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Affären des Ex-Bundespräsidenten: Firmenchef half Wulffs Ex-Gattin

Die Prüffirma Pwc, die auch viele Aufträge des Landes Niedersachsen abwickelte, beschäftigte - trickreich und auf Umwegen - die Ex-Gattin von Christian Wulff. Nachdem stern.de anfragte, wurde das Konstrukt rasch geändert.

Von Hans-Martin Tillack

PricewaterhouseCoopers, kurz Pwc, ist die größte Wirtschaftsprüferfirma der Welt, aber dem durchschnittlichen Deutschen am ehesten durch eine peinliche Panne bekannt: Im Herbst 2011 enthüllte stern.de, dass die gut bezahlten Pwc-Abschlussprüfer in den Bilanzen der Bad Bank des verstaatlichten Pleiteinstituts Hypo Real Estate (HRE) einen Rechenfehler übersehen hatten, der sich am Ende auf bescheidene 55,5 Milliarden Euro addierte.

Jetzt drohen Pwc erneut negative Schlagzeilen - wegen eines merkwürdigen Anstellungsverhältnis für Christiane Wulff, die ehemalige Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. Der Deutschland-Chef von Pwc, Norbert Winkeljohann, ist ein Bekannter des CDU-Manns, beide waren Nachbarn in Osnabrück. Winkeljohann war auf Wulffs Initiative auch zu Gast, als der sich von Eventmanager Manfred Schmidt nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten am 30. Juni 2010 eine private Siegesfeier ausrichten ließ. Vor allem war Winkeljohann daran beteiligt, Wulffs Ex-Frau Christiane nach der Trennung einen neuen Job zu verschaffen. Hatte das Christian Wulff zumindest einen Teil der Unterhaltszahlungen für seine Ex-Frau erspart? Sein Anwalt lässt ausrichten, dass die "diesbezüglichen Spekulationen" allesamt "ohne Grundlage" seien.

Wiedereinstieg ins Berufsleben

Am 1. November 2008, ein gutes halbes Jahr nach ihrer Scheidung von dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten, schaffte Christiane Wulff jedenfalls den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Bis dahin Hausfrau, war sie nun halbtags bei der Osnabrücker Rechtsanwaltsgesellschaft Schindhelm beschäftigt. Die war nicht nur jahrelang - bis 2005 - Teil des Pwc-Firmenreichs. Sie stand auch, wie Pwc einräumt, bis 2011 in einer "Arbeitsbeziehung" mit dem Wirtschaftsprüferkonzern; beide teilen sich in Osnabrück ein Bürogebäude. In einer Vorläuferkanzlei der Anwaltsfirma war Winkeljohann selbst bis 1998 Partner.

Mehr noch: Es war Winkeljohanns Idee, dass Christiane Wulff doch bei Schindhelm arbeiten könnte. Ihre Bewerbung bei der Kanzlei, so Pwc jetzt zu stern.de, ging "auf ein Gespräch zwischen Frau Wulff und Herrn Professor Winkeljohann" zurück.

In der Folge erledigte die studierte Juristin aber keinerlei Arbeiten für die Kanzlei. "Die Tätigkeiten von Frau Wulff als wissenschaftliche Mitarbeiterin fielen ausschliesslich für Pwc an", bestätigte das Prüfunternehmen jetzt stern.de-Recherchen. Die "bei Schindhelm anfallenden Personalkosten" habe Pwc "verursachungsgerecht vergütet".

Pwc-Aufträge in Niedersachsen

Es wirkt so, als habe Pwc die Starthilfe für Wulffs Ex-Gattin über die formelle Anstellung bei Schindhelm zu verschleiern versucht. Pwc-Sprecher Oliver Heieck weist den Vorwurf eines Freundschaftsdienstes für Christian Wulff mit dem Argument zurück, dass der damalige Ministerpräsident ja "weder eingebunden" gewesen sei, noch habe er irgendwie "eingewirkt".

Auch Wulff versichert, dass er von Winkeljohanns Hilfe für seine Ex-Frau nichts gewusst habe. Ähnliches hat er immer wieder bei Gefälligkeiten anderer reicher Bekannter versichert, von David Groenewold bis Carsten Maschmeyer. Viel mehr noch als diese beide standen jedoch Pwc und Winkeljohann in engstem geschäftlichen Kontakt sowohl mit Wulffs Landesregierung wie dem vom Land mitkontrollierten VW-Konzern. Bereits vor einigen Wochen veröffentlichte der niedersächsische Finanzminister Hartmut Möllring (CDU) eine umfangreiche Liste von Aufträgen, die sein Ministerium und andere Ressorts auch zu Wulffs Zeiten an Pwc vergeben hatten. Wulff lässt durch seinen Anwalt heute ausrichten, dass er mit solchen Auftragsvergaben für Pwc "nicht befasst" war.

Die Verbindung zu VW

Pwc - und sogar Winkeljohann persönlich - zeichnete aber auch wiederholt für die Abschlussprüfung bei VW verantwortlich. Bestellt werden die Abschlussprüfer, wie VW bestätigt, von der Hauptversammlung - aber auf Vorschlag des VW-Aufsichtsrats. In dem war Wulff als Ministerpräsident seit Frühjahr 2003 Mitglied. Wulff legt Wert darauf, dass die Hauptversammlung die endgültige Entscheidung traf, welche Firma prüft - und er "nicht Mitglied im Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates" war.

Pwc habe in Niedersachsen eine "Schlüsselstellung", sagt der Fraktionschef der Grünen im Landtag von Hannover, Stefan Wenzel, etwa "bei der Vergabe von Bürgschaften" des Landes und "bei der Kontrolle der ordnungsgemäßen Verwendung von Fördermitteln des Landes". Deshalb, so der Oppositionspolitiker "darf es hier keine Verquickung von privaten und geschäftlichen Interessen geben. Sollte es jetzt Hinweise auf solche Verquickungen geben, muss dem nachgegangen werden."

Ein gutes Gewissen?

Weil die Wirtschaftsprüfer, wie Pwc-Sprecher Heieck einräumt, zum Teil auch "hoheitliche Aufgaben" für staatliche Gesellschaften erfüllen, gelten bei dem Unternehmen besonders hohe Ansprüche an die Integrität. Die Firma hat sich sogar eigene "Ethik-Grundsätze" gegeben. Denen zufolge muss sich jeder Mitarbeiter stets fragen: "Würde die Öffentlichkeit positiv über das denken, was ich tue?"

Davon ist Vorstandschef Winkeljohann im Fall der Umwegbeschäftigung von Christiane Wulff offenbar selbst nicht mehr überzeugt. "Im Nachhinein wäre die direkte Anstellung bei Pwc sachgerechter gewesen", räumt Sprecher Heieck kleinlaut ein. "Aus diesem Grund" habe man jetzt "mit Frau Wulff eine direkte Anstellung bei Pwc zum 1. März 2012 vereinbart". Wulffs Ex-Gattin kündigte darum nun bei der Anwaltsgesellschaft Schindhelm - und zwar kurz nachdem stern.de am Mittwoch vergangener Woche bei allen Beteiligten wegen der Sache angefragt hatte.

Ein gutes Gewissen sieht anders aus.

Mitarbeit: Nadine Jansen