Abschied des Arbeitsministers Auf Wiedersehen, Herr Müntefering


Franz Müntefering tritt offiziell ab, als Arbeitsminister und als Vizekanzler. Die Entscheidung ist ihm nicht leicht gefallen. Aber es gab etwas Wichtigeres als die Ämter: die Liebe zu seiner kranken Frau. Ein Bericht von einem Abschiedsbesuch bei einem blassen, aber gelassenen Vizekanzler.
Von Andreas Hoidn-Borchers

Oberflächlich betrachtet ist es fast wie immer, wenn man Franz Müntefering in seinem Ministerbüro in der Berliner Wilhelmstraße besucht - nur dass nichts mehr so ist wie immer. Müntefering sitzt auf dem Stuhl am Besprechungstisch, an dem er immer sitzt, wenn Besucher kommen mit dem Rücken zum Schreibtisch, die Tür zum Sekretariat im Blick. Keine Zigarillos, das Ministerium ist rauchfreie Zone.

Normalerweise schüttet er tagsüber kannenweise Tee in sich hinein; jetzt trinkt er Kaffee. Je stärker er unter Strom steht, desto mehr Zucker braucht er; heute rührt er nur zwei Würfel in die Tasse. Ab und an kniebelt er an seinen Mephisto-Brauen herum, insgesamt jedoch wirkt er sehr ruhig. Blass, aber erstaunlich gelassen. Wie kommt das, Herr Müntefering? "Ich bin mit mir im Reinen", antwortet er. "Ich habe einen Großteil dessen, was ich wollte, erreicht."

Er hat schon angefangen aufzuräumen

Es ist sein vorletzter Tag in diesem Ministerium für Arbeit und Soziales, das er sich ausgesucht und zu einer Art SPD-Nebenkanzleramt ausgebaut hatte und das er nun - man darf, ja muss das so pathetisch schreiben - aus Liebe zu seiner kranken Frau verlässt. Das abrupte, überraschende Ende einer an überraschenden Wendungen reichen Politikerlaufbahn. "Ich werde mich der Aufgabe zuwenden, die jetzt meine wichtigste ist", hat er seinen Rücktritt am Dienstag voriger Woche begründet.

Er hat schon angefangen aufzuräumen. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Aktenmappen, das gerahmte Schwarzweiß-Foto von Ankepetra Müntefering ist deshalb auf das Sideboard gewandert, schräg darüber hängt ein großes Szenenbild von Charlie Chaplin aus "Goldrausch", wie er seinen Schuh verspeist.

Eine Arbeitshöhle für Kinder

Es ist eher eine gemütliche Arbeitshöhle, die Müntefering in Berlin bewohnt hat, so gar nicht dem karstig-kargen Image des Dienstherrn entsprechend. Viel Nippes, seine Eulensammlung, etliche Fußbälle, ein großer Spielzeug-Transporter, vorwiegend bunte, fröhliche Drucke und Gemälde an den Wänden - hier könnten es auch Kinder aushalten.

Müntefering steht auf und holt einen kleinen Stapel Papier, seine Redemanuskript-Sammlung. Auf Briefkuvertformat gefaltete Din A4-Blätter, Einladungskarten, Ablaufpläne, auf die er in seiner zackigen Schrift Stichworte und einzelne Sätze notiert hat. Mehr brauchte er meist nicht. Obenauf das Blatt für seine letzte große Rede, auf dem SPD-Parteitag. "Hamburg", hat er unten rechts festgehalten, und das Datum: 27. X. 2007. Das letzte Stichwort daneben lautete: "Onkel".

Sie entscheiden gemeinsam, was das Beste ist

Mit der Paraphrase eines Zitats des "Onkels", des einstigen SPD-Fraktionschefs Herbert Wehner, hatte er die Genossen in Hamburg zum Schluss von den Stühlen gerissen: "Ich wollte euch heute nur sagen, es ist noch etwas da, ich bin noch nicht ausgetrocknet." Er war zufrieden. Er hatte noch einmal bewiesen, was er drauf hat, dass mit ihm zu rechnen ist. Dass er sich nicht unterkriegen lässt. Von Merkel nicht, von Beck erst recht nicht, von niemandem. Zwei Tage später spielte das alles keine Rolle mehr.

Zwei Tage später erfuhr Franz Müntefering, dass der verfluchte Krebs seine Frau nicht aus dem Griff lässt, dass er weiter streut und eine erneute Operation notwendig wird, die fünfte seit 2002, diesmal am Kopf. Er sagte alle Termine ab, sogar die sonntägliche Runde im Kanzleramt, um in Bonn zu bleiben und der 61-Jährigen beizustehen nach dem Eingriff in der Klinik oben auf dem Venusberg. Danach war klar, dass sie ihn brauchen würde, viel mehr noch als bisher. Und die beiden entschieden gemeinsam, dass es so wie bisher nicht mehr geht, dass es besser ist, wenn Franz Müntefering als Minister und Vizekanzler zurücktritt. "Wir besprechen immer miteinander, was für uns das Beste ist."

Organisieren, polarisieren, wahlkämpfen

2002, nach der ersten langen schwierigen Phase der Krankheit, da ging es noch, irgendwie. Da übernachtete Franz Müntefering, der damals SPD-Generalsekretär war, oft in der Berliner Charité, wachte am Bett und ging danach wieder in sein Büro, organisieren, polarisieren, wahlkämpfen. Es war eine irre Zeit. Es zehrte an seinen Kräften, aber es ging, es ging auch noch, als Ankepetra Müntefering in der Reha in Buckow war. Da sah man sie manchmal Arm in Arm durch den Park spazieren.

Damals schon haben sie überlegt, ob es sinnvoll ist, dass Franz Müntefering weitermacht mit der Politik - aber ein Leben ohne Arbeit mochten sie sich beide nicht vorstellen. Auch sie hat nach ihrer Genesung wieder da weitergemacht, wo sie aufgehört hatte: im Bundestag, im Büro des Geschäftsführers der SPD-Fraktion.

Müntefering ließ sich nichts anmerken

Dreieinhalb Jahre gab die Krankheit danach Ruhe. Im Mai 2006 brach sie wieder auf. Es begann ein fast ununterbrochener Kreislauf von Operation, Reha, Chemotherapie. Wieder ließ Franz Müntefering sich nichts anmerken. Wer ihn genauer kannte und beobachtete, bemerkte allerdings, wie er gelegentlich bei Veranstaltungen extrem gespannt die Hände knetete, während oben routiniert Münte-Sprech aus dem Mund strömte. Mit seiner Professionalität konnte er vieles überdecken. "Aber irgendwann", sagt er, "kommt die Stelle, wo man sich fragt: Geht das noch so?" Die Stelle war vorige Woche erreicht. Und die Antwort lautete: Nein. Die Entscheidung aufzuhören, sagt er, sei ihm nicht leicht gefallen. Dann holt er tief Luft. "Aber sie ist eindeutig und klar und sie ist richtig."

Am Sonntag informierte er zunächst seinen Vertrauten Kajo Wasserhövel. Am Montag, noch vor der nächsten Koalitionsrunde, dann Kurt Beck und Peter Struck. Sonst niemanden. Danach pokerte Müntefering, der Profi, um den Mindestlohn, als drehte sich seine Welt mit der üblichen Geschwindigkeit. Keiner merkte ihm etwas an, auch nicht beim Rotwein danach. Die Kanzlerin informierte es erst am Dienstagmorgen. Bei einem Treffen mit dem Aga Khan reichte ihr die Sekretärin einen Zettel hinein: Der Vizekanzler bitte um ein persönliches Treffen. Gegen 10 Uhr eröffnete Müntefering Angela Merkel, dass er zurücktreten werde - und warum. 20 Minuten dauerte das Gespräch, von dem die Kanzlerin später im kleinen Kreis sagte, es sei "unendlich traurig" gewesen.

"Ich will mich kümmern"

Sie hatte Müntefering gefragt, was bereits Beck am Abend zuvor gefragt hatte; Ob es nicht anders ginge, ob man ihn entlasten könne? Müntefering sagte: Nein! Mit Ausrufezeichen. "Ich will mich kümmern." Sonntags aus Bonn wegfliegen und samstags wiederkommen, das wolle er in dieser Situation nicht. Minister könne man aber nicht als Nebenjob machen oder vom Rande eines Krankenbettes aus, auch nicht zeitweilig. Was, wenn es seiner Frau plötzlich schlecht ginge und er weg müsse, für Stunden, für Tage? Was dann? Nein, er hatte sich entschieden, zusammen mit ihr. Und wenn er etwas für richtig hält, dann zieht er es durch - als Politiker wie als Privatmensch.

Hätte jeder so gehandelt wie Sie, Herr Müntefering? "Ich nehme nicht für mich in Anspruch, dass es die einzig mögliche Entscheidung war", sagt er. "Aber für meine Frau und mich war es die einzig richtige." Im Sommer sind sie von Berlin, aus der Platte in Mitte, "inmitten des Getümmels", nach Bonn gezogen. Dort wohnen Ankepetra Münteferings Kinder aus erster Ehe, eine Tochter, ein Sohn, angehender Arzt. Dort haben sie sich vor Jahren ein Haus gekauft. Nach 2009 wollte Müntefering aufhören mit der Politik, wahrscheinlich jedenfalls. Der Umzug war der Einstieg in den Ausstieg. Dass er so rasch kommen würde, war nicht geplant.

Kein Umarmer und Betüteler

Natürlich hätte es andere Lösungen gegeben, die beiden hätten Pflegekräfte engagieren können; sie könnten es sich finanziell leisten. Moralisch wollte er es sich nicht leisten. Soweit man das beurteilen kann als Außenstehender, liebt Müntefering ("Ich war meistens ein Alleiner") seine Frau sehr und innig. Sie ist der Mensch, den er an sich heran lässt. Man muss nur einmal die Bilder betrachten, die es von den beiden gibt, vom Bundespresseball zum Beispiel. Da himmeln sich die beiden an wie verliebte Teenager, turteln und busseln, und Münteferings Gesicht, das Gesicht dieses karstig-kargen Kerls zerfließt plötzlich und wird ganz weich.

Er ist kein Umarmer und Betüteler. Bei ihr aber lässt er Nähe zu, auch öffentlich. Früher, vor dem Krebs, hat sie ihn oft begleitet zu irgendwelchen Veranstaltungen. Da konnte man samstags irgendwo Jottwede in der westfälischen Pampa auf einen Auftritt des SPD-Politikers warten - und aus dem Auto stiegen beide Münteferings, sie und er. "Wenn ich in öffentlichen Versammlungen bin und sie ist dabei, dann kommt sie nahe, weil sie sich dazwischen werfen will, falls mich einer angreift. Sie macht mich sicherer."

Franz Müntefering ist auch ein Absoluter

Was ist für Sie Liebe, hat der stern Franz Müntefering 2004 gefragt. "Volles Vertrauen", hat er geantwortet. "Sich absolut aufeinander verlassen, den anderen tragen. Die Sicherheit: Wenn es ganz schwer wird oder man einen Fehler gemacht hat, ist da jemand, der zu einem hält. Bereit sein, sich absolut füreinander einzusetzen." Und wer liebt Sie?"Meine Frau, da bin ich sicher." Sich absolut aufeinander verlassen, den anderen tragen, sich absolut füreinander einsetzen - das ist sind die Schlüsselsätze, die erklären, was wirklich wichtig ist im Leben für Franz Müntefering. Privat mehr noch als in der Politik. Sie sind der Schlüssel, seinen Rücktritt zu verstehen. Absolut. Franz Müntefering ist auch ein Absoluter.

Es gibt in Berlin einige, die ihm unterstellen, die Krankheit seiner Frau nur zum Anlass genommen zu haben, sich einen guten Abgang zu verschaffen, nachdem ihn Beck mit dem Arbeitslosengeld und Merkel mit dem Mindestlohn vorgeführt haben. Also, wie ist das, Herr Müntefering, hätten sie vor einem Jahr genauso gehandelt, als es ihnen politisch noch besser ging? Ja, sagt er. "Ich hätte die Entscheidung genauso getroffen."

Einige Rechnungen sind noch offen

Er hat sich aber den Rückweg nicht abgeschnitten, behält wenigstens sein Mandat als Bundestagsabgeordneter - weil es ja, wie er ausdrücklich betont, "nicht um Abschied und Ausstieg geht". Wenn alles, falls alles ausgestanden ist und seine Kraft dann noch reicht, will er wieder ein wenig mitmischen in Berlin. Er lässt ja einige Rechnungen offen zurück. Mit der Kanzlerin, von der er sich beim Mindestlohn so genasführt fühlt: "Es ist mir lieber, jemand sagt mir, wir machen das nicht, als diese Versuche, einen auszutricksen und auszukurven." Und, natürlich, mit Kurt Beck.

Aber das sagt er selbstverständlich nicht so, er sagt zum Thema Arbeitslosengeld I nur: "Ich glaube, dass ich Recht behalte dabei." Und dass er sich sorge, "wenn sich die SPD verengt auf halblinks". Dann "hat sie nicht mehr die ganze Breite des Spielfelds zur Verfügung. Dann lässt sie der CDU Raum. Die werden dann mehr in der Mitte fischen können." Wohl schon bei den Landtagswahlen Anfang kommenden Jahres. Und dann? Ist Becks Trickkiste vermutlich leer. Und dann? Tja. Er, Müntefering, hat jedenfalls getan, was er konnte. "Wir sind ja in einer ganz guten Entwicklung", sagt er und verweist auf den Arbeitsmarkt, auf die guten Daten im Allgemeinen und die gestiegenen Beschäftigungschancen für Ältere im Besonderen.

Der Aufstieg war langsam, aber stetig

So setzt er noch mal ein paar Duftmarken, die dem SPD-Chef schwer stinken werden. Müntes Agenda und Vermächtnis. Es ist das - vorläufige? - Ende einer der ungewöhnlichsten Karrieren in der deutschen Nachkriegspolitik. Acht Jahre Volksschule, Vater Kriegsheimkehrer, Lehre und Arbeit als Industriekaufmann, Selfmade-Bildung über Lesen, lesen, lesen. Er kann Brecht zitieren wie Ingeborg Bachmann, strophenweise. Sein Aufstieg vollzog sich langsam, aber stetig: Bundestagsabgeordneter, Fraktionsgeschäftsführer, Landesminister in NRW, SPD-Bundesgeschäftsführer, Bundesverkehrsminister, SPD-Generalsekretär, Fraktionschef, SPD-Vorsitzender, Vizekanzler. Er war vieles - und vieles nur kurz.

Wenn Sie nun einen Strich drunter machen, was bleibt als Bilanz, Herr Müntefering? "Politik machen lohnt sich. Gestalten geht." Das ist banal! "Aber ich mache jetzt noch keinen Strich drunter." Jetzt geht er erst einmal nach Hause und kümmert sich um seine Frau. Vielleicht ist das ja der ungewöhnlichste Schritt in seiner ungewöhnlichen Politikerkarriere. Auf jeden Fall ist es der menschlichste. Auf dem halbhohen Schränkchen in seinem Büro stehen noch ein paar Bücher, die bald eingepackt werden. Schröders Erinnerungen an Rotgrün. Ein Bildband über Johannes Rau. 2009 wird vielleicht ein neuer Bundespräsident gesucht. Bislang hatte die SPD noch keinen Kandidaten. Aber man wüsste da schon jemanden... Auf Wiedersehen, Herr Müntefering.


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