinal Joachim Meissner. Liegt's an ihm, liegt es an uns, liegt es an meinem evangelischen Kirchenstatus? Ich weiß es nicht.

Sie sind schon wieder mitten in Planung - also noch 200 Sendungen?
200? Ich peile erstmal die Hundertste an.

P.S.: "Hart aber fair" - wie stehen Sie zu Plasberg und seiner Sendung? Diskutieren Sie mit uns auf Facebook!

Lutz Kinkel