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Analyse: Die Linke schießt sich ins Bein

Es war ein Betriebsunfall mit möglicherweise weitreichenden Folgen: In Hessen ist ein ehemaliges DKP-Mitglied zum Spitzenkandidat der Linken gewählt worden. Damit ist die Eroberung des Westens durch Lafontaines Linke gefährdet. Und auch ein CDU-Politiker dürfte sich darüber freuen.

Von Sebastian Christ

So ein Unfall: Davor hatten sich alle Realisten in der Partei gefürchtet. Plötzlich steht da ein ehemaliges DKP-Mitglied am Podium, hält eine mitreißende Rede und wird zum Spitzenkandidaten der Linken in Hessen gewählt. Peter "Pit" Metz heißt er, 54 Jahre alt, Blindenpädagoge aus Marburg. Er zog mit der Forderung nach Fundamentalopposition in den Kampf um den vordersten Listenplatz. Eine Regierungsbeteiligung kommt für ihn nicht in Frage, er steht für eine linke Bildungspolitik und den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Er sagt auch, dass er zur DDR immer ein "solidarisch-kritisches Verhältnis" gehabt hätte. Die Entscheidung des Parteitags am Wochenende sorgte bundesweit für Aufsehen, weil sich die Linke selbst und ohne Not ihrer strategischen Flexibilität im hessischen Landtagswahlkampf beraubt hat. Und sie könnte auch bundespolitische Folgen haben.

Konflikt innerhalb der Partei

Hessen gilt als erstes großes deutsches Flächenland, in dem die Linke Chancen auf den Einzug in das Landesparlament hat. Doch die Westerweiterung der Linken droht nun ins Trudeln zu geraten, bevor sie richtig angefangen hat. Grund dafür ist ein Konflikt, der die westdeutsche Partei von der Basis bis zur Spitze wie eine Erdbebenspalte durchzieht und der jetzt ein weiteres Mal offen zu Tage getreten ist. Auf der einen Seite stehen die ehemaligen Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Viele von ihnen hatten in der Schröder-Ära die SPD verlassen und versuchten in der WASG eine "Wahlalternative" für eine sozial gerechte Politik aufzubauen. Sie dominieren vor allem an der Basis und machen im besten Fall den politischen Sexappeal der Linken im Westen aus - weil sie in Teilen der Bevölkerung populär sind und durch ihre Biografie den Brückenschlag zur Volkspartei SPD verkörpern. Da muss kein enttäuschter Arbeiter die Nase rümpfen, wenn er an der Wahlurne sein Kreuz diesmal bei der Linken macht.

Altlinke: zu radikal für den Bevölkerungsschnitt

Auf der anderen Seite stehen die Altlinken. Sie sind vor allem über die Westverbände der PDS in die neue Partei gekommen und oft überproportional auf den Delegiertenversammlungen vertreten. In ihren Reihen findet man massenweise Artefakte aus der Konkursmasse des BRD-Kommunismus. Peter Metz ist da nur ein Beispiel. Seine äußerst linke Agenda hat er mit vielen anderen Parteigenossen gemein. Doch diese Programmatik trägt genau jenen Kern des Scheiterns in sich, der die Linksaußen schon seit 1968 stetig ins Abseits geführt hat: Sie sind zu radikal für den Bevölkerungsschnitt. Mit ihnen an der Spitze hat die Linke ein enormes Akzeptanzproblem. Das wissen auch die zwei prominentesten SPD-Überläufer, Oskar Lafontaine und Ulrich Maurer. Und genau deswegen hatten sie dem hessischen Parteitag der Linken auch empfohlen, den ehemaligen DGB-Landesvorsitzenden Dieter Hooge zum Spitzenkandidaten zu wählen. Vergeblich. Maurer warnt seine Genossen schon, zu hohe Erwartungen an die nächsten Wahlen zu schüren. "Unsere Partei hat sich nach meiner festen Überzeugung zwar dauerhaft zweistellig festgesetzt. Ich kann aber nur davor warnen, dass irgendjemand dem Höhenrausch verfällt und meint, man könne sich als Partei jetzt alles Mögliche leisten."

Hessen-SPD ist von einem Wahlerfolg der Linken abhängig

Mit ihrem Votum für Metz provoziert die hessische Linke ihr Scheitern bei der Landtagswahl. Denn obwohl in der Partei schon über das Ja und Nein zur Regierungsbeteiligung debattiert wird, noch ist es gar nicht sicher, ob es überhaupt eine dunkelrote Fraktion im Landtag geben wird. In den Umfragen liegt die Linke bei fünf Prozent. Zur Zeit werden die Weichen auf dem Weg zum Erfolg gestellt. Gut möglich, dass der linke Wahlkampfzug jetzt aufs Abstellgleis rollt.

Für SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti ist das Schlingern der Linken ein schwerer Schlag. Denn obwohl sie eine rot-rot-grüne Koalition ausschließt, ist sie von einem Wahlerfolg der linken Konkurrenz abhängig. Sollte die Linke an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, wäre ein Regierungswechsel wahrscheinlich kaum möglich. Was in den vergangenen Wochen über den vermeintlich guten Wahlkampfstart der SPD in den Hintergrund gerückt ist: Im ehemals "roten" Hessen liegen die Sozialdemokraten immer noch mindestens sieben Prozentpunkte hinter der CDU zurück. Auch zusammen mit den starken Grünen reicht es momentan noch nicht zur Mehrheit.

Doch wenn Metz zu seiner Verweigerungshaltung in Sachen Regierungsverantwortung stehen sollte, dann wären ohnehin alle Zahlenspiele obsolet. Egal, ob die Linke in den Landtag einzöge oder nicht, Ypsilanti müsste zusammen mit den Grünen eine Parlamentsmehrheit bilden, um Schwarz-Gelb abzulösen. Deswegen wird auch Roland Koch die Lage aufmerksam verfolgen. Der Stratege weiß: Vielleicht hat ihm die Linke am Wochenende den Weg zu einer weiteren Amtszeit in der Wiesbadener Staatskanzlei geebnet.