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Besuch bei Li Keqiang: Angela Merkel auf China-Reise: Was die Chinesen an Deutschlands Politik schätzen

Zum elften Mal ist Angela Merkel als Kanzlerin zu Gast in China. Kontinuität, das mag man im Reich der Mitte. Das heißt auch: Verstärkte Wirtschaftsbeziehungen, aber kein Rütteln an der Weltordnung.

Von Axel Vornbäumen, Peking

Angela Merkel mit Li Keqiang

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Li Keqiang, Ministerpräsident der Volksrepublik China, während der formellen Zeremonie vor der Großen Halle des Volkes

Getty Images

Es ist jetzt ihre elfte Reise. Angela Merkel hat in den Nullerjahren dieses Jahrhunderts noch erlebt, wie ihre Gesprächspartner vorgestanzte Statements von Karteikarten abgelesen haben, 20 Minuten lang. Dazu gab es Tee. Dann wurde übersetzt, konsekutiv. Phrase um Phrase. Dann war die Zeit auch schon vorbei. Bis zum nächsten Mal. Verdammt lang her.

Nun ist sie zum elften Mal als Kanzlerin in China. Heute Peking, morgen Shenzhen, die aufstrebende IT-Metropole in der Nähe Hongkongs. Man kann sagen: Es hat sich viel verändert seit den Karteikartenvorträgen. Und Kontinuität zahlt sich aus. Dass sich da nicht wie zum Beispiel in Italien alle Nase lang der Name des Regierungschefs ändert – das wissen die Chinesen durchaus zu schätzen. Seit fünf Jahren wird zudem simultan übersetzt.

Angela Merkel und Li Keqiang

Angela Merkel und Li Keqiang geben sich nach einer gemeinsamen Pressekonferenz die Hand.

DPA


Und auch sonst stehen die Zeichen auf Annäherung. Die Chinesen mögen die Deutschen, deren Hang zur Tüftelei, zur Perfektion, zur Berechenbarkeit. Manchmal stören sie sich, dass alles so kompliziert ist in Germany, aber das kann das Gesamtbild nicht trüben. Das Verhältnis sei bestens, flötet Chinas Ministerpräsident Li Keqiang in der Großen Halle des Volkes und strahlt die Kanzlerin an. "Aber natürlich gibt es noch Luft nach oben."

Verhältnis der Investitionen ist noch im Ungleichgewicht

Gibt es. Und zwar für beide Seiten. Chinas gewaltige Volkswirtschaft ist attraktiv für deutsche Firmen. Deutschland, die erfolgreichste Volkswirtschaft in Europa, wiederum verlockend für die Konzerne aus dem Reich der Mitte. Noch ist das Verhältnis etwas ungleichgewichtig. 2016 hat Deutschland in China 76 Milliarden Euro investiert. Die Chinesen in Deutschland nur vier Milliarden.

Aber der Druck der Chinesen wird größer. Es gilt, nach Wegen mit einem Partner zu suchen, der den Anspruch hat, bis 2030 die führende Macht in der Welt zu werden. Da heißt es aufzupassen, nicht unter die Räder zu kommen. Und den in vielen Bereichen noch existierenden Vorsprung irgendwie zu halten. Die Kanzlerin weiß, wie schwer das ist. Die Devise lautet: Man darf seine Kräfte nicht überschätzen.

Angela Merkel kann "chinesische Karte" gegenüber Trump nicht ausspielen

Merkels Stichwort auf der China-Reise heißt dazu "Reziprozität" – es ist die wirtschaftspolitische Variante eines "Wie Du mir so ich Dir". Nach dem Gespräch mit dem Ministerpräsidenten spricht sie von den vermehrten Investitionen der Chinesen in Deutschland. "Ich will ausdrücklich sagen, dass uns das Recht ist." Die Kanzlerin weiß, dass die USA diese Haltung für "tollkühn" halten. Sie weiß aber auch, dass die USA in diesen Fragen ein ganz anderes Gewicht haben.

Für Merkel heißt das auch, dass sie die "chinesische Karte" nicht ausspielen kann, um das angeschlagene Verhältnis zu den USA des Donald Trump zu verbessern. Zwar begrüßt die Kanzlerin, dass auch Peking am Iran-Abkommen festhalten will. Im Gegensatz zu Deutschland aber verfügt China über Mittel und Wege, sich gegen fällige Sanktionen der Amerikaner zu wehren, die Trump auch gegen Firmen verhängen will, die mit Iran weiter Geschäfte machen. In Peking sagt Merkel: "Es kann sein, dass ein Teil unserer Unternehmen weggeht." Andere würden dann womöglich ihre Geschäftsbeziehungen verstärken.

Auch beim Gespräch mit Präsident Xi deutete Merkel an, dass man bei aller Kooperationsbereitschaft genau schauen werde, wie sich die Chinesen in Handels- und Wirtschaftsfragen verhalten werden. "Die Frage der Marktzugänge wird eine große Rolle spielen", sagte Merkel.