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Wahl-Nachlese AfD-Erfolg in Niedersachsen: Mit der Krise im Westen eingetroffen

AfD-Jubel am Wahlabend in Niedersachsen
Wähnen sich "im Westen angekommen" (v.l.n.r.): AfD-Spitzenkandidat Stefan Marzischweski-Drewes, Bundesvorsitzender Tino Chrupalla, und die Bundestagsabgeordnete Mariana Harder-Kühnel bejubeln ihren Erfolg in Niedersachsen.
© Michael Matthey
Die AfD gewinnt in Niedersachsen nach längerer Durststrecke wieder Stimmen. Während sie selbst betont, im Westen der Republik "angekommen" zu sein, zeigen Analysen, dass die Partei vor allem von Protestwählern profitiert. Das muss kein Widerspruch sein.

Bernd Baumann ließ sich von der Euphorie davontragen. Während der "Berliner Runde" der ARD am Sonntagabend rückte der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion den Wahlerfolg seiner Partei in Niedersachsen gleich in eine Reihe mit den kürzlichen Triumphen rechtspopulistischer Parteien in Italien und Schweden, die dort nun mitregieren werden. Das AfD-Ergebnis im flächenmäßig zweitgrößten Bundesland passe dorthinein, weil es zeige, "dass die Menschen Angst haben, dass die Wirtschaft Angst hat" – vor allem vor der Wirtschaftspolitik der Berliner Ampel.

Ein wenig konterkarierte Baumann damit ungewollt die Linie seiner Partei für diesen Abend. Die wollte angesichts des zweistelligen Ergebnisses und der Verdopplung der Stimmen im Vergleich zur letzten Landtagswahl 2017 diesmal eher nicht auf die Angst- und Protestkarte setzen. "Wir sind jetzt auch im Westen angekommen", wurde Spitzenkandidat Stefan Marzischewski-Drewes nicht müde festzustellen. Die Wähler:innen würden nun in der "Alternative" auch thematisch eine echte Alternative sehen – und das eben nicht nur im Osten der Republik, wo die AfD bisher ihre größten Erfolge feierte.

AfD: Ängste und Sorgen im Wahlkampf aufgegriffen

Als auffällig registrierten Wahlforscher allerdings, dass die Rechtspopulisten nach sehr langer Durststrecke mit vielen mauen bis schlechten Wahlergebnissen just zu einem krisenhaften Zeitpunkt wieder zulegten. "Der starke Zugewinn der Stimmen der AfD ist mit einem klaren Protestwahl-Verhalten zu erklären", analysierte dementsprechend der Oldenburger Politologe Michael Jankowski im Norddeutschen Rundfunk. "Wir erkennen, dass es zwar einen insgesamt geringen Anteil an der Bevölkerung gibt, der aber trotzdem bei Wahlen relevant ist, der mit dem Kurs der Bundesregierung hinsichtlich des Ukraine-Krieges nicht einverstanden ist oder unter den Auswirkungen leidet, wie die erhöhten Energiepreise." Die AfD habe die Ängste und Sorgen im Wahlkampf ganz klar aufgegriffen. Landespolitische Themen seien kaum bedient worden.

Bestätigt wird die Analyse durch die nackten Zahlen. Nach Erkenntnissen des Meinungsforschungsinstituts Infratest-Dimap für die ARD waren die AfD-Wähler:innen, die ihr Kreuzchen aus Überzeugung bei der Partei gesetzt haben, in der Minderheit. 53 Prozent der Befragten sagten, sie hätten sich aus Enttäuschung über andere Parteien für die "Alternative" entschieden; 38 Prozent trafen demnach ihre Wahl aus Überzeugung. Aus den wichtigsten Gründen für die Entscheidung zugunsten der AfD sprechen vor allem Existenzangst und Verunsicherung: Beunruhigung über die Verhältnisse in Deutschland (93 Prozent der AfD-Wählenden), Ungerechtigkeit in Deutschland (84), Unzufriedenheit mit der Demokratie (84) oder Unzufriedenheit mit der Arbeit der Bundesregierung (96).

Zulauf von CDU und FDP "besorgniserregend"

Auch wenn die Überzeugungswähler bei der AfD laut den Analysen in der Minderheit sind: Ein Widerspruch müssen Protestwahl und ein Reüssieren der Partei im Westen gar nicht sein. Vielmehr scheint die Partei mit der Krise im Westen anzukommen. Kurz vor dem Wahlwochenende stellte beispielsweise der Mainzer Politikforscher Jürgen Falter fest, der AfD sei eine Trendwende gelungen. Die Zustimmungswerte seien zuletzt wieder stark angestiegen, und es könne noch mehr werden. "Die Welle kann noch höher werden. Es wird davon abhängen, wie tief die Krise in das Leben der Menschen eingreift. Die AfD dürfte ein Potenzial von 18 bis 20 Prozent haben", sagte Falter der "Augsburger Allgemeinen" ("AA"). Die 20 Prozent bestünden zu etwa Dreivierteln aus einer Klientel, deren Liebe zu Rechtsaußen von der Konjunkturlage abhänge. Sie werde "geweckt oder sie erlahmt wieder", so Falter.

"Besorgniserregend" findet Falter aber, dass die AfD immer wieder Wähler von CDU und FDP gewinnen könne – also aus einer Klientel, das mehrheitlich dem Mittelstand zugeordnet wird. So war es auch in Niedersachsen, wo 50.000 CDU-Wähler und 40.000 FDP-Wähler in das AfD-Lager wechselten. Man habe nicht nur Wähler aus dem Protestlager gewonnen, konstatierte auch AfD-Chef Tino Chrupalla am Montag in Berlin erfreut. Ziel für die nächsten Jahre sei es nun, Wähler von FDP und CDU, die man "rübergezogen" habe, als Stammwähler zu gewinnen. Für die im kommenden Jahr anstehenden Landtagswahlen in Hessen und Bayern gab Chrupalla als Ziel ebenfalls ein zweistelliges Ergebnis aus. Politologe Falter glaubt derzeit allerdings nicht daran. "Diese Leute können die etablierten Parteien wieder zurückgewinnen", sagte er der "AA". Entscheidend dafür, ob die AfD auch in diesen beiden West-Ländern Erfolge feiern kann oder nicht, dürfte das Krisenmanagement der Bundesregierung sein. Oder anders gesagt: Davon, wie stark die Hessen und Bayern die Krise zu spüren bekommen werden.

Quellen: Infratest-Dimap/Tagesschau (Grafiken zur AfD); Infratest-Dimap/Tagesschau (Wählerwanderungen AfD); Norddeutscher Rundfunk (Video); "Augsburger Allgemeine"; ARD ("Berliner Runde"); Nachrichtenagentur DPA

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