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Adoptionsrecht für Homo-Paare Merkel und ihr Widersacher


Patrick Pronk fragte die Kanzlerin in der ARD-Wahlkampfarena, wie sie zu einem Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare stehe. Sie lehnte ab. Und hinterließ Bitterkeit.
Von Birgit Haas

Patrick Pronk wünscht sich ein Kind. Er lebt in einem Einfamilienhaus im niedersächsischen Worpswede und hat einen guten Job als Manager. Seine Beziehung hält seit zehn Jahren, er hat Patenkinder und viele Freunde. Ein perfektes Nest für eigenen Nachwuchs. Aber sein Wunsch kann nicht in Erfüllung gehen. Weil Pronk mit einem Mann zusammenlebt. Und weil das deutsche Recht eine gemeinsame Adoption verbietet. Das verletzt ihn. "Dass mir ein solcher Lebensinhalt von der Politik verboten wird, kann ich nicht akzeptieren", sagt der 36-Jährige zu stern.de.

Pronk nahm sich deshalb vor, die Kanzlerin mit dieser Ungerechtigkeit zu konfrontieren. "Ich habe dazu noch nie eine klare Meinung von Merkel gehört", sagt er. Am Montagabend hatte er Gelegenheit, das zu ändern. Pronk gehörte zu den 150 ausgewählten Gästen, die der Kanzlerin in der ARD-Wahlarena Fragen stellen konnten. Für Angela Merkel lief es zunächst bestens, es gab keine Situation, die sie nicht locker hätte parieren können. Aber kurz vor der 60. Sendeminute kam Pronk an die Reihe. Und wollte wissen, warum die Bundesregierung kein Gesetz einreiche, das gleichgeschlechtlichen Paaren eine Adoption ermöglicht. Darauf war Merkel nicht vorbereitet.

Merkel auf dem Glatteis

Die Frage führte Merkel aufs Glatteis. Sie schlingerte. Es gehe ja um das Kindswohl und sie tue sich insgesamt schwer damit, sagte Merkel. "Es kann auch sein, dass sich das durch die gesamte gesellschaftliche Entwicklung und die Rechtsprechung bald entwickelt", sagte sie in Anspielung auf die einschlägigen Urteile des Bundesverfassungsgerichts. Gleichwohl blieb sie dabei: "Ich persönlich werde jedenfalls nicht selber einen Gesetzentwurf einbringen für die komplette Gleichstellung bei der Adoption." Auf Pronks mehrfache Nachfrage "Warum?" blieb sie eine Antwort schuldig. Sekunden später ergoss sich eine Welle wütender Kommentare über Twitter.

Das "Warum?" ist für Merkel auch kaum aufrichtig zu beantworten. Denn ihr Nein zur Adoption in gleichgeschlechtlichen Beziehungen ist nichts weiter als ein Zugeständnis an die Konservativen in der Union. Deren Nerven hatte sie in den vergangenen Jahren reichlich strapaziert - mit der Energiewende, dem Wegfall der Wehrpflicht, zuletzt mit der Frauenquote. Nun kann sie nicht auch noch die Restbestände des konservativen Familienbilds zur Disposition stellen. Nicht im Wahlkampf. Die Kanzlerin muss die Partei jetzt hinter sich versammeln.

Andererseits, und das weiß Merkel auch, ist das Familienbild der CDU antiquiert. Sie räumte ein, dass ihre Meinung zum Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare "manch einem etwas veraltet daherkommen" könnte. Aber diese Einsicht führte zu nichts. Sie ließ das Publikum einfach mit ihrer persönlichen Unsicherheit und Orientierungslosigkeit alleine. "Mich hat überrascht, dass sie sich klar dagegen ausgesprochen hat, aber das nicht begründen konnte", sagt Patrick Pronk.

Das Wohl des Kindes

Wie emotionsgeladen die Debatte ist, gerade auch in der Union, ist bekannt. "Wir treffen in der Partei eher auf ablehnende Wertvorstellungen als auf wirkliche Gegenargumente", sagt Stefan Löwer, Sprecher der Lesben und Schwulen der Union (LSU), zu stern.de. Die Mehrheit der CDU-Mitglieder sei immer noch gegen eine Gleichstellung, wenn es um Kinder ginge. Die Wähler seien da bereits weiter. Eine Emnid-Umfrage ergab im vergangenen Jahr, dass 72 Prozent der Unionsanhänger das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare befürworten. Und der Koalitionspartner FDP spricht sich für eine hundertprozentige Gleichstellung aus, wie FDP-Generalsekretär Patrick Döring am Dienstag nochmals auf Twitter betonte.

Was Pronk im Nachhinein am meisten ärgert, ist die Unterstellung, dass das Wohl des Kindes beschädigt werden könnte, wenn es zwei Mütter oder zwei Väter habe. "Das ist Diskriminierung. Ich sehe keine Gefährdung ", sagt er. Der Vorwurf unterstelle, dass homosexuelle Paare anders lebten als heterosexuelle. "Dabei wird in Deutschland jede zweite Ehe geschieden. Es gibt zwar Patchworkfamilien, die ganz wunderbar funktionieren, aber am Anfang müssen die Kinder immer eine Trennung verkraften. Wer sorgt sich dabei um das Kindswohl?", fragt er. Das Wichtigste sei doch, dass ein Kind Liebe und Werte erfahre. Auch eine zu starke männliche Prägung durch zwei Väter sei kein Argument. Eine Familie bestünde nicht nur aus Eltern und Kind, da gebe es Tanten und Großmütter.

Diskriminierung in der Schule?

Die Wissenschaft stützt diese Ansicht. Eine Studie des Familienministeriums aus dem Jahr 2009 belegt, dass Kinder gleichgeschlechtlicher Paare toleranter und aufgeschlossener sind. Und von der sozialen Herkunft profitieren, denn die meisten Paare mit Kinderwunsch kämen aus der Mittelschicht, was sich zum Beispiel auf die Bildung auswirkt. Und was ist mit Hänseleien auf dem Schulhof? "Insgesamt ist es so, dass alle Kinder immer vielfältiger in ihren Lebensläufen werden", sagt Constanze Körner vom Lesben- und Schwulenverband. Von Diskriminierungen in der Schule hat die Leiterin einer Berliner Beratungsstelle für Regenbogenfamilien schon lange nichts mehr gehört.

Pronk wird wohl kein Kind mehr bekommen. Bald, so meint er, sei er über das Alter hinaus. Deshalb habe es auch nicht geholfen, dass Merkel nach der Sendung ihr Bedauern ausgedrückt habe, weil sie ihm keine andere Antwort geben konnte. Pronk will sich trotzdem weiter für das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare einsetzen. Eine andere Möglichkeit, wie etwa die "Mehrelternschaft" - die Verbindung von einem schwulen mit einem lesbischen Paar zwecks Zeugung - oder eine Adoption als Einzelperson kommen für ihn nicht in Frage. Auch ein Pflegekind will er nicht. "Da würde ich die Trennung nicht verkraften."

Die Urteile des BVG

Rückenwind bekamen gleichgeschlechtliche Paare in den vergangenen vier Jahren vor allem vom Bundesverfassungsgericht. In mehreren Urteilen ordnete das Gericht die schrittweise Gleichstellung homosexueller Paare förmlich an. Aktuell laufen dort auch zwei Verfahren zur Adoption in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Bleibt das Gericht seiner Linie treu, wird sich Merkel irgendwann abermals hinter einem Urteil verstecken können. Weil die Union dann gezwungen ist, ihre Position zu ändern. Das ist alles, worauf Pronk derzeit hoffen kann.

Birgit Haas

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