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Analyse: Der letzte Reservist der SPD

Die Personaldecke der SPD ist so dünn, dass sie mit Kurt Beck ihr letztes Schwergewicht an die Spitze hieven muss. Die Union ist obenauf. Dennoch hat sie nichts zu lachen: Merkels Wohl und Wehe ist an eine irrlichternde SPD gekettet.

Von Florian Güßgen

Dieser Montag ist kein erfreulicher Tag. Nicht für Matthias Platzeck, der eingestehen musste, dass es einfach nicht mehr geht, nicht für die SPD, die ihren jungen, frischen Chef verliert - und auch nicht für die Union, die nun mit einer noch tiefer verunsicherten SPD regieren muss, an die sie auf Gedeih und Verderb gekettet ist.

Genosse Kennedy aus Potsdam

Platzeck hat an diesem Tag die Bremse gezogen, aus gesundheitlichen Gründen. Er hat seine Ära schweren Herzens beendet, noch bevor sie richtig angefangen hat. Er war ein 100-Tage-König. Viele Spuren wird er in der Partei nicht hinterlassen, es bleiben vor allem schwer enttäuschte Heilshoffnungen. Mit knapp 100 Prozent hatte der Karlsruher Parteitag im November Platzeck zum neuen Chef gewählt. Es waren 100 Prozent Sehnsucht nach Aufbruch, nach einem Neuanfang. Platzeck, der Unverbrauchte, verkörperte diese Hoffnung - und er verkörperte die Sehnsucht der SPD nach einem spritzigen, nach einem kraftvollen Herausforderer Angela Merkels. Platzeck war als Kanzlerkandidat für 2009 so gut wie gesetzt. Er hätte der sozialdemokratische Kennedy aus Potsdam sein können.

Beck und der Nebenkönig Müntefering

Mit Kurt Beck wird es anders werden. Der rheinland-pfälzische Regierungschef wird es schwer haben, das Image des tapsigen Regional-Heinis loszuwerden. Zwar wäre es ein gewaltiger Fehler, ihn zu unterschätzen. Die Mecki-der-Igel Frisur, der Vollbart, der Dialekt, die pfälzische Gemütlichkeit, die gern zur Schau gestellte Volksnähe - das alles sind Facetten eines machtbewussten und fähigen Politikers, der in Rheinland-Pfalz auf erhebliche wirtschaftliche Erfolge verweisen kann. Dennoch hat Beck als künftiger SPD-Chef zwei erhebliche Nachteile.

Wie Platzeck wird auch er nicht in die Bundesregierung eintreten. Gerade erst gewählt kann Beck Mainz unmöglich den Rücken kehren. Würde er dies tun, wäre seine Glaubwürdigkeit ramponiert. Für die SPD ist das ein Nachteil, weil es sich als Fehler erwiesen hat, dass ihr Chef nicht mit am Kabinettstisch sitzt. Während seines kurzen Interregnums musste Platzeck sich immer wieder mit Arbeitsminister Müntefering balgen, der die ständige De-Facto-Vertretung der Genossen in der Regierung übernommen hat - und damit die Rolle eines Nebenkönigs. Die Sozialdemokraten sprechen mit mehreren Stimmen. Das schwächt sie. Dieses Defizit kann nun auch Beck nicht beheben.

Er trägt nicht nur die Mainzer Bürde, ihm fehlt es zudem an genau jenen Qualitäten, die ein Herausforderer Merkels eigentlich bräuchte. Beck hat kein faszinierendes Charisma, er ist kein scharfzüngiger Redner, er verkörpert die Pfalz, aber keinen Aufbruch. Selbst wenn Helmut Kohl es dereinst mit ähnlichen Begabungen ins Kanzleramt geschafft hat, dürfte es Beck in der gegenwärtigen Konstellation sehr schwer fallen, es ihm gleichzutun.

Die dünne Personaldecke der Genossen

Für den Zustand der SPD ist es bezeichnend, dass sie keine Alternative zu Beck hat. Mehr noch: Beck ist der letzte Reservist, den die Sozialdemokraten überhaupt aufbieten können, der letzte, der überhaupt das Zeug dazu hat, den Chefposten im Willy-Brandt-Haus anzutreten. Außer ihm ist da einfach keiner mehr, wie ein kurzer Blick auf das Personaltableau der Genossen zeigt. Schröder ist schon lange Geschichte, Müntefering kann unmöglich zurück, die Minister Steinbrück- und meier gelten als solide Regierungs-Handwerker, aber nicht als Parteigeschöpfe, und Minister Gabriel haftet der Ruf einer tickenden Zeitbombe an. Die Reihe der Ministerpräsidenten ist dünn. Berlins Bürgermeister Wowereit schillert zu sehr für den Top-Job - außerdem muss er im Herbst Wahlen überstehen, und Harald Ringstorff ist außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns unbekannt. Auch die Reihen drei und vier sind schwach. Ute Vogt hat in Baden-Württemberg derart eins auf die Mütze gekriegt, dass nicht einmal sicher ist, ob sie in der Politik bleiben will. Heiko Maas im Saarland, Jens Bullerjahn in Sachsen-Anhalt, der Thüringer Christoph Matschie, ihnen allen fehlt das Charisma, der Sieg, der Rückhalt, um ernsthaft ganz oben mitzumischen. Zu hühnerbrüstig sind sie noch für das Willy-Brandt-Haus. Die ewige Linke Andrea Nahles ist seit dem Müntefering Sturz im Herbst innerparteilich noch nicht wieder voll rehabilitiert. Kommen eigentlich nur Neumitglieder in Frage - oder eben Kurt Beck.

Die Union ist obenauf

Die Union könnte angesichts der neuerlichen Misere der SPD eigentlich jubeln. Sie stellt die Kanzlerin, liegt in den Umfragen weit vorne, und hat ein erkleckliches Personalreservoir. Da gibt es die Regierungs-Chefs Roland Koch, Christian Wulff, Peter Müller und Günther Oettinger, die allesamt an Statur gewonnen haben in den letzten Jahren und Wocshen. Mächtige Kurfürsten sind das, für den Kanzlerinnen-Sturz ebenso gut wie für die Kanzlerinnen-Nachfolge. Mit Figuren wie Familienministerin von der Leyen signalisiert die Union ihrer liberaleren Klientel zudem eine Form der "nachgeholten Modernisierung", die sie weg bringt vom Muff der Kohl-Jahre. Alles in allem geht die Schwäche der SPD einher mit einer Stärke der Union.

Auch Merkel braucht den Erfolg der großen Koalition

Dennoch dürften die neuerlichen Personal-Volten der SPD auch den Strategen im Konrad-Adenauer-Haus bitter aufstoßen. Eine irrlichternde SPD gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch den Erfolg der großen Koalition. Diesen Erfolg, die Umsetzung zentraler Regierungsprojekte, hat auch die Union dringend nötig. Ein führungsschwache SPD bedeutet ein Stärkung der Kritiker - bei der Gesundheitsreform, bei der Föderalismus-Reform, auch bei der Debatte über den Mindestlohn. Weil die Union mittelfristig auf Gedeih und Verderb an die SPD gekettet ist, kann ihr das gar nicht recht sein. Auch Kanzlerin Merkel braucht den großkoalitionären Erfolg, um ihre Ausgangsposition für 2009 zu stärken. Und so dürfte auch die Union den neuen SPD-Chef Beck mit allen Kräften stärken. Gleichzeitig wird sie versuchen, den Keil zwischen Minister Müntefering und seiner Partei dort zu belassen, wo er derzeit steckt. Spätestens 2008 wird die Union dann alles tun, um den Spalt in der SPD zu vertiefen. Die Ausgangslage für Kurt Beck ist nicht gut, für die SPD ist sie nach diesem Tag geradezu schlecht.