Angela Merkel Gewählt, aber nicht geliebt


Angela Merkel und die Deutschen: Die Macht hat sie - die Menschen muss sie noch gewinnen. Denn die erste Kanzlerin und ihr Volk sind sich fremd. Es ist, als trenne sie Unaussprechliches - am Ende doch die Frauenfrage? Merkels Kanzlerschaft stellt die Deutschen auf eine Probe.

"Kann dieses Gesicht eigentlich auch mal lächeln?", fragten früher die Fotografen, die wieder und wieder an ihr verzweifelten. Jetzt ist sie Kanzlerin, und jetzt wissen wir: Doch, dieses Gesicht kann lächeln. Manchmal scheint es so-gar, als wolle Angela Merkel erste vorsichtige Flirtversuche unternehmen mit diesem Volk, das sie bei der Bundestagswahl vor zwei Monaten noch so gedemütigt hat.

Sie hat es geschafft, doch noch: Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland - die erste Frau, die ganz nach oben durchgekommen ist. Es ist eine historische Zäsur. Gern wüsste man, wie es Angela Merkel jetzt eigentlich geht. Aber wer sie fragt, bekommt seltsam dürre Antworten. Sie redet von großen Herausforderungen. Von viel Arbeit.

Manchmal, wie vergangene Woche auf dem "Südpfalz-Treffen" der CDU, streckt sie die Hand aus, wenn sie durch Menschenspaliere geht. Und die Leute greifen dann nach ihr, um zu wissen, wie das ist: das neue Kanzlergefühl, das Merkel-Gefühl. Ihr Händedruck ist angemessen - fest, aber nicht zu fest. Eine richtige Berührung ist das noch nicht.

Ein Gefühl der Fremdheit, auch der Beklemmung, liegt über allem. 64 Prozent aller Deutschen glauben, dass keine der Parteien die Probleme des Landes lösen kann. Das heißt eigentlich: auch die neue Frau im Kanzleramt nicht. Könnten sie ihren Regierungschef direkt wählen, würden sich auch jetzt noch 44 Prozent für Gerhard Schröder entscheiden, nur 31 Prozent für Merkel. Und der neue SPD-Chef Matthias Platzeck liegt mit 43 zu 32 Prozent schon vor der CDU-Frau.

Es muss eine große emotionale Leerstelle in diesem Volk geben, so etwas wie einen politischen Phantomschmerz. Angela Merkel ist gewählt, aber sie wird noch nicht geliebt. Sie hat die Macht - aber die Deutschen muss sie noch gewinnen. Sie steht jetzt immer vor blauen Wänden, mit hauchzarten Wölkchen, auf denen steht: "Besser für die Menschen." Aber ihre Worte machen niemanden frei, sie legen sich wie Betonplatten übers Land: Harte Arbeit. Einzige Alternative. Die Vorteile überwiegen die Nachteile.

Ab und zu klagt sie:

"Man kriegt ja vom Leben draußen gar nichts mehr mit." Dann müssen Mitarbeiter ihr erzählen, dass viele Frauen jetzt Telenovelas wie "Julia - Wege zum Glück" gucken. Sie wusste das noch gar nicht. Sie will unsere Probleme lösen. Aber: Kennt sie uns überhaupt? Mag sie uns überhaupt? Und: Kennen wir sie eigentlich?

Was ist das bloß für eine verdrehte, komplizierte Beziehungskiste zwischen Angela Merkel und den Deutschen? Wir teilen doch schon eine ganze Geschichte mit ihr. Vor Jahren war sie es, die sagte: "Ich biete den Menschen in Deutschland einen neuen Vertrag an." Und im Sommer stellte sie sich ins Berliner Konrad-Adenauer-Haus und kündigte an: "Ich will Deutschland dienen." Eigentlich ist die ganze Geschichte der Angela Merkel eine Geschichte von Versuchen, mit den Deutschen ins Gespräch zu kommen. Aber das Gespräch ist so schwierig. Vielleicht hat es bisher noch nie richtig stattgefunden.

Man traut ihr viel zu - hat aber auch das Gefühl, ihr sei alles zuzutrauen. Sie ist die unheimliche Kanzlerin - die fremde Frau im Zentrum der Macht. Und immer noch hängt, wie eine absurd gewordene Verheißung aus fernen Wahlkampfzeiten, ihr feenhaftes Porzellangesicht am Adenauer-Haus und verkündet: "Ein neuer Anfang". An diesem Porzellangesicht gleiten alle ab. Das ist nicht Merkel, das spürt jeder. Es ist eine surreale Situation.

Ihre Rede kennt jetzt keine Visionen mehr, nur noch Unvermeidbarkeiten. "Wir müssen aus den zur Verfügung stehenden Euros mehr machen", sagt Angela Merkel gern. Oder: "Wir müssen so viel besser sein, wie wir teurer sind. Das ist ein unumstößliches Gesetz, und das müssen die Menschen verstehen." Müssen, müssen, müssen - wenn es so etwas wie ein Merkel-Gefühl gibt, mit dem diese Kanzlerschaft beginnt, dann ist es dieses nicht enden wollende Müssen, Müssen, Müssen.

Bevor sie mit den Deutschen redet, nimmt sie ihre Armbanduhr ab und legt sie vor sich aufs Pult, damit sie die Zeit nicht aus den Augen verliert. Von den Rednertribünen der Republik blickt sie dann auf ein ängstliches, lethargisches Volk, und wahrscheinlich hat sie das Gefühl, dass sich dieses Volk ihren schmerzhaften Botschaften mit einem nur schwer zu fassenden, dafür aber umso hartnäckigeren Ingrimm verweigert.

Unten aber spürt man, dass hier nicht mitfühlend geworben wird, sondern ein Akt argumentatorischer Überwältigung stattfindet. Es ist etwas seltsam kurz Angebundenes in ihrer Rhetorik, oft liegt eine Atmosphäre latenter Gereiztheit über ihren Auftritten. Vor dem Arbeitgebertag hält sie sich nicht lange mit Ludwig Erhard auf, sondern sagt Sätze wie: "Über die weiteren Sparanstrengungen werden Sie rechtzeitig informiert."

Man spürt in solchen Momenten die rigorose Strenge des evangelischen Pfarrhauses. Bei aller Präzision ihrer logischen Ableitungen sendet sie unklare Signale. Was heißt es, wenn sie sagt, dass sie "an ihren eigentlichen Plänen" festhalte? Sind Nullrunden für Rentner und höhere Mehrwertsteuer nur Sanierungsmaßnahmen, um das Land, das wir kennen, zu retten - oder Vorstufe für die eigentliche, die immer noch von ihr erträumte andere Republik? Was hat sie mit uns vor? Eine Diskussion findet nicht statt. Seit Dienstag regiert Angela Merkel - und seitdem regiert der Sachzwang das Land.

Es gibt die These, sie habe die Deutschen nach dem rot-grünen Budenzauber unerbittlich vor die Realitäten von Globalisierung, Überalterung und Standortwettbewerb gezwungen - und damit auf das eigentlich Politische zurückgeworfen. Aber bedeutet die beginnende Ära Merkel nicht das Gegenteil - die Verabschiedung von Politik durch die Diktatur angeblich unabweisbarer Notwendigkeiten? Oder, umgekehrt: Sind wir am Ende nur Objekte in dem großen Umbauprogramm, von dem sie sich nie verabschiedet hat? "Die Leute müssen bei Merkel das sachlich Notwendige einfach schlucken", analysiert der Hamburger Soziologe Heinz Bude. "Aber eine Zivilgesellschaft schluckt nicht. Wo ist bei ihr eigentlich so was wie Gesellschaft?"

Bis heute ist sie für die Deutschen eine schattenhafte Erscheinung, die Fremdheit bleibt ihr ständiger Begleiter. Ohne Ende sieht sich die Rätselhafte mit Nachfragen konfrontiert: "Welche Bücher lesen Sie, welche Musik hören Sie? Ich meine, irgendwoher müssen Sie es doch nehmen!", fragt eine Zuhörerin in der Katholischen Akademie in München. Merkel gibt eine Merkel-Antwort: "Ich hatte eine schöne Kindheit. Und Musik ist natürlich auch etwas, was mir Freude bereitet."

Ganz altbürgerlich trennt sie Privates von Politischem, wohltuend nach dem eitlen Exhibitionismus von Rot-Grün. Bei der Einweihung der Dresdner Frauenkirche singt sie die Kirchenlieder auswendig, mit allen Strophen. Aber zu ihrem Glauben bekennt sie sich erst auf Nachfrage, und die Gottesdienste vor CDU-Parteitagen waren ihr lange unheimlich.

Dabei ist es nicht so, dass sie uns meidet. Sie will mit uns in Kontakt kommen - nur ist das, was sie von sich zeigt, so uneindeutig. Wer Merkel-Fotos aus den vergangenen Jahren nebeneinander legt, dem flimmert es vor Augen: Man sieht die burschikose Ossi-Frau mit praktischem Kurzhaarschnitt, dann Kohls "Mädchen" im weiten Rock, zuletzt die Powerlady, die im Hosenanzug das Kanzleramt stürmt - aber auch, vor dem Festspielhaus zu Bayreuth: eine damenhafte Erscheinung in Apricot. Man sieht alles - und nichts.

Sie versucht jetzt, Kontrolle zu bekommen über das Bild, das die Öffentlichkeit sich von ihr macht. Sie erzählt, dass sie für ihren Mann Kartoffelsuppe kocht, und berichtet vom Gemüseanbau beim Wochenendhäuschen in der Uckermark. Es ist ein stilles Werben um die Deutschen, aber immer scheint sie auch zu denken: Was wollen die bloß von mir? Am nächsten Tag steht sie wieder als Machtpolitikerin auf der Staatsbühne. Und die Leute fragen sich: Das alles soll Angela Merkel sein? Kann das stimmen? Will sie in dem Vexierspiel, das sie inszeniert, am Ende doch nichts von sich preisgeben?

Bis heute hat sie, anders als ihre Vorgänger, keine Erzählung von sich. Helmut Kohls Urlaubsidyll mit Streichelzoo am Wolfgangsee wärmte die Seele der Deutschen. Und kaum einer kannte Schröder persönlich, aber jeder hatte das Gefühl, mit ihm schon an der Theke gestanden zu haben. Mit Merkel verbindet sich, trotz der Bilderflut, die sie produziert, kein Bild. Sie ist die Frau ohne Eigenschaften. Und weil sie über sich selbst nicht wirklich reden kann - oder will -, muss sie ständig über Sachen reden. Im Publikum aber reißen die Spekulationen über ihre Frisur, ihre Kosmetik, ihre Mundwinkel nicht ab. Und manchmal hat man das Gefühl, dass sich darin nur die fortwährende Unsicherheit darüber ausspricht, wer sie ist und was von ihr zu erwarten ist.

"Für die Deutschen ist sie weder Ossi noch Wessi, weder Mann noch Frau", sagt der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter. Nur wegen dieser "spezifischen Eigenschaftslosigkeit", so Walter, konnte die Wahlkampfagitation verfangen, in der sie als kaltherzige Ideologin karikiert wurde, die im Auftrag der Wirtschaft den Sozialstaat zertrümmern wolle. Sie war die ideale Projektionsfläche für ein von Ängsten besetztes Bild: das Kapital und das Mädchen.

Trotzdem lag die Union stabil über 40 Prozent, bis dicht vor der Wahl. Erst dann folgte das, was Merkel "den Hammerschlag" nennt: der Absturz auf 35,2 Prozent, ein zuvor nie angekündigter und danach nie erklärter Liebesentzug, plötzlich und brutal - als hätten die Deutschen in einer letzten Panikattacke Reißaus genommen vor ihr. Der Mainzer Kommunikationsforscher Hans Mathias Kepplinger vermutet dahinter Motive, die für Merkel hochgradig verletzend sind - und für die Deutschen beschämend: Nicht "Kopfpauschale" oder "Merkel-Steuer" waren die eigentlichen Gründe. Es war ihr Sosein. Es war der Faktor Frau.

"Das Frauenthema

wollten wir offensiv angehen", heißt es im Adenauer-Haus. "Wir dachten: Das kann doch kein Problem sein." Kepplinger aber hat festgestellt, dass die Wähler bei Umfragen gern nach "sozialer Wünschbarkeit" antworten. Sie geben vor, nach allgemein akzeptierten Kriterien wie "Kompetenz" oder "Erfahrung" zu entscheiden. In Wahrheit entscheiden sie nahezu ausschließlich nach einem Kriterium: Sympathie. Merkel war ihnen nicht sympathisch, insbesondere als Frau.

Für konservative Frauen, für Männer der Mittel- und Unterschicht müsse "ein Bundeskanzler durchsetzungsfähig und machtbewusst sein, eine Frau dagegen fürsorglich und anschmiegsam", sagt Kepplinger. "Zwischen diesen Rollenerwartungen hat sich Merkel vollkommen verheddert." Zwar sagen 77 Prozent der Deutschen: "Eine Frau im Amt des Bundeskanzlers finde ich gut." Aber nach Kepplingers Analyse sind sie "weit stärker in traditionellen Geschlechterbildern befangen, als sie es sich selber zugeben". Das heißt: Die Umfragen haben gelogen. Die Deutschen haben gelogen.

So ist auch zu erklären, warum ausgerechnet die Zuckerschnute Doris Schröder-Köpf sich ohne größeren Protest als emanzipiertes Gegenbild inszenieren und Merkel wegen ihrer Kinderlosigkeit die Kompetenz für Familienpolitik absprechen konnte. Und warum Leitartiklerinnen sich im Gestus weiblicher Unterwerfung hinreißen ließen, den testosteronseligen Macker Schröder nach seinem TV-Auftritt am Wahlabend als "unermüdlichen Krieger" anzubeten.

Merkel, die kinderlose Politikerin, hat mit ihrem Machtanspruch diesen emotionalen Urschlamm aufgewirbelt. Für einen Moment hat sie an den dunklen Antrieben und sorgfältig beschwiegenen Tabus einer sich aufgeklärt empfindenden Gesellschaft gerührt. Vielleicht hassen sich die Deutschen dafür. Vielleicht wollen deshalb die unguten Gefühle nicht weichen gegenüber der Frau, die sie nun als Doch-noch-Kanzlerin täglich daran erinnert, dass eben nichts normal ist, wenn hierzulande eine Frau nach dem höchsten Regierungsamt greift.

Bis heute ist das verletzende Zurückweisungserlebnis, das Merkel erfahren hat, nicht aufgearbeitet. "Wir hatten gar nicht die Zeit, darüber nachzudenken", heißt es in ihrem Umfeld. "Wir mussten vom ersten Tag an ums Überleben kämpfen." In gegenseitiger Angststarre stehen sich Volk und Kanzlerin nun gegenüber.

Vorsichtige Wiederannäherungen

sind unübersehbar. Trotzdem scheint sie immer noch etwas belustigt, fast schnippisch auf Umständlichkeiten und Sentimentalitäten zu schauen, die sie zumindest im westlichen Teil der Republik vorfindet. "Sie kennt die Geheimnisse der alten Bundesrepublik nicht", sagt Heinz Bude. "Und man hat auch nicht den Eindruck, dass sie diese Geheimnisse wirklich kennen lernen will."

Wenn sich der Gaststättenverband bei ihr über umständliche Genehmigungsverfahren beschwert, amüsiert sie das. Für sie sind das Live-Einblicke in die bundesdeutsche Wirklichkeit, der sie sich mit dem interessierten, aber letztlich kalten Laborblick der ostdeutschen Naturwissenschaftlerin nähert, die erst später dazukam. Das Voraussetzungslose ihrer Existenz erleichtert die Problemlösung, es hat ihren Aufstieg zur Kanzlerin vielleicht sogar erst möglich gemacht - aber die Betroffenen fühlen sich bei ihr selten verstanden, ermutigt und gemeint.

Sie kann damit, und das macht die Sache noch unheimlicher, sogar gut leben. Anders als die Generation Schröder/Fischer, die mit Doris, Marathon und anderen privaten Affentänzchen ständig um die Gunst der Deutschen buhlte und schnell nervös wurde, wenn die Zuneigung nachließ, kann sie längere Phasen öffentlichen Liebesentzugs überstehen.

Das spricht dafür, dass sie, anders als ihre Vorgänger, über eine erwachsene Persönlichkeit verfügt. Ständig scheint sie jetzt die Deutschen aufzufordern, ihrerseits das Stadium der Pubertät zu verlassen: Es geht bei ihr schließlich nicht ums Mögen, es geht um Politik. Und zwar um Politik im Stil der neuen Sachlichkeit, Politik ohne Pathos, Politik im schwarzen Hosenanzug. Das ist die eigentliche Zumutung, die ihre Kanzlerschaft darstellt.

Bedürfnisse nach Nähe

weist sie von sich, ihre Körpersprache ist voller Signale der Abgrenzung. Während sie in der ersten Reihe auf ihre Auftritte wartet, legt sie oft die Arme um sich selbst, als wolle sie sich beschützen. Sie selbst küsst nicht und umarmt nicht. Sie hält sich die Leute buchstäblich vom Leibe. "Politik muss klar sagen, was sie machen kann und was sie nicht machen kann", ist einer ihrer Lieblingssätze. Und: "Wir Politiker dürfen nicht ständig Versprechungen machen über Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben."

Einmal, es war noch zu ihrer Zeit als Familienministerin unter Kohl, traf Merkel auf der Straße eine junge Frau mit Baby auf dem Arm. Die Frau klagte über fehlende Krippenplätze und schimpfte auf kinderlose Politiker. Merkel antwortete kühl: "Ich weigere mich, zu akzeptieren, dass meine Unvollkommenheit die Legitimation dafür ist, dass Sie sich gesellschaftlich vollkommen ausbreiten. Sie müssen in Ihrer Umgebung, Ihrer Verwandtschaft eine Lösung für sich finden."

In ihrer Begriffswelt herrscht zwischen Bürgern und Politikern saubere Arbeitsteilung. Die Regierenden fungieren darin, ausgestattet mit einem Vierjahresvertrag, als Problemlösungsmaschine. Weitergehende Ansprüche - etwa auf Wärme oder emotionale Zuwendung - sind durch den Vertrag nicht gedeckt und werden zurückgewiesen. Kein Kanzler vor ihr hat das so brutal ausgesprochen. Keiner hat das innige, zutiefst romantische Verhältnis, das die Deutschen immer noch zu Staat und Politik haben, mit solch unsentimentaler Härte zerstört.

Früher strich die schwere, runzelige Hand von Helmut Kohl zärtlich über Kinderköpfe, und Gerhard Schröder versprach bedrängten Holzmann-Arbeitern Rettung. Das waren, mitten im Zeitalter der Globalisierung, immer noch Symbolhandlungen eines allzuständigen, fürsorglichen Staates. Und selbst in den Heuschrecken-Kampagnen eines Franz Müntefering war noch die Botschaft aufgehoben: Ihr seid nicht allein.

Merkels protestantische Bußpredigten dagegen enthalten eine neue, für die Deutschen verstörend klingende Mitteilung: Doch, ihr seid allein. Ich kann euch höchstens dabei helfen, "so viel besser zu werden, wie ihr teurer seid".

Die CDU, ihre CDU, dieser große, sentimentale, vergangenheitsselige Christenverein, ist darüber fast irre geworden. Nicht mal 50 Prozent der Katholiken haben bei der Bundestagswahl die Union gewählt. "Sie hat geglaubt, das Kolpinghaus spielt für die Deutschen keine Rolle mehr", sagt der konservative Publizist Alexander Gauland. "Aber sie hat sich geirrt: Das Kolpinghaus lebt!"

In ihrer Verzweiflung hat die CDU

dem Marktradikalen Friedrich Merz zugejubelt und dem Sozialpopulisten Horst Seehofer. Manchmal ruft einer auch noch nach "Leitkultur" und "Patriotismus". Aber auf der Merkel-Etage verhallt das. Mit Angela Merkel fängt etwas Neues an. Aber es geht auch viel zu Ende.

Sie spürt die Leere, die sie hinterlässt - und versucht nun eilig, Werte nachzuschieben. Sie redet über die letzte päpstliche Enzyklika und über das "christlich-jüdische Menschenbild". Und ist dann doch drei Minuten später wieder bei dem Stoff, aus dem ihre Träume sind: "EU-Chemikalienrichtlinie", "degressive Afa", oder, besser noch: "nachholender Nachhaltigkeitsfaktor". Unglaublich.

Es war vor wenigen Tagen, es war ein kleiner Parteitag der CDU. Die Delegierten hatten sich im Adenauer-Haus versammelt, sie sollten über den Koalitionsvertrag abstimmen. In Karlsruhe feierte die SPD zur selben Zeit den Abschied von "Münte" und Schröder, sie badete in großen Gefühlen. In Berlin bat Merkel um eine Schweigeminute für einen verstorbenen CDU-Wahlkämpfer. Dann sagte sie: "Wir kommen nun zu den Regularien." Die SPD weinte - und Angela Merkel kam zu den Regularien.

Später, bei der Diskussion über die neue Regierung, sah man, wie Roland Koch SMS verschickte. In der ersten Reihe versuchte Wolfgang Schäuble ein japanisches Zahlenrätsel zu lösen. Irgendwie scheint sich die CDU an die neue Kanzlerin zu gewöhnen. Irgendwann werden auch wir uns vielleicht an sie gewöhnen.

Tilman Gerwien print

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