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Kanzlerkandidatin der Grünen Baerbock und das "N-Wort": Das sagt ein Politikberater zu ihrer Reaktion

Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Parteivorsitzende und Kanzlerkandidatin
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Parteivorsitzende und Kanzlerkandidatin
© Fabian Sommer / DPA
Annalena Baerbock hat in einem Interview das "N-Wort" reproduziert. In einer ersten Reaktion tritt die Kanzlerkandidatin der Grünen die Flucht nach vorne an. Hat sie aus vergangenen Fehlern gelernt?

Schon wieder eine unliebsame Schlagzeile, die es abzuräumen gilt. Das Thema hat Brisanz, der Zeitpunkt – acht Wochen vor der Bundestagswahl – ist denkbar ungünstig und der Status quo ohnehin: schwierig. Eine aktuelle Umfrage verortet Annalena Baerbock im Rennen ums Kanzleramt hinter der Konkurrenz. Fehler gilt es daher zu vermeiden, vor allem für Baerbock, deren Reputation bei den Wählerinnen und Wählern zuletzt wegen einer Reihe von Patzern gelitten hatte.

Als einen "Fehler" bezeichnet Baerbock den aktuellen Vorfall nicht, doch sie sagt: "Das war falsch und das tut mir leid." Die Co-Parteichefin und Kanzlerkandidatin der Grünen hatte in einem Interview das "N-Wort" zitiert und damit reproduziert (der stern berichtete). Mit dem Begriff "N-Wort" wird heute eine früher gebräuchliche rassistische Bezeichnung für Schwarze umschrieben.

Die "Bild"-Zeitung berichtete von "neuer Aufregung" um Baerbock – die die Grünen-Politikerin nun mit einer Flucht nach vorn zu vereiteln versucht. In mehreren Beiträgen auf Twitter äußerte sich die Kanzlerkandidatin zu den Hintergründen ihrer Aussagen und machte die kritisierte Passage öffentlich. Das Gespräch für die "Tachles Arena" wird am 1. August vom Zentralrat der Juden ausgestrahlt. 

Offensiv statt defensiv, schnell statt schleppend, klar statt kryptisch – geht so gute Krisenkommunikation?

"Die Reaktion von Annalena Baerbock in diesem Fall finde ich extrem souverän", sagt der Politikberater Martin Fuchs zum stern. Fuchs hat als Politik- und Strategieberater gearbeitet und ist Experte für politische Kommunikation. "Sie reagierte sehr schnell und machte den Kontext des Fehlers sehr klar und schafft es damit erfolgreich, das versuchte Framing zu widerlegen."

Die "Bild"-Zeitung wies im Zuge ihrer Berichterstattung darauf hin, dass Tübingens Bürgermeister Boris Palmer (Grüne) das "N-Wort" ebenfalls verwendete – angeblich ironisch – und Baerbock daraufhin einen Partei-Ausschluss ins Spiel brachte. Sie kritisierte Palmers Aussagen als "rassistisch und abstoßend". Wird hier mit zweierlei Maß gemessen?

Experte: Baerbock hat Fehler "schnell und umfangreich ein- und abgeräumt"

Baerbock wies das in ihrer Stellungnahme zurück. Es sei "offensichtlich, dass es sich um zwei verschiedene Dinge in unterschiedlichen Kontexten handelt." Deshalb mache sie den Vorgang und die Hintergründe öffentlich. Baerbock erklärte, sie habe in dem Gespräch über Antisemitismus und Rassismus von einem Vorfall an einer Schule in ihrem Umfeld erzählt. Dort hätte sich ein Schüler geweigert, eine Bildergeschichte zu einem Arbeitsblatt zu schreiben, auf dem das Wort stand.

"Leider habe ich in der Aufzeichnung des Interviews in der emotionalen Beschreibung dieses unsäglichen Vorfalls das Wort zitiert und damit selbst reproduziert", so Baerbock. Während der Aufzeichnung sei ihr das bewusst geworden. Sie wisse um den rassistischen Ursprung des Wortes und die Verletzungen, die schwarze Menschen dadurch erführen.

In den Augen von Politikberater Fuchs habe Baerbock ihr Fehlereingeständnis "geschickt" genutzt, um über das Thema Rassismus zu sprechen und die Haltung der Grünen klar zu machen. "Dies ist zum einen wichtig für die Wähler:innen-Klientel der Grünen, als auch für den gesellschaftlichen Diskurs über Alltagsrassismus." Der eigentliche negative Anlass der Berichterstattung werde so zur "Bühne, um eine konstruktive Debatte über die Verwendung des N-Wortes und seine Reproduzierung zu führen." Zudem zeige Baerbocks Reaktion, dass sie konstruktive Kritik ernst nehme und bereit sei dazuzulernen.

Die vergessenen Weihnachtsgeldzahlungen, die Patzer im Lebenslauf und die Plagiatsdebatte – zuletzt hatte sich Baerbock einige Wahlkampf-Patzer geleistet, die offenbar auch Spuren in den Umfragen hinterlassen haben. Innerhalb weniger Wochen war die komfortable Ausgangslage der Grünen und ihrer Kandidatin dahingeschmolzen, sowohl die Kandidatin als auch ihre Partei verloren an Zustimmung in der Wählergunst. Ein Grund dafür war vermutlich auch die vor allem defensive Krisenkommunikation der Kanzlerkandidatin, die Kampagnen-Analyst Eric Wallis im stern als "zu spät" und "spürbar undeutlich" einschätzte.

"Im Gegensatz zu vorherigen Fehlern hat sie diesen hier schnell und umfangreich ein- und abgeräumt", meint Politikberater Fuchs. Baerbock habe "proaktiv kommuniziert", noch bevor Berichterstattung stattgefunden habe und das Interview ausgestrahlt wird. "Durch die Darstellung des Kontextes wird zudem viel klarer, wie der Fehler passieren konnte und warum dieser passieren konnte, aber trotzdem falsch war." Damit habe sie eine Debatte um den Fehler gar nicht erst aufkommen lassen und die Situation neu geframet.


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