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Applaus für Westerwelle bei Neujahrsempfang "Ich will nur im Maschinenraum stehen"

Mehr als 1000 Menschen sind zum Neujahrsempfang der nordrheinwestfälischen FDP nach Düsseldorf gekommen, um Guide Westerwelle zu hören. Der redet sich in Rage und gießt alten Wein in neue Schläuche.
Von Frank Gerstenberg, Düsseldorf

Das Publikum beim Neujahrsempfang der nordrhein-westfälischen FDP in Düsseldorf durfte gespannt sein. Einen "innenpolitischen Aufschlag" hatte Guido Westerwelle versprochen. Sollte es gleich ein Ass werden? Und wer würde der Gegner sein auf dem court beziehungweise - um bei Westerwelle zu bleiben - dem Beach-Volleyballfeld?

Eigentlich kommt ja nur einer in Frage: Philipp Rösler, der FDP-Vorsitzende und Nachfolger des einstigen "Mr. 18 Prozent". Plant Westerwelle also insgeheim die Entthronisierung des FDP-Chefs, der mit seiner blau-gelben Freiheits-Firma in argen Lieferschwierigkeiten steckt? Ein Remake also des Klassikers "Oskar in Mannheim" aus dem Jahr 1995? Nein, nein, betonte Westerwelle schon am Vortag in einem Interview, er "unterstütze die neue Parteiführung ohne Wenn und Aber" und wolle sich lediglich "vor sie stellen". Das war heute, jedenfalls was den ersten Mann im FDP-Staat betrifft, jedoch schlechterdings nicht möglich: Rösler weilte beim Neujahrsempfang des FDP-Kreisverbandes im hessischen Gießen.

Zentrale Botschaft: Die FDP wird gebraucht

Die vollmundige Ankündigung eines "innenpolitischen Aufschlags" zeigt die Skurrilität der einstigen Spaß-Partei auf. Man stelle sich vor, ein Außenminister wie Frank Walter Steinmeier wäre mit einem solchen Getöse vorgefahren. Sie zeigt aber auch das Aufmerksamkeitsdefizits-Syndrom einer Partei, die so dringend jemand braucht, der den Leuten "draußen" erzählt, dass sie gebraucht wird. Die FDP wird gebraucht, das war denn auch die zentrale Botschaft dieses Neujahrsempfangs.

Tatsächlich löste Westerwelle in Düsseldorf zumindest in einem Punkt ein, was sich der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki vom einstigen Lautsprecher der Partei erhofft: Ein Volkstribun zu sein, der "Menschen in Wahlkämpfen fesselt und Hallen mit mehr als 1000 Menschen" rockt. So viel kamen tatsächlich zum Neujahrsempfang der derzeitigen Zwei-Prozent-Partei FDP in einem weitgehend wahlfreien Jahr. Für FDP-Landeschef und Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr zeigt dies: "Liberale stehen zusammen auch in schwierigen Zeiten." Der politische Jahresauftakt im Düsseldorfer Maritim war somit schon allein qua Masse eine deutlich lebendigere Veranstaltung als der Totentanz "beim Dreikönigstreffen in Stuttgart" vor Wochenfrist, als ein einsamer Parteichef Philipp Rösler mit seinem Döring wie zwei Aussätzige an einem Tisch saßen, dem sich trotz des hübschen Dekors in Gestalt zweier JuLi-Frauen kaum "Parteifreunde" nähern wollten.

Heilsbringer Westerwelle

In Düsseldorf sah es anders aus: Eine gelöste Stimmung schon beim Defilee am Eingang, vor dem die Liberalen - man glaubt es kaum - in einer langen Schlange standen, um sich gegenseitig die Hand zu schütteln und sich ein "frohes neues Jahr" zu wünschen. Im Mittelpunkt natürlich der Außenminister der um 11.20 Uhr mit Ehemann Michael Mronz kommt, den Liberalen ein glückliches Lachen ins Gesicht zaubert und das wohltemperierte Bad in der Menge sichtlich genießt. Nicht wenige, die ihn jetzt mit leicht verklärtem Blick wie einen Heilsbringer betrachten und ihm Bilderrahmen zum Signieren reichen, sägten vor Jahresfrist noch an seinem Stuhl.

Aber egal, "das Jahr 2011 war für die FDP kein einfaches", sagt FDP-Landeschef Daniel Bahr, "das Jahr 2012 muss der Startschuss für den beginnenden Wiederaufstieg der FDP sein, sagt NRW-Fraktionschef Gerhard Papke". Das Selbstvertrauen dieser Partei scheint jedenfalls ungebrochen, und das "Wegmoderieren" noch keine Parteilinie der Liberalen geworden zu sein. Daniel Bahr stellt die FDP als "einzige Partei" dar, die sich für "Wachstum" einsetzt, als "einzige Partei, die auf der Schuldenbremse beharrte", als Partei "der Freiheit und des Wohlstandes", des "Fortschrittes und der Innovation".

"Leistung muss sich wieder lohnen" als Geisteshaltung

Guido Westerwelle hatte einen "innenpolitischen Aufschlag" versprochen. Zunächst fliegt er jedoch einige Schleifen über die Außenpolitik. Dabei präsentiert sich der einstige Spaß-Politiker aus Bonn als Staatsmann, der mittlerweile die Welt kennt. "Europa", habe er festgestellt, "ist das größte Friedensprojekt, dass es je auf diesem Kontinent gegeben hat". Die FDP sieht er in diesem großen Ganzen in einer bedeutenden Rolle: "Wir wollen die Anwälte Europas sein."

Dann passiert etwas Bemerkenswertes: Westerwelle gießt alten Wein in neue Schläuche: Den Wahlkampfschlager "Leistung muss sich wieder lohnen" adelt und verkauft er als "europäische Geisteshaltung". Zwischen Demut und Hochmut stehe der Mut, zitiert er Theodor Fontane und für diesen Mut stehe die FDP - trotz aller Häme und Widerstände, die sich letzten Endes ohnehin in Wohlgefallen und Zustimmung auflösten. "In den 60er Jahren schrieben die Zeitungen die FDP bereits tot. Die FDP gibt es immer noch, die Zeitungen nicht mehr." Da ist er, der Kämpfer, der Mutmacher, das Schlachtross, das nicht nur Kubicki sich wünscht.

Er, Westerwelle, sei nicht mehr bereit, zuzuschauen, den Zeitgeist, nachdem "für alle alles kostenlos ist, mitzumachen", und dann keilt er, wie man ihn kennt oder besser gesagt, vor seiner einjährigen Abstinenz und dem Sturz vom Parteivorsitz kannte: Auf die Piraten, die Eigentumsdiebstahl im Internet für liberal halten, auf die Grünen-Politikerin Renate Künast, die von der "schlechtesten Regierung aller Zeiten in Deutschland" spricht und damit ein fragwürdiges historisches Gedächtnis offenbare, auf SPD-Chef Sigmar Gabriel, bei dessen Anbiederung an den Liberalismus "die Hühner lachen".

"Westerwelle wäre der denkbar beste Parteichef"

Er war wieder bei sich, bei seiner "Herzensangelegenheit" und bei seiner "Familie", der FDP, und die bei ihm. Lachen, Beifall im Saal, wie es ihn lange nicht mehr gab. Die Zuhörer kommen ins Grübeln. Redet da der neue alte Vorsitzende, wäre er nicht doch der bessere Parteichef? Für FDP-Wähler Hans-Günter Kerstan (77) aus Iserlohn besteht hier kein Zweifel: "Wäre er nicht Außenminister, wäre er für mich der denkbar beste Parteichef. Zwei Vollzeitjobs sind jedoch zuviel." Gustav Dieter Edelhoff (74) ärgert sich regelrecht, dass Westerwelle das Außenministerium übernommen hat. "Das ist der Grund, warum er sich so abgewrackt hat."

Edelhoff und Kerstan sind nicht die einzigen unter den 1000 Besuchern dieses Neujahrsempfangs, die nach der fulminanten Rede Westerwelles und dem lang anhaltenden Beifall ins Grübeln kommen, auch darüber, warum der Parteivorsitzende Philipp Rösler bei der ersten innenpolitischen Rede Westerwelles nach fast einem Jahr zum Kreisverband nach Gießen und nicht nach Düsseldorf gefahren ist. "Da hat doch einer seinen Terminplan nicht im Griff", so ein Besucher. Westerwelle tritt derweil allen Avancen entgegen. Es habe ein "Rumoren" gegeben, ob er denn in Wahrheit mit seinem Auftritt nicht "etwas anderes vorhabe". Aber: "Leute, das habe ich hinter mir. Doch ich habe etwas vor mir: den Wiederaufstieg der Partei." Und welche Rolle will er bei diesem ambitionierten Vorhaben spielen? "Ich stehe nicht auf der Brücke, sondern im Maschinenraum, da will ich weiter mitmachen."

Was derartige Beteuerungen in diesen wulffschen Zeiten wert sind, bleibt dahingestellt. Am Ende stellen sich zwei Fragen: Was genau war jetzt der "innenpolitische Aufschlag"? Und: Wer braucht hier wen dringender? Eine bedeutungslose Partei einen Volkstribun, oder ein bedeutungsloser Außenminister eine Partei, mit der er so schön spielen kann? Die Befürchtung könnte nicht ganz unbegründet sein, dass hier der Lahme den Blinden führt, was ja ein Fortkommen nicht grundsätzlich ausschließt.

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