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Krisenkommunikation Er eiert, sie schwankt: Wie Laschet und Baerbock über ihre Krisen reden

Die Kanzlerkandidaten von CDU und Grünen: Armin Laschet und Annalena Baerbock
Armin Laschet, CDU-Parteichef und Kanzlerkandidat der Union, und Annalena Baerbock, Co-Parteichefin und Kanzlerkandidatin der Grünen
© Malte Ossowski/SVEN SIMON/ / Picture Alliance
Armin Laschet distanziert sich, ohne einen Namen zu nennen, und Annalena Baerbock übt Selbstkritik, ohne einen Fehler einzugestehen. Ist das gute Krisenkommunkation zweier Kanzlerkandidaten? 

Es waren acht Worte, nicht mehr und nicht weniger. Doch sie brausten durch den deutschen Blätterwald, schlugen einen Haken im kollektiven Gedächtnis. "Auch nur ein Mensch", hieß es hier. "Ein Lichtblick", hieß es dort. "Respekt, Frau Kanzlerin!", hieß es anerkennend.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte einen Fehler eingestanden. In einer Deutlichkeit, oder Seltenheit, die offenbar die zahlreichen Schlagzeilen rechtfertigte. "Dieser Fehler ist einzig und allein mein Fehler", sagte sie also Ende März. Merkel bat die Bürgerinnen und Bürger um Verzeihung, sie übernahm die Verantwortung für das "Osterruhe"-Chaos. Viele zollten ihr dafür großen Respekt, auch eine erzürnte Bundesrepublik, wie ihr Umfragen bescheinigten.    

Die Anwärter auf ihre Nachfolge, Armin Laschet (CDU) und Annalena Baerbock (Die Grünen), dürften sich derart würdigende Worte wünschen. "Lieber keine Meinung" (Laschet) oder "Bedauern war gestern" (Baerbock), heißt es bei ihnen. Beide Kanzlerkandidaten haben derzeit mit Krisen umzugehen, die sich zu handfesten Problemen in ihrem Wahlkampf entwickeln könnten – womöglich auch, weil sie klare Worte vermissen lassen.

Laschet distanziert sich von seinem, nun ja, umstrittenen Parteifreund Hans-Georg Maaßen – ohne seinen Namen zu nennen. Und Baerbock entschuldigt sich, mehr oder weniger, in der Plagiatsdebatte – ohne einen Fehler einzugestehen. Ist das gute Krisenkommunkation zweier Kanzlerkandidaten? "Beide Beispiele sind letztlich rhetorische Drahtseilakte, aber aus unterschiedlichen Motivationen", meint Eric Wallis, promovierter Sprachwissenschaftler und Experte für Kampagnen-Analysen, zum stern.

Das Problem ohne Namen

Vielleicht dachte Laschet, er könnte das Thema aussitzen, mitunter ignorieren, was im dauererregten Politikbetrieb durchaus eine Tugend sein kann. Doch der Druck wurde offenbar zu groß.

Schon wieder herrschte Empörung über alle Maaßen. Schon wieder übte der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Kritik an der politischen Ausgewogenheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Dieses Mal forderte er, die "Biografie von einigen Redakteuren mal auf den Prüfstand" zu stellen, sozusagen einen Gesinnungstest für Journalisten. Der Aufschrei war groß, auch in den eigenen Reihen. Nur der Parteichef selbst fand für Maaßen, der für die CDU in den Bundestag einziehen will, öffentlich kein klares Wort.

Bis vergangenen Montag. Zumindest intern grenzte sich der CDU-Chef ab, wenngleich er ihn nicht beim Namen genannt haben soll. Die Aussagen seien für die CDU "nicht hilfreich", soll Laschet in der Sitzung des Parteivorstands gesagt haben. "Solche Debatten schaden uns", zitierten ihn Medien. Die öffentliche (und namentliche) Distanzierung erfolgte wenig später – allerdings durch Generalsekretär Paul Ziemiak.

Insofern durfte man durchaus gespannt sein, wie sich Laschet im Live-Interview mit "Brigitte" (mehr dazu lesen Sie hier) am Mittwoch äußern würde. Wie zu erwarten distanzierte er sich von Maaßen – ohne seinen Namen zu nennen. Die Erklärung: "Ich habe einfach nicht die Absicht, zu jeder Bemerkung, die der im Laufe der nächsten Wochen macht, jedes Mal das aufzuwerten durch eine Positionierung, die ich selbst dann dagegen halte."

Ein Kampf gegen Windmühlen, ein unnötiger noch dazu? Möglich. In jedem Fall kommen Maaßens Äußerungen zur Unzeit. Die Union konnte zuletzt ihren Umfrage-Vorsprung zu den Grünen ausbauen, nun könnte der Ex-Verfassungsschutzchef kurz vor Bundestagswahl zur Belastung werden.

Laschet hat vermutlich darauf gebaut, das Thema totschweigen zu können, um es nicht zusätzlich aufzublasen. Nach deutlicher Kritik, auch aus den eigenen Reihen und vom politischen Gegner, sah er sich offensichtlich unter Zugzwang, doch noch Stellung zu beziehen. Irgendwie. Ein kluger Schachzug?

Das meint der Experte: "Laschet betreibt mit einer Namensvermeidungsstrategie eine Art Suchmaschinenoptimierung. Denn wenn die Titelzeilen im Netz und in den Zeitungen lauten würden 'Laschet will Maaßen rauswerfen', dann verliert die CDU eine Menge Stimmen, gerade im Osten. Andererseits würde er eine Flanke für seine politischen Gegner öffnen, wenn er sich nicht von Maaßens AfD-Positionen abgrenzen würde. Die würden ihn dann sofort gewaltig in die Zange nehmen. Er steht also zwischen den Stühlen und schafft es nur durch eine möglichst unklare Sprache, da rauszukommen. Das ist ein altes Wahlkampfprinzip, das bereits auf Quintus Cicero (Bruder von Marcus Tullius) zurückgeht und letztlich heißt: Schmeichle allen und versprich möglichst allen alles. Sei also nicht angreifbar." 

Sorry, not sorry

Die Eilmeldung trug sogar das Label "Exklusiv", wenngleich sich die Brisanz ihres Inhalts nicht auf Anhieb erschloss: "Baerbock übt Selbstkritik", vermeldete die "Süddeutsche Zeitung" am Mittwochabend. In der Tat hat der Bericht ein fast schon kurioses Alleinstellungsmerkmal. 

Baerbock räumt darin erstmals öffentlich ein, dass sie etwas hätte anders machen können – wenngleich sie das Wort "Fehler" vermied. "Rückblickend wäre es sicherlich besser gewesen, wenn ich doch mit einem Quellenverzeichnis gearbeitet hätte", sagte sie der Zeitung. Und: Sie nehme die Kritik "ernst". 

Die Kritik, die sie meint, dreht sich um ihr neues Buch "Jetzt: Wie wir unser Land erneuern". Mehrere Textpassagen sollen zum Teil wortgleich aus anderen Publikationen entnommen worden sein, der Vorwurf des Plagiats steht im Raum. Baerbock und die Grünen weisen diesen zurück. So oder so geht es längst um mehr: um die Glaubwürdigkeit der Kanzlerkandidatin.     

Erst die vergessenen Weihnachtsgeldzahlungen, dann die Patzer im Lebenslauf und nun die Plagiatsdebatte – das hinterlässt Spuren, auch in den Umfragen. Innerhalb weniger Wochen ist die komfortable Ausgangslage der Grünen und ihrer Kandidatin dahin geschmolzen, sowohl die Kandidatin als auch ihre Partei verlieren an Zustimmung in der Wählergunst. Während die Union wieder davonzieht. Eine schwere Hypothek, nur wenige Monate vor der Bundestagswahl.

Zeit, zu reagieren, irgendwie. Bisher hatte Baerbock immer wieder darauf verwiesen, dass sie "kein Sachbuch" geschrieben habe, sondern "das, was ich mit diesem Land machen will". Und zwar anhand von "Fakten und Realitäten", die öffentlich zugänglich seien. Demzufolge habe sie auf ein Quellenverzeichnis verzichtet, wie bei Sachbüchern üblich. Dass sie nun einräumt, ein solches wäre "rückblickend sicherlich besser gewesen", lässt sich daher durchaus als selbstkritisches Eingeständnis verstehen, ebenso der leise Offenbarungseid, sie sei da im Eifer des harten Wahlkampfgefechts "kurz in alte Schützengräben gerutscht". Nur Fehler räumt sie nicht ein, wie es in Medien heißt. Sollte sie? 

Das meint der Experte: "Baerbock muss Angriffe nicht mehr verhindern, sie ist bereits angegriffen durch eigene Fehler. Sie muss das Feuer rhetorisch irgendwie austreten. Dabei macht sie aber in meiner Analyse sprachstrategisch den nächsten Fehler. Ihr Fehler-Eingeständnis kommt, erstens: zu spät. Und ist, zweitens: spürbar undeutlich und wird daher als halbherzig wahrgenommen. Es gibt zwar das politische Mantra: Entschuldige Dich nicht. Das gilt aber vor allem in der Sachpolitik, wo du immer Umstände heranziehen kannst, die dazu führten, dass du das und jenes tun musstest. Würde sie jetzt die Umstände erklären, die zu diesem Schnellschuss-Buch führten, müsste sie zugeben, dass dieses Buch eine reines Wahlkampfmittel war. Das traut sie sich jedoch noch nicht. Dabei wäre dieses Eingeständnis wohl einer der wenigen Wege, um die Buch-Debatte abzuräumen. Stattdessen versucht sie den Drahtseilakt, sich zu entschuldigen, ohne sich zu entschuldigen. Doch das funktioniert eigentlich nie, denn halbe Entschuldigungen reifen immer zu ganzen Entschuldigungen. Diese Reifezeit ist jedoch nur eine Verlängerung der Leidenszeit. Denn, die Salamitaktik, also immer nur das zuzugeben, was gerade nachgewiesen wurde, bedeutet maximalen, weil permanenten Glaubwürdigkeitsverlust." 


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