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Anklage gegen mutmaßliche NSU-Terroristin: Zschäpes unbekannter Verteidiger

Alle Fälle vor diesem waren nur Übung: Der Kölner Strafverteidiger Wolfgang Heer wird die Rechtsextreme Beate Zschäpe verteidigen. Ein Mammutprozess - auch für den jungen Anwalt.

Von Johannes Wendt

Das Erste, was auf der Homepage des Kölner Anwalts Wolfgang Heer auffällt, sind die Presseschnipsel. Dutzende seiner Fälle zählt der Anwalt fein säuberlich auf, akkurat vermerkt mit Medium und Erscheinungsdatum. Mal geht es um illegales Glücksspiel, mal um Hanfplantagen, mal um Korruption bei einem Automobilhersteller. Am längsten aber ist die Liste zu Heers neuestem Fall, und sie wird noch sehr, sehr viel länger werden. Um was es geht, beschreibt Heer, der sich dort zwischen gediegenen Ledersesseln und Gesetzbüchern präsentiert, umständlich in drei Zeilen Juristendeutsch. Was er meint, ist: Ich vertrete Beate Zschäpe.

Nicht mal 40 Jahre alt ist der Kölner, aber er wird den wohl wichtigsten Strafprozess der nächsten Jahre zusammen mit seinen Kollegen Wolfgang Stahl und Anja Sturm als Verteidiger durchführen. Heer wird die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe, einzige Überlebende des rechtsextremen Terrortrios "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU), vertreten, die am Donnerstag von der Bundesanwaltschaft wegen Beihilfe zum Mord angeklagt worden ist. Er wird über Monate, wahrscheinlich Jahre vor dem Münchner Oberlandesgericht auftreten, und er wird nationale und internationale Presseschnipsel dazu sammeln können.

Nicht eitel, sondern ein Arbeiter

Doch so jung er ist, Eitelkeit sagen ihm die Kollegen nicht nach, jedenfalls nicht mehr, als man als Strafverteidiger eben brauche. Er sei eher akribisch und ein äußerst genauer Arbeiter. Das passt. Denn die Zahl der Akten zu den Morden, Sprengstoffanschlägen und Banküberfällen, die dem Trio angelastet werden, geht bereits jetzt in die Hunderte. Aussagen, Gutachten, Urkunden - alles müssen Heer und seine Kollegen prüfen.

Der Kölner hat in der Domstadt auch studiert und sein Examen abgelegt. Früh legte er den Grundstein für seine Karriere: Bereits als Student arbeitete Heer in einer bundesweit renommierten Kölner Kanzlei für Strafverteidigung mit. Seit 2004 vertritt er seine Mandanten selbst vor Gericht. Bislang waren es vor allem komplexe Wirtschaftsstrafsachen. Das aktuelle Verfahren dürfte das bisher schwierigste in Heers Laufbahn sein.

Trotzdem: So einen Fall würde jeder deutsche Strafverteidiger mit Kusshand nehmen, und ausgerechnet der junge Heer hat ihn bekommen. Doch die Vermutung von Kritikern, Heer könnte eine Affinität zur rechten Szene haben, ist falsch. Kollegen wissen davon nichts zu berichten, nirgendwo finden sich Hinweise, kein bisheriges Mandat geht in die Richtung. Heer ist einfach Vollblut-Strafverteidiger, und er hat und will einen richtig großen Fall.

Köln, Karneval und San Francisco

Viel Zeit für anderes, für seine Lebensgefährtin und seine Hobbys wird der junge Anwalt damit nicht mehr haben. Vor allem nicht für sein Lieblingshobby: Reisen. Wann immer es geht, verlässt er Köln und fliegt besonders gern nach San Francisco. Die Stadt, sagt er, schätzt er vor allem, weil sie so wie seine Heimatstadt ist, liberal und offen. Köln liebt er wie ein echter Kölner, inklusive Musik und Karneval - er hört gern die Bläck Fööss, die traditionsreiche Kölschband, deren Lieder in der Regel alle Kölner mitsingen können.

Am Sonntag, dem 11.11., um 11 Uhr 11, wenn in Köln die neue Karnevalssaison eingeläutet wird, kann der Anwalt dann vielleicht noch ein, zwei Kölsch mittrinken. Viel wird er von der Saison aber nicht mitbekommen - Heer muss nun bei seinem neuen Fall prüfen, ob das Gericht befangen und ob es richtig zusammengesetzt ist. Er muss die Beweise bewerten und eine Strategie für die Verteidigung entwickeln. In anderen Verfahren, wie dem Stuttgarter Islamistenprozess, hat sich Heer bissig und konfliktbereit gezeigt. Und Heer muss viel Geduld haben und vielleicht noch öfter auf Karneval verzichten - allein die Verlesung der Anklage könnte Wochen dauern.

FTD
  • Johannes Wendt