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Interview

Partei-Aussteiger: Ex-Bundesvorstand Steffen Königer: "Es gibt in der AfD Menschen, die wähnen sich im Krieg"

Er schaffte es in den AfD-Bundesvorstand – und hat nun die Partei verlassen. Im Interview mit dem stern spricht der Landtagsabgeordnete Steffen Königer über "Endzeitstimmung", Björn Höcke und das Problem, Mitarbeiter zu finden.

Aus Protest gegen die verbale Radikalisierung in der AfD verlässt das Bundesvorstandsmitglied Steffen Königer die Partei

Aus Protest gegen die verbale Radikalisierung in der AfD verlässt das Bundesvorstandsmitglied Steffen Königer die Partei

Herr Königer, nach fünfeinhalb Jahren in der AfD, als Aufbauhelfer, dann Landtagsabgeordneter in Brandenburg und zuletzt auch mit Sitz im Bundesvorstand – in welcher Stimmung haben Sie Ihre Partei verlassen?

In dem Gefühl, dass eine Last von mir fällt. Und fröhlicher als nach einer Scheidung. Dennoch spüre ich auch Trennungsschmerzen.

Wollen Sie Politiker bleiben?

Das wird sich zeigen. Ich erfülle jetzt noch mein Mandat im Landtag von Brandenburg, bis zur Wahl im September 2019. Ansonsten trete ich im Augenblick keiner anderen Partei bei.

Sie haben ja schon ein paar Dinge gemacht in Ihrem Leben. Haben Sie Angst, dass es schwierig wird nach der AfD-Karriere?

Überhaupt nicht. Es ging immer weiter bei mir. In der DDR habe ich eine Ausbildung zum Facharbeiter für Plaste- und Elasteverarbeitung begonnen, der Abschluss im vereinten Deutschland hieß dann Vulkaniseur. Später habe ich unter anderem Politik studiert und hätte Mitte der neunziger Jahre auch fast mal das Windsurfen zum Beruf gemacht. Ich war vier Jahre lang Redakteur bei der "Jungen Freiheit" und danach bis zum Einzug in den Landtag Handwerker mit eigener Firma.

Ihr Austritt kam für die meisten überraschend. Leute wie Sie gelten in der AfD schnell als Verräter. Gab es Ärger zum Abschied?

Naja, einen Shitstorm hatte ich mir nach AfD-Logik natürlich schon verdient. Verräter gehören an die Laterne, hat mir einer geschrieben. Aber es gibt auch positive Reaktionen, vor allem von Leuten, die meinen Weg schon gegangen sind und sogar von Mitgliedern, die noch weiter in der Partei auf ein Wunder hoffen.

Wer weiterhin Mitglied der AfD ist...

...für den bin ich jetzt etwas toxisch. Königer-Kumpel, das kann man jetzt nicht so gut bringen in der Partei. Das ist ein Punkt, der mir wichtig ist: der Hass auf alles, was nicht komplett auf Linie ist. "Unsere Partei schwitzt Stück für Stück die schädlichen Partikel aus", schrieb auf Twitter Siegbert Dröhse über mich. Sie wissen schon, das ist der Bundestagsabgeordnete, von dem es Fotos gibt, wie er sich vor dem Hitlerbunker Wolfsschanze die Hand aufs Herz legt. Schädliche Partikel. In Augen von solchen Leuten ist schädlich, wer nicht blind folgt.

Kennen Sie Dröhse?

Ich bin ihm mal begegnet, aber nicht näher. Hatte auch nie Wert drauf gelegt.

Warum geht Ihre jetzt ehemalige Partei nicht souveräner mit Abgängen um?

Sie dürfen nicht vergessen, es gibt in der AfD Menschen, die glauben, dass Deutschland regelrecht kaputt geht. Die wähnen sich im Krieg, haben Endzeitstimmung. Zweifel darf es nicht geben, nicht an dem Weg, denen ihnen ihr Idol weist. Das ist dann eben für sie Verrat. Da sind wir beim Sektenartigen. Ich denke, in Sekten ist es genauso.

Mit dem Idol meinen Sie Björn Höcke?

Ja, und Höcke befördert den Personenkult auch selbst. Ich kann mich an den Bundesparteitag in Stuttgart erinnern, 2016, Höcke kam deutlich zu spät. Mit einem kleinen Pulk von Begleitern schritt er demonstrativ durch den Mittelgang der Halle. Damals standen alerdings nur hier und da Mitglieder auf, um ihm zu huldigen.

Sie vertraten die AfD-interne Gruppierung "Alternative Mitte", die sich als Gegengewicht zum von Höcke gegründeten, stramm rechten "Flügel" begreift.

Damals aber noch nicht. Da gab es die "AM" noch gar nicht. Ich persönlich habe mich im Januar 2017 als Nicht-Fan Höckes geoutet. Er hatte da seine berüchtigte Dresdner Rede gegen die deutsche Erinnerungskultur und das Holocaustmahnmal gehalten, ganz im Höcke-Stil. Ich habe dann auf Facebook zwei Fotos nebeneinander gepostet. Eines zeigte mich 1999 in Berlin. Ich demonstrierte gegen das Holocaustmahnmal, wie damals übrigens auch der Schriftsteller Rolf Hochhuth und der "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein. Ich fand das Mahnmal zu groß und zu teuer. Damals gehörte ich dem "Bund freier Bürger" an, der zu der Zeit nicht vom Verfassungsschutz Brandenburg beobachtet wurde. Wir sehen auf dem Foto alle ziemlich brav und bürgerlich aus. Und gut gelaunt. Auf jeden Fall nicht bedrohlich.

Auf dem anderen Foto sah man Björn Höcke beim Demonstrieren, 2010 auf einem Gedenkmarsch der "Jungen Landsmannschaft Ostdeutschlands". Höcke trägt eine schwarze Kopfbedeckung, wie viele andere auch auf dieser Demo. Er scheint zu schreien. Die Junge Landsmannschaft Ostdeutschland wurde in Sachsen 2010 vom Verfassungsschutz beobachtet. Das Bild sagt etwas über Björn Höcke, fand ich. Für das Posting habe ich damals einen kräftigen Shitstorm bekommen. Helden wie Höcke darf niemand ankratzen.

Höcke wird ja in der AfD auch kritisch gesehen.

Ja, da gibt es einige, einige mit Funktionen und Mandaten und sicher auch einige Mitglieder. Aber – ihm passiert nichts. An Höcke bleibt nichts kleben. Die AfD hat so ein paar Leute, an denen nichts kleben bleibt, egal was sie sagen, egal, was über sie herauskommt. Die Parteispitze lässt sie gewähren, tritt auch mit ihnen auf. Man kommt miteinander aus.

Von Ihnen hieß es auch immer, als Vertreter der Alternativen Mitte kämen Sie in Brandenburg gut mit dem Rest aus, der eher dem Flügel zuzuordnen ist.

Ja, das hieß es. Der so genannte Brandenburger Weg. Aber der wurde auch erst beschworen, als ich im Dezember 2017 überraschend in den Bundesvorstand kam. In Wirklichkeit war ich isoliert. Nicht von den Mitgliedern, aber von den meisten Abgeordneten und Fraktionsmitarbeitern. Wir haben diesen Riss fast überall in der Partei.

Weil die Partei politisch kontinuierlich nach rechts rückt?

Es geht nicht um Rechtsruck, das ist nur ein Klischee, das den Kern der Sache nicht trifft. Es geht um das Ziel, Probleme zu lösen. Konstruktiv zu sein. Über das Anprangern und Beklagen hinaus kommen – gute Argumente statt platter Parolen. Mein Eindruck war am Ende, dass dieses Ziel immer weniger mit mir teilten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel steht am Rednerpult des Bundestages, auf das ein Sonnenstrahl trifft

Demnach reicht es der AfD, zu poltern und zu provozieren?

Es reicht vielen, die eigene Klientel mit Wortbeiträgen zu befriedigen. In der Fraktion der AfD im Landtag von Brandenburg ist die größte Abteilung die Öffentlichkeitsarbeit. Die Mitarbeiter schneiden Zwischenrufe der AfD-Abgeordneten und posten sie dann gleich in den Sozialen Medien, ohne groß den Kontext zu zeigen oder aufs Thema einzugehen. Der schnelle Effekt, darum geht es.

Erstmal alles schlechtmachen, dann übernehmen und nach dem eigenen Geschmack neu aufbauen – ist das die Strategie?

Das ist destruktiv gedacht, und ja, so denken viele in der AfD. Man will die Heimat bewahren, will Deutschland retten, alles gut und richtig. Aber der Weg dahin? Nur negativ, nur Angst machen? Und so sollen 51 Prozent zustande kommen? Die AfD ist die letzte Chance vor dem Stahlhelm, hat einer gesagt, der in der Partei sehr viel Einfluss hat. Das klingt fast schon wie eine Drohung.

Klingt auch so, als sei Sacharbeit einstweilen unerwünscht.

Die steht nicht im Zentrum, würde ich sagen. Aber natürlich haben wir – ich sage jetzt einfach nochmal wir – uns auch bemüht. So eine AfD-Landtagsfraktion hat ein paar grundsätzliche Probleme, das ist zumindest meine Erfahrung. Erstens, die anderen Fraktionen wollen auf keinen Fall mit ihr zusammenarbeiten. Zweitens, die Fraktion ist auch selbst nicht in der Lage, am parlamentarischen Spiel teilzunehmen. Ihr fehlen dafür politisch erfahrene Abgeordnete, die den Sachverstand und das Fachwissen der Mitarbeiter nutzen. Viele gute Mitarbeiter gehen der Fraktion verloren, zum einen weil sie sehen, dass ihr Sachverstand nicht gefragt ist, und zum anderen weil sie um ihren Ruf fürchten. Die, die bleiben, sind meist Parteisoldaten oder Resignierte. Problem drei: Was ist denn überhaupt erfolgreiche Politik: Da sagen dann eben viele, es geht vor allem darum, Aufmerksamkeit zu erregen. Das trägt als Protestpartei, bindet langfristig aber keine Wähler.

Den Mangel an kompetenten Mitarbeitern haben nach der Bundestagswahl auch einige Neu-Abgeordnete der AfD beklagt.

Das klingt jetzt, als gebe es niemanden, der gerade denken könnte und sich zugleich mit den Zielen der AfD identifiziert. Das ist aber nicht so. Die Partei ist da Opfer ihres eigenen Rufes. Viele Referenten wollen sich ihre Biographie nicht versauen, deshalb bleiben sie nicht so lange. Auf die Homepage unserer Fraktion im Landtag in Brandenburg sollten mal die Namen der angestellten Mitarbeiter eingestellt werden. Einige beschwerten sich. Sie wollten das nicht.

Sie wollten mit der Partei noch große Ziele erreichen, vor zwei Wochen bewarben Sie sich für einen vorderen Platz auf der Liste zur Europawahl. Das werfen Ihnen jetzt manche in der AfD vor. Unglaubwürdig, jetzt auszutreten mit der Begründung, dass die Partei verloren ist, sagen die. Was sagen Sie?

Lassen Sie mich einen Schritt zurückgehen. Vier Wochen vor der Wahl der Liste haben wir in Brandenburg die Delegierten für die Europawahlversammlung gewählt. Ich war Mitglied des Bundesvorstands, bewarb mich – und wurde nicht mal zum Ersatzdelegierten gewählt. Ich hatte also bei mir in Brandenburg null Rückhalt. Ich habe dann trotzdem kandidiert, weil ich es nochmal ganz genau wissen wollte: Gibt es in der AfD Leute, die mich und meinen Kurs stützen? Ich habe es deutlich nicht auf die Bewerberliste geschafft, weil ich auch im Bundesvorstand kaum Unterstützer hatte. Eine Zeit lang können Sie gegen den Strom anpaddeln. Aber ewig geht das nicht. Um eine Ehe kämpft man, niemand gibt gleich auf. Irgendwann kommt die Erkenntnis, dass die Basis zu klein ist. So war es am Ende auch bei mir und der AfD.

Wo steht die AfD in drei Jahren?

Das weiß keiner. Falls der Verfassungsschutz die Partei beobachten sollte, könnte das vielleicht kurzfristig sogar Wählerstimmen bringen, zumindest im Osten. Dann aber kommt das Problem: Gute Leute, Beamte oder solche, die im öffentlichen Dienst beschäftigt sind, die werden sich zurückziehen. Der geistige Aderlass wird groß sein. Und wer rückt nach? Leute, die immer fleißig auf Demos gefahren sind? Die auf Facebook Rabatz gemacht haben? Die die AfD-Blase mit Provokationen füllten? Die Treue und Loyalität für immer mitbringen? Das reicht auf Dauer niemals für mehr als 20 Prozent.

Folgen Sie stern-Reporter Wigbert Löer auf Twitter: @WigbertLoeer

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