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Streitkultur: Diese Szenen bei "Anne Will" verdeutlichen das ganze Dilemma der Groko-Parteien

Die Groko-Parteien verharren in einer Schockstarre. In der Sendung "Anne Will" ist ihr Spitzenpersonal nur zu formelhaften Phrasen fähig. Wie politischer Schlagabtausch geht, zeigen dagegen Lindner und Habeck. Sie bleiben nicht abstrakt, sie gehen ins Konkrete.

Der Grünen-Chef Robert Habeck und FDP-Spitzenmann Christian Lindner

Der Grünen-Chef Robert Habeck und FDP-Spitzenmann Christian Lindner leisteten sich so manches Wortgefecht

Am Ende bleibt Olaf Scholz nur noch der vermeintliche Angriff nach vorne. "Die Bürgerinnen und Bürger wollen nicht länger warten." Oder: "Was als Allererstes passieren muss, ist, dass Ergebnisse kommen, solche, die man auch wahrnehmen kann, und dass die Arbeit sich darauf konzentriert". Doch mehr kommt nicht. Die Moderatorin Anne Will hatte den Finanzminister zuvor gefragt, wie die SPD nach der zweiten Wahlschlappe in zwei Wochen vorgehen wolle. Scholz windet sich weiter, wie er die Erfolge der Regierung besser verkaufen möchte: Niemand interessiere sich mehr für Inhalte. Will reagiert ungehalten: "Dann sollten Sie die Inhalte so erzählen, dass sie interessieren."

Auch die Generalsekretärin der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, ist nicht zu mehr fähig, als Floskeln von sich zu geben. "Wir haben die Aufgabe, es besser zu machen", sagt sie. Von Widerspruch oder einer politischen Profilierung fehlt jede Spur. Die Parteien der Großen Koalition verharren in einer Schockstarre. Sie können weder ihre Ziele noch Ergebnisse erklären. Eine Streitkultur scheint es nicht mehr zu geben. Ganze 15 Minuten dauert diese Phase bei Anne Will an. Die Minuten darauf zeigen, wie Politiker mit Selbstbewusstsein dann selber Inhalte setzen und nicht erst Anne Will darum bitten-

Lindner und Habeck bringen Würze in die Sendung "Anne Will"

FDP-Chef Christian Lindner setzt an und bereitet dem ein Ende. Er ist mit seinem Konterpart Robert Habeck von den Grünen sowas wie die treibende Kraft der Sendung. Sie duzen sich, unterbrechen einander und viel wichtiger: Sie trumpfen mit politischen Konzepten auf, die sie klar unterscheidbar machen. 

An keiner Stelle der Sendung wurde das deutlicher als beim Thema-Klimapolitik. Lindner hatte schon in der Vergangenheit die Grünen mehrmals als "Klima-Nationalisten" geschmäht. Aus guten Gründen wie er in der Talkshow noch mal befand. Habeck zürnt wegen dieser Attacke: "Diese Wortwahl ist grenzwertig", motzt er. Lindner sieht keinen Anlass einzulenken und kartet nach. Reine nationale Klimaschutz-Maßnahmen wie beim Hambacher Forst würden verpuffen, wenn in Polen weiter Braunkohle-Reviere entstünden. So lasse sich keine Klima-Erwärmung verhindern. Nationale Lösungen seien zahnlos. Habeck hält dagegen: "Die Grünen sind die ersten die Lösungen zu drängenden Problemen präsentieren." Eben das wollten die Menschen sehen. "Kannst Du mal zur Kenntnis nehmen, dass wir zu viel Braunkohlestrom produzieren?", blafft er Richtung Lindner.

Schlagabtausch ohne böses Blut

Einig wurden sich beide Alpha-Tiere in dieser Frage nicht mehr. Doch sie führten mit ihrem Disput vor Augen, dass Talkshows zu mehr fähig sind, als die bräsigen Floskeln aus den Groko-Parteien zu bieten. Während Kramp-Karrenbauer und Scholz wie versteinert dasaßen und roboterhaft Phrasen abspulen, entwickelt sich zwischen Habeck und Lindner eine echte Dynamik, die beiden scheren sich nicht um das Grundthema der Sendung. Das kritisiert zwar Anne Will, aber Habeck und Lindner beweisen, dass man nicht immer gefragt werden muss, um Inhalte in den Vordergrund zu rücken. Statt abstrakt anzukündigen, man wolle ab nun über Inhalte sprechen, machen sie es einfach. Besonders erfreulich: Trotz aller Härte ihres Streites verstanden sich beide bestens. Koalitionen zwischen ihren Parteien scheinen bei allen Unterschieden nicht ausgeschlossen.

sos