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Interview

Diskussion um Abschiebungen: Zwei Flüchtlinge aus Afghanistan erzählen über ihr Land: "Zurück? Niemals"

Sollten Flüchtlinge aus Deutschland nach Afghanistan abgeschoben werden? Die Regierung will die Sicherheitslage im Land neu analysieren. Im Gespräch mit dem stern haben zwei Flüchtlinge aus Afghanistan aus ihrem Land erzählt.

Explosion Lastwagenbombe in Afghanistans Hauptstadt Kabul

Bei der Explosion der mächtigen Lastwagenbombe in Afghanistans Hauptstadt Kabul starben mindestens 90 Menschen, mindestens 460 wurden verletzt

In Afghanistan werden täglich Soldaten, Polizisten und Zivilisten getötet. Trotzdem wurden bis zuletzt weiter Flüchtlinge in das Land abgeschoben. Bei dem jüngsten Anschlag in Kabul starben mindestens 90 Menschen und mehr als 460 wurden verletzt. Doch Anschläge gibt es regelmäßig im Land, wenn auch mit weniger Aufmerksamkeit in der deutschen Presse.

Das Außenamt wird die Sicherheitslage nun neu analysieren, "Provinz für Provinz", wie Kanzlerin Angela Merkel sagt. Eigentlich wollte die Bundesregierung weiter Menschen nach Afghanistan abschieben. Einen Flug mit Flüchtlingen, die am Tag des jüngsten Anschlags abgeschoben werden sollten, wollte Bundesinnenminister Thomas de Maizière so bald wie möglich nachholen. Erst nach viel Kritik sollen Abschiebungen nun vorerst ausgesetzt werden.

"Seit meiner Geburt habe ich kein sicheres Afghanistan gesehen"

Der stern hat mit zwei jungen Afghanen gesprochen, Omid und Rashed, 24 und 28 Jahre alt, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Einer kommt aus Herat und lebt heute im Saarland, einer kam aus Kabul nach Hamburg. Ihre vollständigen Namen sind der Redaktion bekannt. Omid haben wir bei einem Sprachkurs kennengelernt, Rashed hat sein Integrationspraktikum bei Gruner + Jahr gemacht, dem Verlag, in dem auch der stern erscheint.

Wann bist du aus Afghanistan nach Deutschland gekommen?

Omid: Ich bin im Jahr 2011 hergekommen.

Rashed: Ende Dezember 2015, ich bin seit 17 Monaten in Deutschland.

In welchem Zustand hast du dein Land verlassen?

Omid: Ich bin aus Sicherheitsgründen nach Deutschland gegangen. Es war sehr unsicher und es gab keine Arbeit und auch keine richtige Schule. Hamid Karzai war Präsident. Es war sehr gefährlich.

Rashed: Ich habe bei einem Fernsehsender in Kabul gearbeitet. Jeden Tag waren alle Journalisten, speziell Mitarbeiter von TV-Sendern, mit dem Tod durch die Gegner der Demokratie und Freiheit bedroht. Die afghanische Regierung hat uns nicht unterstützt. Freunde von mir in mehreren Sendern wurden mehrmals angegriffen. Leider wurden einige meiner Freunde und Kollegen getötet. Ich wollte am Leben bleiben und musste meine Familie und mein Land verlassen. Dann bin ich nach Deutschland gekommen.

Wie sah dein Alltag in Afghanistan aus, kurz bevor du geflohen bist?

Omid: Ich habe die Schule besucht und Sprachkurse gemacht. Ich habe viele schreckliche Sachen erlebt, die ich jetzt nicht alle auflisten will, aber das schlimmste war, als ich mit dem Fahrrad fuhr und so 100 Meter vor mir sich jemand in die Luft gesprengt hat, es ist gleich vor mir explodiert und ich hatte echt Glück, dass ich nicht gestorben bin.

Rashed: Ich war Producer und Journalist.

Hast du Kontakt zu Verwandten oder Freunden, die noch vor Ort sind?

Omid: Ja, ich habe Kontakt zu manchen Freunde und meiner Familie.

Rashed: Ja, ich bin in Kontakt mit Freunden und Familie.

Fühlen sie sich sicher?

Omid: Ihnen geht es gut, aber die fühlen sich natürlich nicht sicher. Ab und zu bekomme ich mit, dass der ein oder andere erschossen wurde oder durch irgendwelche terroristischen Taten gestorben ist.

Rashed: Kein Afghane fühlt sich sicher in Afghanistan. Alle haben Angst vor den Taliban, dem IS und vor Terroranschlägen. Aber sie sind gezwungen, weiter dort zu leben bis zu zu ihrem Tod.

Würdest du in dein altes Land zurückkehren?

Omid: Wenn es so bleibt, wie es ist: nein. Aber wenn sich die Situation ändert, denn gerne, warum nicht, das ist mein Land.

Rashed: Niemals, ich suche einen Weg für den Transfer meiner Familie in ein anderes Land.

Was glaubst du: Ist Afghanistan sicher?

Omid: Nein, Afghanistan ist seit 40 Jahren nicht sicher.

Rashed: Seit meiner Geburt habe ich kein sicheres Afghanistan gesehen.

Was sagst du dazu, wenn Flüchtlinge aus Afghanistan abgeschoben werden sollen?

Omid: Es ist noch viel zu früh, eigentlich muss man es vermeiden, aber wenn sich die deutschen Staatsführer wohl fühlen – denen ist es doch scheißegal, was da unten abgeht.

Rashed: Ich finde es sehr seltsam von der Bundesregierung in Deutschland. Der deutschen Regierung ist sehr wohl bewusst, dass in Afghanistan eine Notlage herrscht, aber sie führen weiterhin Abschiebungen durch.


Was sind deine Pläne in Deutschland? Fühlst du dich wohl in deiner neuen Heimat?

Omid: Ich habe Aufenthaltsrecht und habe sogar noch das Recht auf einen deutschen Pass. Ich fühle mich wohl in Deutschland, aber ich überlege noch, ich habe noch keinen beantragt. Ich habe gerade mein Fachabitur bestanden und will an der HTW studieren und Bauingenieur werden.

Rashed: Leider habe ich einen Ablehnungsbescheid erhalten. Jetzt mache ich ein Praktikum bei Gruner+Jahr und suche nach einer Ausbildung, um in Deutschland bleiben zu können. Wenn ich keine Ausbildung finden kann, werde ich vielleicht in naher Zukunft einer der Abgeschobenen sein.

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